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Zygmunt Bauman : Versöhnt mit dem Durcheinander der Welt

Theoretiker der flüchtigen Moderne: Zygmunt Bauman Bild: AP

Zygmunt Bauman lehrte, wie man in der flüchtigen Moderne einen ruhigen Kopf behält. Mit 91 Jahren ist der bedeutende polnische Soziologe gestorben.

          Die Tür stand offen, damals, vor drei Jahren, als ich das Haus von Zygmunt Bauman betrat, und ob das Zufall war oder Zerstreutheit oder doch die Praktizierung jener Gastfreundschaft, für die er in seinen Büchern immer eintrat, das habe ich ihn dann doch nicht gefragt. So gerne Bauman Besucher empfing in seinem verwitterten Einfamilienhaus am Stadtrand von Leeds, so sehr fühlte man sich doch als Eindringling, der gekommen war, um den Menschen hinter dem Denker kennenzulernen. Das einzige aber, was man aus der Anschauung der Baumanschen Lebensverhältnisse lernen konnte in seinem dunklen Wohnzimmer, war die Tatsache, dass Bauman auch im hohen Alter noch Wichtigeres zu tun hatte, als seine Energie in den Alltag zu stecken.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Bis zuletzt beschäftigte sich der Soziologe in seinen Büchern nicht nur mit aktuellen Debatten, mit Überwachung, Drohnen, Flüchtlingskrise, Trump, sondern erwies sich dabei immer als exzellent informierter Zeitgenosse, als unheilbarer Leser von Zeitungskommentaren und Blogs. „Ich bin ein professioneller Beobachter der Welt. Ich habe nichts anderes gelernt“, sagte er damals. „Meine Neugier weigert sich, in Rente zu gehen“.

          Bauman, 1925 in Posen geboren, floh nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen in die Sowjetunion. Damals erschien ihm die Idee des Kommunismus als derart reizvoll, dass er nach dem Krieg sogar als Agent des polnischen Nachrichtendienstes arbeitete. 2006 wurde dieses fragwürdige Kapitel seiner Biographie bekannt, und womöglich hätte er ein wenig mehr über seine Geheimdiensttätigkeit geredet, wenn sie ihm mittlerweile nicht viel zu stupide und überholt vorgekommen wäre: Wie differenziert man über Überwachungsregime nachdenken muss, bewies er 2013 in seinem Gesprächsband „Daten, Drohnen, Disziplin“ mit seinem Kollegen David Lyon.

          Kritiker des Totalitären

          In Warschau studierte Bauman Soziologie und Philosophie, wurde Professor in Warschau, verlor 1968 nach einer antisemitischen Kampagne der kommunistischen Partei seinen Lehrstuhl und den letzten Glauben an den Kommunismus. Nach ein paar Jahren in Israel ging er an die Universität Leeds, wo er bis zu seiner Emeritierung 1991 lehrte; danach wurde er erst so richtig produktiv. Was von seinem Werk bleiben wird, ist sicher der Schlüsselbegriff der „Flüchtigkeit“, den er seit seinem Buch „Liquid Modernity“ (2000) wie ein Markenzeichen immer wieder aufgriff: „Liquid Love“, „Liquid Fear“, „Liquid Times“, „Liquid Surveillance“ und zuletzt „Liquid Evil“ heißen die Variationen des Themas. Mit einer fast schon paradoxen Beständigkeit recycelte er sein Motiv so konsequent, dass ihm Kollegen vorwarfen, sich selbst zu plagiieren. Aber solange sowohl die gesellschaftliche Debatte als auch die sozialen Institutionen an der Illusion einer stabilen Ordnung festhielten, verloren seine Analysen nie ihre Schärfe. „Was zerschnitten wurde, lässt sich nicht mehr dauerhaft zusammenfügen“, schrieb er in „Flüchtige Moderne“, und rief seinen Zeitgenossen zu: „Lass alle Hoffnungen auf vergangene Totalitäten fahren!“

          Dass viele Baumans Diagnose vom Zusammenbruch der Gesellschaft und der Individualisierung aller Lebensbereiche in erster Linie als Kritik an den damit verbundenen Phänomenen lasen, als Warnung vor Globalisierung, Kommerzialisierung oder Digitalisierung, das ist womöglich das deutlichste Indiz für die anhaltende Sehnsucht, die Probleme von heute mit Konzepten von gestern in den Griff zu bekommen. Dabei war eine ambivalente Sicht auf gesellschaftliche Veränderungen immer das entscheidende Merkmal von Baumans Denken. Auch wenn er kaum Vertrauen in die utopischen Qualitäten der technischen Entwicklung setzte, war er doch immer ohne Nostalgie für eine Zeit, in der Autoritäten noch reibungslos funktionierten.

          Das ist umso beeindruckender, weil sich Bauman absolut bewusst war, welche fatalen Folgen diese postmoderne Bedingung für seine eigene Arbeit hatte: „Machen Sie sich keine Hoffnungen, wenn Sie die Probleme der Welt klären wollen“, sagte er 2013 im Gespräch, „es ist unmöglich“. Aber schon 1995 schrieb er in seinem Buch „Postmoderne Ethik“: „Postmodernes Bewusstsein hat sich mit der Idee ausgesöhnt, dass das Durcheinander menschlicher Grundverfassung für immer bleiben wird.“

          Wenn Bauman auf die Welt schaute, sah er ein pointillistisches Bild, ein Bild, von dem er wusste, dass man es nie komplett erfassen kann. Gerade deshalb schaute er sich die Dinge immer besonders genau an, vor allem jene, vor denen manche in Schockstarre verharren: „Der Holocaust“, schrieb er in „Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust“ (1989), „war kein Bild an der Wand, sondern ein Fenster, durch das Dinge sichtbar wurden, die normalerweise unentdeckt bleiben.“ Am Montag ist Zygmunt Bauman im Alter von einundneunzig Jahren gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

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