http://www.faz.net/-gqz-84ryy

Zum Tod von Gerhard Ritter : Am Puls der eigenen Zeit

  • Aktualisiert am

Gerhard A. Ritter 1929 - 2015 Bild: dpa

Der Historiker Gerhard A. Ritter, der im Alter von 86 Jahren gestorben ist, schuf in seinem Werk ein Bild der politischen Leistungen seiner Generation.

          Am 29. März 1929 wurde er als Sohn eines Verlegers aus dem Umkreis der sozialdemokratischen Volksbühnenbewegung in Berlin geboren. Herkunft und der Jahrgang – er teilt ihn zum Beispiel mit Jürgen Habermas, Christian Meier, Eberhard Jäckel und Ralf Dahrendorf –, lassen ein erstes intellektuelles Profil vermuten: Für diese Menschen war einerseits die Erinnerung an das NS-Regime bewusst und lebendig, andererseits – und deshalb – ist bei ihnen die geistige und seelische Identifizierung mit der Demokratie der Bundesrepublik besonders ausgeprägt. Und wenn sie historisch arbeiteten, wurden ihnen die verdrängten Potentiale der Demokratie, die gescheiterten Alternativen zum Nationalsozialismus besonders wichtig. So kam es, dass Gerhard A. Ritter mit einer Studie zur Arbeiterbewegung im wilhelminischen Reich 1952 promoviert wurde und dass seine Habilitationsschrift über die Sozialdemokratie und die Freien Gewerkschaften zwischen 1890 und 1900 hervortrat.

          Wer zählt die Bücher, die er seitdem, seit 1961 also, verfasste? Stets waren sie ebenso politisch wie sozialgeschichtlich angelegt. Die unmittelbare Gegenwart, die zur „Zeitgeschichte“ noch kaum geronnen war, wurde je später je mehr sein Arbeitsgebiet. Die jeweiligen Anteile von Michail Gorbatschow, Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher an der Wiedervereinigung auszumessen, war ihm in den monumentalen, ungemein quellengesättigten Studien „Der Preis der Einheit. Die Wiedervereinigung und die Krise des Sozialstaats“ (2007) und „Hans-Dietrich Genscher, das Auswärtige Amt und die deutsche Vereinigung“ (2013) ein Anliegen.

          Das „überlebensgroße“ Bild des Kanzlers, das sich in der öffentlichen Meinung durchgesetzt hatte, sah Ritter sehr kritisch. Genscher (Jahrgang 1927) und Kohl (Jahrgang 1930): Es war im eminenten Sinne „seine“ Generation, die er verstehen wollte. Aber es ging stets auch um die soziale Dimension dieser Ereignisse; etwa um die Frage, wie das Arbeitsrecht im Einheitsprozess behandelt wurde. Als Junge hatte er eine Ausbildung zum Industriekaufmann begonnen, die Arbeitswelt war ihm nicht nur literarisch vertraut.

          Ritter lehrte an der Freien Universität, in Münster und schließlich in München, 1994 wurde er emeritiert. Zwischen 1976 und 1980 war er Vorsitzender des deutschen Historikerverbandes. Zu seinem illustren Schülerkreis gehört unter anderem der Sozialgeschichtler Jürgen Kocka. Am 20. Juni ist Gerhard A. Ritter in Berlin im Alter von 86 Jahren verstorben.

          Weitere Themen

          Kohls loyales Mädchen

          Habermas tadelt Merkel : Kohls loyales Mädchen

          Für die momentanen Probleme der EU sei Helmut Kohl mitverantwortlich, sagt der Philosoph Jürgen Habermas. Die Politik der Loyalität des Altkanzlers werde durch Angela Merkel fortgeführt.

          Respekt!

          Deutsche Einheit : Respekt!

          Vermutlich ist die deutsche Vereinigung ein asymptotischer Prozess: Sie kommt nie an ihr Ende. So wenig wie unsere Nazi-Vergangenheit wird auch die DDR-Geschichte eine Vergangenheit sein, die nie ganz und endgültig vergeht. Das ist kein Grund für Wut und Empörung, jedenfalls dann nicht, wenn es immer wieder kleinere oder hoffentlich größere Fortschritte gibt.

          Topmeldungen

          Ein Junge liest während des islamischen Religionsunterrichts in einem Schulbuch. (Symbolbild)

          Islam als Unterrichtsfach : Kretschmann kritisiert türkische Verbände

          In Baden-Württemberg ist der Versuch gescheitert, aus Modellprojekten zum islamischen Religionsunterricht ein reguläres Schulfach zu entwickeln. Ministerpräsident Winfried Kretschmann will das Projekt retten – auf einer völlig neuen Grundlage.

          Trump zieht Bilanz : Treffen mit Putin besser als der Nato-Gipfel

          Donald Trump hat seine Europareise als Erfolg verkauft. Das Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin sei dabei sogar noch besser gelaufen als der Nato-Gipfel. Wegen möglicher Zölle auf Autos aus der EU soll es zu einem Treffen mit Juncker kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.