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Zum Tod von Henning Ritter : Aufklärung ohne Rettungsversprechen

Henning Ritter (1943 - 2013) Bild: Isolde Ohlbaum

Seine intellektuelle Einmischung bestand darin, dass er Gedanken und Texte wachhielt. Die Denkfigur, die einem ein Licht aufsteckt: Zum Tod unseres Kollegen Henning Ritter.

          Er war Anfang vierzig, als er Journalist wurde. Aber wurde er jemals Journalist? Ja, aber nur, sofern das Wort von Journal kommt. Er hätte sich die Zeitung in größeren Abständen vorstellen können. Das Alte war ihm das Neue, zu moralisieren vermochte er nur gegen das Moralisieren, Eile war ihm fremd, Zeitdiagnosen stellte er am liebsten für die Vergangenheit. Mit Gründung der Beilage „Geisteswissenschaften“ dieser Zeitung trat Henning Ritter 1985 in ihre Redaktion ein und übernahm ein Jahr später die Leitung dieses Ressorts. Er erfand diese Beilage, und er konnte das nur, weil ein ganzes intellektuelles Leben schon hinter ihm lag.

          Ein Leben an der Universität, vor allem der Freien Universität Berlin, das aber kein akademisches Leben war. Er forschte weniger, er las. Die Universität als Institution sagte ihm nichts. Er schrieb nicht viel, er exzerpierte in Mengen. Er redete auch nicht groß, er übersetzte. Seine Hörsäle hießen nicht „A“ oder „B“, sondern „Heinrich Heine Buchhandlung“, „Paris Bar“ - dort hätten sich, sagte er einmal, die 1968er mit weißen Tischdecken angefreundet - oder „Schaubühne“. Seine Lehrer lernte er nicht im Seminar kennen, er verkehrte bei ihnen. Bei Jacob Taubes beispielsweise, dem es ein eigenes Vergnügen gewesen sein muss, zum Schüler den Sohn des Münsteraner Philosophen Joachim Ritter zu haben, aus dessen eigener Schule die unabhängigsten Geister der sechziger Jahre gewachsen waren: Hermann Lübbe, Odo Marquard, Robert Spaemann.

          Das Archiv der zu Unrecht vergessenen Lektüren

          Henning Ritter kannte das Beste der deutschen Geisteswissenschaft von zu Hause. Und setzte an Unabhängigkeit noch etwas hinzu, indem er eine Existenz verwirklichte, die selten ist: ein Intellektueller, der sich nicht einmischt. Sondern lieber wiedererkennt. Oder dessen Einmischung darin bestand, dass er Gedanken und Texte wachhielt. Unter wie vielen Buchtiteln von den siebziger Jahren an steht nicht „hrsg. von Henning Ritter“! Die „Gegenseitige Hilfe“ des Fürsten Kropotkin findet sich ebenso darunter wie Lionel Trillings „Ende der Aufrichtigkeit“ und Hérault des Séchelles’ „Theorie des Ehrgeizes“, ganz zu schweigen von seinen Rousseau-Übersetzungen.

          Auch in der Redaktion der F.A.Z. war er ein zweites Archiv, das Archiv der zu Unrecht vergessenen Lektüren. Er hatte immer einen Hinweis und veranschaulichte, wie wichtig mündliche Überlieferung auch für den Zugang zu Büchern ist. Mit seinem preisgekrönten „Notizheften“ ließ er auch die Lesewelt an diesem schier endlosen Vorrat an ideographischen Beobachtungen teilhaben.

          Was ihn aufregen konnte, war Dummheit

          Es war vor allem die Welt der alten Geisteswissenschaften, die von den Purzelbäumen von 1968 und den anschließenden „turns“ zurückgelassen wurde, die er für überliefernswürdig hielt. Bei den ersten Sitzungen von „Poetik und Hermeneutik“ führte Henning Ritter Protokoll. Seine Verehrung galt Gelehrten, deren Kultur nach 1933 auseinandergerissen wurde: allen voran Karl Löwith, dem Stoiker, der er vielleicht auch gern gewesen wäre. Carl Schmitt, der mitwirkte an dem, was nie mehr zu heilen war, nannte er seinen „väterlichen Freund von früh an“, auch wenn aggressiver Katholizismus und Staatsrechtslehre gewiss das Letzte waren, mit dem er etwas anfangen konnte.

          Dafür faszinierte ihn Intelligenz. Mit Hans Blumenberg führte er nicht nur eine lebendige Korrespondenz, sein Temperament entsprach dem Ritters wohl am meisten: Aufklärung ohne Rettungsversprechen. Und zwar eine, die sich beim Nachvollzug der Denkfiguren derer ergibt, die einem ein Licht aufstecken. So wie jemand, der große Schachpartien nachspielt. Hier lag die Nähe zum großen Überlieferer Isaiah Berlin.

          Stellt man all diese Denker nebeneinander, die er verehrte, dann ist offenkundig, dass sie vollkommen konträre Gedankenwelten verkörperten. Doch für Ritter war das nicht entscheidend, sondern dass sich eine intellektuelle Landschaft abzeichnete, die nicht einmal von ihren Gegensätzen mehr etwas wissen wollte. Was ihn aufregen konnte, war Dummheit. Deshalb perfektionierte er die Nacherzählung klarer Momente in der Geschichte der Ideen. Wenn jemand sagte: „So kann man nicht mehr denken“, versetzte Ritter: „Doch, das geht.“

          Die ewige Wiederkehr der gleichen Wahrnehmungen

          Den Abschied von der Geschichtsphilosophie musste er nicht eigens vollziehen, er hielt es für unter der Würde eines denkenden Menschen, mutwillig naiv zu sein. Das Wort „anthropologisch“ übte eine Anziehung auf ihn aus, in allen Dimensionen, von Arnold Gehlen bis zu den englischen Sozialanthropologen. Pessimisten hatten immer etwas bei ihm gut, aber womöglich nur, weil die Optimisten so unerträglich waren. Seine Bücher über Mitleid und Grausamkeit beschreiben einen Bogen: von der Skepsis gegenüber Einfühlung zur Erinnerung an Humanität ohne Menschheitsversprechen.

          Seine große Liebe war die Kunstgeschichte, genauer: die Bildgeschichte. An der Tapete seines Büros hingen - neben einem Porträt Joseph Brodskys, das später manche, als es dort nicht mehr hing, für ein Porträt Henning Ritters hielten - stets andere Zeitungsausschnitte mit Motiven, in denen er Warburgs Theorie vom unbewussten Bildgedächtnis der Zivilisation bestätigt fand. Die ewige Wiederkehr der gleichen Wahrnehmungen faszinierte ihn. Über das Sammeln, die Denkmäler, die Ikonographie zog er einen Gedankenfund nach dem anderen aus dem Ärmel, immer mit aphoristischer Evidenz und niemals mit dem Willen, der Erfinder eines Gedankens zu sein.

          Eine Geschichte des Museums, die er noch vorhatte, bleibt jetzt genauso Fragment wie ein Aufsatz über die Geschichte der Maulwurfs-Metapher („der Geist, ein Wühler“), den er einst mit seinem Jugendfreund Wolf Lepenies schreiben wollte. Im Alter von 69 Jahren ist Henning Ritter, dem wir so viel verdanken, jetzt in Berlin gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

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