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Veröffentlicht: 16.06.2017, 11:03 Uhr

Zum Tod von Hans-Peter Schwarz Der konservative Anarchist

Als Zeithistoriker war er eine politische Institution, als Chronist der Bundesrepublik stets präzise und literarisch zupackend. Am Mittwoch starb Hans-Peter Schwarz im Alter von 83 Jahren.

von Ludger Kühnhardt
© Picture-Alliance Hans-Peter Schwarz vor fünf Jahren auf der Frankfurter Buchmesse.

Bis zum letzten Atemzug war und blieb Hans-Peter Schwarz ein Mann des Buches. Die Bearbeitung seiner Lebenserinnerungen legte er nur wenige Tage zuvor aus der Hand, bevor der Tod ihn überwältigte. Das Buch wird noch einmal eines seiner „Dickschiffe“ werden, wie der Historiker zu sagen pflegte. Der Nachwelt bleibt aber vorerst aufgegeben, sich an dem Buch abzuarbeiten, das Schwarz inmitten einer orientierungslos durch die Zeit ihrer Selbstgewissheit taumeldenden Nation vorlegte: Erst Anfang 2017 erschienen, hat es sein letzter Essay in sich, wie der Untertitel schnörkellos ankündigt: „Über den Verlust politischer Kontrolle und moralischer Gewissheiten“. Schwarz nannte die Masseneinwanderung nach Europa von über einer Million Menschen richtigerweise „die neue Völkerwanderung“.  Er beschrieb „das leichtsinnige erste Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts“. Der Schutz der EU-Außengrenzen und die Ursachenbekämpfung seien „eine Jahrhundertaufgabe“, die nur gelingen könne in Verbindung mit einer Reform des europäischen Asylrechts, genauer: mit der „Rückgabe des Ausländerrechts an die Mitgliedsstaaten der EU“.  Nur so sei „Schengen light“ auf Dauer zu erhalten.

Einige Male schon hatte er in dieser Weise gewirkt und provoziert: 1985 prägte er das Wort von der „Machtvergessenheit“ der „gezähmten Deutschen“ und beschrieb 1994 Deutschland gleichwohl als die „Zentralmacht Europas“, die ihrer Bestimmung nicht entgehen könne. Nun also politischer Kontrollverlust und mühsamer Abschied von moralischen Gewissheiten. Mit Fingerspitzengefühl (besser kann man heute wohl „Barmherzigkeit“, das schöne alte Wort, das er in dem Völkerwanderungs-Essay im Blick auf die Erfordernisse des Umgangs mit flüchtenden Menschen gerne verwendet, nicht übersetzen) und mit Tiefenschärfe ist er in alle nur erforderlichen Facetten des Themas eingedrungen.

Ein literarisch zupackender Chronist

Hans-Peter Schwarz, 1934 geborener Bonner Professor für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte, public intellectual und als solcher eine Institution der politischen Kultur dieses Landes, war schon früh ein Denker der klaren Worte und eindeutigen Konturen. 1966 endete seine epochemachende Habilitationsschrift „Vom Reich zur Bundesrepublik“ mit einem aus der damaligen Sicht je nach Lesart trotzigen oder fatalistischen Satz: „Trotz aller Veränderungen, die inzwischen eingetreten sind, unterscheidet sich die Situation, der sich die Westdeutschen in den Jahren 1948 und 1949 gegenübersahen, nicht grundsätzlich von der des Jahres 1966: sie mussten und müssen in der Westbindung die Außenpolitik erkennen, die auf sie zugeschnitten ist und für die sich keine echte Alternative findet.“ Schwarz stellte im Rückblick auf die Entscheidungsjahre im Übergang vom Deutschen Reich zur Bundesrepublik (1945 –1949) leitmotivische Fragen, für die er schon damals nur eine Antwort fand: „Der lange Weg zur Rückgewinnung der Souveränität durch eine gesamtdeutsche Regierung“  führte in ein föderalisiertes Europa mit einem zunehmend verflochtenen System des Regierens auf mehreren Ebenen.

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In Erinnerung wird Schwarz bleiben als der ebenso präzise wie literarisch zupackende Chronist der Adenauer-Zeit. Seine zweibändige Adenauer-Biographie hat mehr bewirkt als manches Denkmal oder Straßenschild, um den ersten Kanzler der Bundesrepublik im Gedächtnis nachfolgender Generationen wach zu halten. Helmut Kohl, dem Ehrenbürger Europas, widmete Schwarz ein gleichermaßen großes biographisches Werk und rundete damit seine Deutung der Bonner Republik ab. Habilitiert bei Theodor Eschenburg in Tübingen, streifte Schwarz durch die Irrungen und Wirrungen der deutschen Wissenschaftspolitik und blieb doch ungebeugt und unverbogen immer er selbst: Nach Professuren in Osnabrück, Hamburg und Köln wurde er in Bonn Nachfolger von Karl-Dietrich Bracher. Neben dem Ordinariat am damaligen Regierungssitz in den Jahren 1987 bis 1999 prägte Schwarz das Institut für Zeitgeschichte in München über lange Jahre als Mitglied dessen wissenschaftlichen Beirats mit. 

Mit dem Wechsel der Bundesregierung von Bonn nach Berlin zog es den Gelehrten, der sich bei Krimilektüre entspannte und einen fabelhaften Essay zur politischen Funktion des Kriminalromans vorgelegt hat, ins voralpine Bergland. Dort waren ihm und seiner Frau Annemie die Luft klarer und die Sicht auf die Welt unverstellt. Die Emeritierung fand für Schwarz zeitgleich mit der räumlichen Zäsur im Lande statt, das sich zu neuen Ufern aufzumachen anschickte, die kaum mehr die seinen sein konnten. Hans-Peter Schwarz wollte bewahren, aufheben, was zu zerrinnen schien. Und er wusste mit kräftiger Sprache das zu deuten, was für andere noch im Nebel lag. Der Titel, den er als junger Mann seiner Freiburger Dissertation über Ernst Jünger gegeben hatte, sagt auch einiges aus über ihn selbst: „Der konservative Anarchist“. Am 14. Juni 2017 ist Hans-Peter Schwarz im vierundachtzigsten Lebensjahr gestorben.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es fälschlicherweise, Hans-Peter Schwarz sei am Donnerstag, 15. Juni, gestorben.

Glosse

Barfuß über das ganze Dach

Von Andreas Rossmann

Der Bahnhof von Syrakus sieht aus wie viele Bahnhöfe. Aber im Jahre 1927 hat sich hier eine Romanze zugetragen, die in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Mehr 4

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