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Zum Tod von Claude Lévi-Strauss Die Arbeit des Augenblicks

04.11.2009 ·  Als er seine Forschung aufnahm, zog es ihn auf die andere Seite der Erdkugel. Am Ende war er zum Verteidiger seiner eigenen Kultur geworden. Zum Tode des großen Anthropologen Claude Lévi-Strauss.

Von Henning Ritter
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Er wird der Letzte sein in der Reihe der großen westlichen Anthropologen, die vom exotischen Zauber der primitiven Gesellschaften angezogen waren und einen Weg suchten, von ihnen ein Bild zu zeichnen, das sie in einer gemeinsamen Menschheit situierten. In einem Gespräch aus Anlass seines fünfundneunzigsten Geburtstags hat Claude Lévi-Strauss, der am 30. Oktober, einen Monat vor seinem hundertersten Geburtstag in Paris gestorben ist, von dem „Verschwinden der Anthropologie“ gesprochen. Der vor zweihundert Jahren aus dem mit der Eroberung der Welt durch die abendländische Kultur entsprungene Impuls, „alle menschlichen Erfahrungen einzusammeln“, sei in eine Sackgasse oder an ein Ende gekommen, da „keine der menschlichen Erfahrungen, von denen wir wissen können, von der westlichen Kontaminierung frei“ sei.

Das Repertoire der Unterschiede sei damit erschöpft, so Lévi-Strauss, so dass die Anthropologie sich zwangsläufig in eine Philologie oder Geschichte der Ideen verwandeln werde, wie es schon mit der antiken Welt der Fall war. Zwar könnten neue Unterschiede entstehen, und die anthropologische Forschung könne sich mit ihnen befassen, aber in jedem Falle seien es keine Unterschiede von der Art jener Glaubensformen, Sitten, Gebräuche und Institutionen, die sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hatten „wie seltene tierische und pflanzliche Arten“. Aus der Philosophie, etwa eines Montaigne, hervorgegangen, werde die künftige Anthropologie vielleicht eine neue Philosophie sein, die den Partikularismus des Menschheitsgedankens in sich aufgenommen habe.

Ungeheure Spanne

So hat das Leben des Hundertjährigen eine ungeheure Spanne durchmessen. Seine Anfänge im brasilianischen Regenwald standen im Zeichen eines Aufbruchs zu neuer Anthropologie und einer entschiedenen Parteinahme für die primitiven Gesellschaften. Schon dieser Name war unerträglich geworden. Lévi-Strauss hat sich später in seiner akademischen Lehre für den Begriff der „schriftlosen Kulturen“ eingesetzt, als ein neutrales Merkmal, das eine Diskriminierung vermeiden sollte. Als er sich zu seiner Feldforschung – der einzigen seines Lebens – im Urwald Zentralbrasiliens aufmachte, war er auf der Suche nach den Anfängen, unterwegs in die weitestmögliche Entfernung zu seiner eigenen Kultur.

Er hat diese Expedition nicht nur wissenschaftlich verarbeitet, sondern ihr Jahre später eine Art Roman gewidmet, „Traurige Tropen“, das Protokoll einer exotischen Besessenheit, aber auch einer Enttäuschung. Es ist ein Buch von rückhaltloser Offenheit, einmal nicht über intime Erfahrungen, sondern über ein intellektuelles Drama. Der Ethnologe beginnt seine eigenen exotischen Phantasien zu durchschauen, er registriert die namenlose Enttäuschung darüber, dass die leidenschaftlich gesuchten Anfänge nicht zu finden sind, weil es sie nicht gibt, und schließlich seine Ernüchterung darüber, dass die Anklagen der modernen Zivilisation zu nichts führen.

Lévi-Strauss gehört in diesem Buch trotzdem zu den großen, illusionslosen Zivilisationskritikern: „Wenn heute die polynesischen Inseln im Beton ersticken und sich in schwerfällige, in dem Meer des Südens verankerte Flugbasen verwandeln, wenn ganz Asien das ungesunde Aussehen einer verseuchten Zone annimmt, wenn Afrika von Bidonvilles zerfressen wird, wenn Passagier- und Militärflugzeuge die amerikanischen und melanesischen Urwälder brandmarken, noch bevor sie deren Unberührtheit zu zerstören vermögen, wie kann dann die Flucht einer Reise etwas anderes sein als eine Begegnung mit den allerunglücklichsten Formen unseres eigenen historischen Daseins? Was uns die Reisen zuallererst zeigen, ist daher der Schmutz, mit dem wir das Antlitz der Menschheit besudelt haben.“

Das Drama der Konfrontation

Es schien freilich noch etwas zu geben, was von den gewaltigen Umwälzungen des Globus verschont geblieben war und den Dialog mit den ethnographischen Vorläufern, aber auch mit einem Philosophen wie Montaigne ermöglichte: das Drama der Konfrontation des Selbst mit dem Anderen. Der Ethnograph konnte immerhin noch den zum Verschwinden verurteilten Kulturen die Achtung entgegenbringen, ihre Eigenart dem bloß anekdotischen Interesse zu entreißen. Er konnte das, was sie sind, so armselig es sein mochte, mit dem anspruchsvollsten intellektuellen Instrumentarium analysieren. Er konnte den Versuch machen, die bizarrsten kulturellen Erscheinungen auf eine Ebene der Allgemeinheit zu heben, auf der alles Menschliche kommuniziert.

Während dieser Ethnologe affektiv misstrauisch blieb gegenüber seinem Objekt, suchte er intellektuell immer die Identifikation mit den primitiven Kulturen. So hat er sein eigenes Verhalten ebenso wie seinen geistigen Stil in die äußerste Nähe zu den Primitiven gebracht, indem er sich selbst beispielsweise eine „neolithische Intelligenz“ zusprach: „Ich bin keiner, der kapitalisiert, der sein erworbenes Gut Früchte tragen lässt, eher einer, der sich an einer stetig fließenden Grenze fortbewegt. Es zählt einzig die Arbeit des Augenblicks. Und die geht rasch verloren.“

Sie gehen doppelt zugrunde

Dieses Augenblickshafte der Erkenntnis hängt zusammen mit der Gefährdung des ethnologischen Objekts, das durch Beobachtung und Beschreibung zerfällt oder jedenfalls seine Konsistenz nicht bewahrt. Es bleibt von ihm nur eine Spur in einem anderen Medium, in dem die Beschriebenen sich nicht erkennen. So gehen sie doppelt zugrunde: aufgrund der Störung durch den Beobachter und aufgrund der Unzugänglichkeit der Darstellung für die Beobachteten, die eine tiefgreifende Umwandlung durchmachen müssten, ehe sie die Spuren ihrer eigenen Herkunft entziffern könnten.

Die ethnologische Beschwörung ihrer Vergänglichkeit ließ die primitiven Gesellschaften für einen kurzen Augenblick noch einmal aufleuchten, ehe man sie ihrem Schicksal auslieferte. Es handelte sich, wie die „Traurigen Tropen“ bezeugen, um eine Meditatio mortis. Heute ist auch diese letzte Geste der Sympathie und der Großzügigkeit obsolet geworden. In Wahrheit war auch dies schon eine Geste, durch die sich die zivilisierte Gesellschaft ihrer Überlegenheit versicherte.

Der Respekt des Ethnologen für die Denkformen der zu Unrecht als primitiv klassifizierten Gesellschaften enthält auch den Schlüssel zu dem ansonsten eher distanzierend wirkenden Entschluss des Anthropologen, seinen Theorien die strengen Formen einer linguistischen und mathematischen Methode zu geben, eben jener oft als kalt und abweisend empfundenen „strukturalen Anthropologie“, die sich mit dem Namen von Claude Lévi-Strauss verband. Er gab mit ihr Mitte der sechziger Jahre das Stichwort einer intellektuellen Mode, die bis zum Pariser Mai anhielt, als man zu bemerken glaubte, dass die Strukturen nicht auf die Straße gehen. Lévi-Strauss hatte das Treiben ohnehin mit Misstrauen beobachtet.

Der Strukturalismus, wie Lévi-Strauss ihn praktizierte, wollte alles andere sein als eine umfassende Theorie wie der Marxismus oder die Psychoanalyse. Er sollte dem Denken der Primitiven Eingang verschaffen in jenes Pantheon der Denkformen, in dem es durch den Bezug auf die gemeinsame menschliche Natur eine letzte Rechtfertigung finden konnte.

Materialist und Ästhet

In den sechziger Jahren galt es als das Skandalon der Anthropologie von Lévi-Strauss, dass er keine Scheu vor Invarianten kannte und sie sogar dort aufwies, wo man sie nicht vermutete, und in einer Fülle, die dem Begriff des Invarianten Hohn zu sprechen schien. Dies hat er ausdrücklich zum Programm erklärt, unter Berufung auf Rousseaus Bemerkung: „Wenn man die Menschen studieren will, muss man sich in seiner Nähe umschauen; aber um den Menschen zu studieren, muss man lernen, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen; man muss zuerst die Unterschiede beobachten, um die Eigenschaften zu entdecken.“ Es genüge nicht, fügte Lévi-Strauss hinzu, die besonderen Menschheiten in einer allgemeinen Menschheit aufgehen zu lassen. Für die exakten Naturwissenschaften bleibe die Aufgabe, die Kultur wieder in die Natur und das Leben in die Gesamtheit seiner physikalisch-chemischen Voraussetzungen zu integrieren. Das war das Programm des „transzendentalen Materialisten und Ästheten“, als den Lévi-Strauss sich bezeichnete. „Wir akzeptieren die Bestimmung als Ästhet in dem Maße, als wir glauben, dass es nicht das letzte Ziel der Humanwissenschaften ist, den Menschen zu konstituieren, sondern ihn aufzulösen.“

Die „ethnographische Reduktion“ ist in gewisser Weise das Gegenteil von dem, was man sich unter einer Reduktion vorstellt: Sie strebt eine Bereicherung des Gegebenen an, bevor sie auf einer anderen Ebene ihr Ziel erreicht – „die Idee der allgemeinen Menschheit, zu der die ethnographische Reduktion führt, wird keinerlei Beziehung zu jener haben, die man zunächst hatte“.

Reichtum der Funde

Die „Traurigen Tropen“ haben auch in dem monumentalen wissenschaftlichen Werk ihres Verfassers überdauert. War die Methode ursprünglich als ein humanes Entgegenkommen gegenüber den ärmsten Gesellschaften gedacht gewesen, so entschädigte sie nun durch einen ungeheuren Reichtum der Funde. Das vierbändige Werk von Lévi-Strauss zur Mythologie, beginnend mit dem Band mit dem suggestiven Titel „Das Rohe und das Gekochte“, fährt eine ungeheure Ernte an Detailerkenntnissen über die mythologischen Systeme ein und kennt letztlich keine regionale Beschränkung mehr. So zahlte sich die generöse Geste gegenüber den anderen, sie mit den fortgeschrittensten Methoden europäischer Wissenschaft zu analysieren, weit über das erwartete Maß aus.

In der Erweiterung des kulturellen Horizonts, den die strukturale Anthropologie mit enormem Echo praktiziert, ist auch eine moralische Lektion enthalten. Jede Kultur, kaum dass sie sich artikuliert und gefestigt hat, gibt sich als die einzig wirkliche aus, schweigt die anderen tot und bestreitet sogar, dass sie Kulturen seien. Woher der Hochmut, den anderen ihr menschliches Wesen zu bestreiten, sich selbst aber als „die Wahren“, „die Guten“, „die Hervorragenden“ oder ganz einfach als „die Menschen“ zu begreifen, die anderen dagegen als „Erdaffen“ oder „Läuseeier“?

In direkter Kontinuität zu diesem Dünkel, der schon in den primitiven Gesellschaften anzutreffen ist, liegt der Stolz des aufgeklärten Europäers, sich vermeintlich von ihm frei gemacht zu haben, indem er ein Wesen des Menschen konstatiert, für dessen Erkenntnis er sich ein Privileg zuschreibt. Mit dem kulturellen Hochmut jeder Art ist die nur scheinbar unaggressive Überzeugung verbunden, das Leben lohne sich nur hier. Man bedauert diejenigen, die woandershin reisen müssen.

Ungeahnte Aggressivität

Diejenigen, die solchen Gleichmut gegenüber anderen Kulturen an den Tag legen, können, so Lévi-Strauss über die Amazonasindianer, nur so „auf ihre Weise und auf ihrer Seite des Grabens existieren“. Man weiß, dass die Störung dieser selbstverständlichen Haltung ein ungeahntes Maß an Aggressivität freisetzen kann. Denn wenn sich die Überzeugung von der eigenen anstrengungslosen Überlegenheit nicht aufrechterhalten lässt, ist man gezwungen, sie entweder zu beweisen oder klein beizugeben und auf eine Schwäche des anderen zu warten.

Der Ethnologe, bemerkt Claude Lévi-Strauss, zögere zwar nicht, solche kulturellen Vorurteile zu bekämpfen, aber er teile nicht die verbreitete Erwartung, dass eines Tages die Ausbreitung des Wissens und der Kommunikation dazu führen werde, dass die Menschen in völliger Harmonie miteinander leben und die Verschiedenheit achten würden. Die fortschreitende Verschmelzung der Populationen bezeichne das Ende einer Welt, die über Hunderttausende von Jahren die Welt von Menschen in kleinen, voneinander getrennten Gruppen war, die sich biologisch und kulturell verschieden entwickelten. Nachdem die damit gesetzten Schranken beseitigt wurden, seien auch die Möglichkeiten verschwunden, neue genetische Kombinationen und kulturelle Experimente auf den Weg zu bringen.

Der Kampf gegen alle Formen der Diskriminierung hat, unabhängig von seiner moralischen Bedeutung, an derselben Bewegung zur Weltkultur teil, die die alten Partikularismen zerstört. Diese hatten jene ästhetischen und geistigen Werte geschaffen, die dem Leben seinen Wert verleihen und deren Spuren in Bibliotheken und Museen aufbewahrt werden, weil wir uns immer weniger imstande fühlen, sie selbst hervorzubringen. Es ist nach Lévi-Strauss eine Illusion, dass Gleichheit und Brüderlichkeit herrschen könnten, ohne die Verschiedenheit zu gefährden.

Ablehnung, ja Negation

Aber wenn die Menschheit nicht zum unfruchtbaren Konsumenten der in der Vergangenheit erzeugten Werte werden soll und wenn sie sich nicht mit unechten, läppischen Werten begnügen will, dann muss sie lernen, dass eine gewisse Taubheit gegenüber anderen Werten die Voraussetzung für jede echte Schöpfung ist und bis zur Ablehnung, ja zur Negation gehen kann. Im Jahre 1986 hat Lévi-Strauss, der aufgebrochen war, einen möglichst großen Abstand von der eigenen Kultur zu gewinnen, das persönliche Fazit aus solchen Überlegungen zum Dilemma der eigenen und der fremden Kultur gezogen: „Ich habe zu einer Zeit nachzudenken begonnen, als unsere Kultur andere Kulturen angriff, zu deren Verteidiger und Zeugen ich mich dann aufgeworfen habe. Heute habe ich den Eindruck, dass die Bewegung sich umgekehrt hat und dass unsere Kultur angesichts äußerer Bedrohungen in die Defensive geraten ist. Und auf einmal empfinde ich mich als fest entschlossenen, ethnologischen Verteidiger meiner eigenen Kultur.“ Dass er diesen entschiedenen Standortwechsel vollziehen konnte, hing auch mit der Einsicht in die Unmöglichkeit zusammen, die Kulturen in Kommunikation treten zu lassen, ohne das Maß an Verschiedenheit preiszugeben, das ihnen Identität und Würde verleiht.

Die letzten Blicke, die der hochbetagte Anthropologe auf das Schicksal der Menschheit warf, sind zwar frei von jeder Larmoyanz, aber doch von einem unüberbietbaren Pessimismus. Die Menschheit ist, so erklärte er, einer doppelten Gefahr ausgesetzt, deren Bedrohlichkeit der Ethnologe und der Biologe zu ermessen wissen. Da die kulturelle und die biologische Evolution nicht zu trennen seien, sei der Rückweg in die Vergangenheit unmöglich. Auf der Bahn, die die Menschen eingeschlagen hätten, ergäben sich aber so große Spannungen, dass die Intoleranz, die sich morgen durchzusetzen drohe, der ethnischen Unterschiede nicht mehr als eines Vorwandes bedürfen werde.

Groß ist das Werk des Anthropologen Claude Lévi-Strauss nicht zuletzt durch die Entschiedenheit seiner Revisionen und die Unbestechlichkeit, mit der er seinen theoretischen Reflexionen gefolgt ist. Dabei schließt sein scheinbar geradliniger Weg dramatische Wendungen ein. So hat er sich von einem Europaflüchtigen zu einem leidenschaftlichen Europäer gewandelt, der er wohl auch schon in seinen Anfängen war, ohne es zu wissen.

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