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Zum Tod Eric Hobsbawms : Eine Klasse für sich

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Eric Hobsbwam starb im Alter von 95 Jahren Bild: dpa

Wie es sich bei einem so produktiven und schalkhaften Universalhistoriker gehört, ließen sich zu jeder seiner Position zahlreiche Gegenargumente in seinem Werk selbst finden: Zum Tod Eric Hobsbawms.

          Eric Hobsbawm starb am Montag als hochgeehrter Mann. Längst wurde er routinemäßig als der berühmteste Historiker der Welt vorgestellt, es gab eigentlich kein Feld menschlicher Tätigkeiten, zu dem er nicht etwas zu sagen gewusst hätte, von den Speisezetteln der mittelalterlichen Mandschurei über die Feinheiten des finnischen Parteiensystems zu den Nuancen gegenwärtiger Interpretationen von Jazzstandards, er konnte immer etwas beitragen - der perfekte universalhistorische Telefonjoker. Und was wurde er gefragt, besucht und interviewt, mit den Jahren pilgerten die Zeitgenossen zu seinem Londoner Haus in Hampstead Heath wie zu einem modernen Orakel.

          Unsere Zeit verehrt die Intellektuellen der Altersklasse Neunzig plus auf dieselbe hingebungsvolle, emotionale und rückhaltlose Art, mit der in den 1970er Jahren einem John Lennon gehuldigt wurde. Man möchte die Gegenwart von ihnen gelesen bekommen, man möchte, dass sie aus dem Strom der Ereignisse die Zeichen herausfiltern und für uns deuten. Hobsbawm hat das oft und gern gemacht, wenn man seine Interviews nachliest, erkennt man seinen spezifischen Stil. Er wusste genau, was die jungen Besucher von ihm wollten, wie übermäßig ihre Erwartungen waren - und dann ließ er ganz einfach die Luft heraus. War jemand romantisch-revolutionär gestimmt, verwies Hobsbawm nicht etwa auf Subcomandante Marcos, sondern auf die Europäische Union als derzeit aktivsten Agenten der Revolution, denn dass europäisches Recht nationale Gesetze aushebele, das habe es zu seiner Zeit nicht gegeben.

          Liberalen, bürgerlichen Gästen pries er hingegen sehr gern das Gefühl der Ahnung einer gewaltsamen Umverteilung, und wer aber in aktivistischen Absichten, etwas im Hinblick auf geschichtspolitische Initiativen wie Gedenkstätten, Mahnmale oder so kam, dem wurde beschieden, Geschichte sei etwas für Historiker und eine Wissenschaft, die es mit Fakten, nicht mit Feelings zu tun habe. Und wie es sich bei einem so produktiven und schalkhaften Universalhistoriker gehört, ließen sich zu jeder Hobsbawmschen Position zahlreiche Gegenargumente im Hobsbawmschen Werk selbst finden.

          Rechtfertigt der Fortschritt Millionen Tote?

          Hobsbawm, 1917 in Alexandria geboren, gehörte der Generation der kühlen Männer an. Das kennzeichnete ihn auch noch in einer Zeit, in der Empathie und Individualismus tonangebend waren. Man merkte das in jener legendären BBC2-Sendung aus dem Jahre 1992, als er auf die Frage, ob denn die von ihm erkannten Menschheitsfortschritte durch die Sowjetunion diese Millionen Toten rechtfertigten, mit einem knappen „Ja“ antwortete.

          Später hat er einige Mühen darauf verwenden müssen, dieses „Ja“ mit seinen biographischen Formationen und Deformationen noch in ein recht eigentliches „Nein“ umzudeuten, aber es blieb ein Moment der Wahrheit. Hobsbawm wollte das nette postmoderne Publikum an eine bittere Wahrheit seines Lebens erinnern: Historische Veränderungen, die es zweifellos gab und gibt, ergeben sich nicht einfach aus ihrer objektiven Wünschbarkeit, sondern nach langem, zähem Kampf.

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