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Veröffentlicht: 05.11.2015, 17:40 Uhr

Zum Tod von Hans Mommsen Die verborgenen Handlungsspielräume der Geschichte

Hans Mommsen war der bedeutendste Historiker des Nationalsozialismus. Mit Leidenschaft und Kühle vertrat er die Schule der Funktionalisten. Jetzt ist er im Alter von 85 Jahren gestorben.

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© dpa Hans Mommsen 1930 - 2015

Beim Deutschen Jungvolk in Marburg hatten die Zwillingsbrüder Hans und Wolfgang Mommsen eine Aufgabe, die ihnen das Mitmachen bei den Kriegsspielereien ersparte: Die Professorensöhne verwalteten die Bibliothek ihres Fähnleins. Noch 66 Jahre später hatte Hans Mommsen die Grunddaten der Ausleihstatistik im Kopf. Für fast alles interessierten sich die zehn- bis vierzehnjährigen Jungs, ganz besonders für Naturwissenschaft und Technik. Die Ausnahme: Das Schrifttum der Partei blieb ungelesen. Schlussfolgerung des Historikers: „Allzu groß war die Begeisterung für die Sache nicht.“

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Mit der eigenen Erinnerung, wohlgemerkt nicht an subjektive Zustände, sondern an nachprüfbare Tatsachen, illustrierte Mommsen hier die wesentliche Erkenntnis seiner Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus: Die Gefolgschaft, die Hitler im deutschen Volk fand, ist nicht mit Zustimmung zur Ideologie des Diktators zu erklären. Das heißt im Umkehrschluss: Die Reinigung des nationalen Gedankenhaushalts von nationalsozialistischen Ideen garantiert noch nicht, dass die Deutschen aus der Geschichte gelernt haben.

Ein politischer Historiker

Als Wortführer der „Funktionalisten“ im Methodenstreit gegen die „Intentionalisten“ beherzigte Mommsen eine klassische quellenkritische Maxime: Von den Ergebnissen des Handelns darf man nicht einfach auf die Ziele der Handelnden zurückschließen. Mit nachhaltigem Erfolg unterstützte Mommsen 1964 den Privatgelehrten Fritz Tobias, der den Glauben erschütterte, die Nationalsozialisten hätten am 27. Februar 1933 den Brand im Reichstag gelegt.

Wie der Urgroßvater war Hans Mommsen von Natur aus ein politischer Historiker. Fritz Sterns Bemerkung über „Die verspielte Freiheit“, Mommsens Geschichte der Weimarer Republik, „ganz gelegentlich“ breche „die Leidenschaft durch“, wäre eine groteske Untertreibung, wollte man sie auf Mommsens öffentliche Auftritte übertragen. Er verstand, wie er 1986 in einem seiner Leserbriefe schrieb, „Geschichte nicht als Fatum, sondern als Handlungsorientierung“, aber er maßte sich kein moralisches Lehramt an.

Dass jemand moralisiere, war eines der schlimmsten Prädikate, die er verteilte. So bemängelte er an dem Kinofilm „Sophie Scholl – Die letzten Tage“, dass die Unterschlagung der religiösen Beweggründe der Geschwister Scholl „eine bloße Moralisierung ihres Handelns“ zur Folge habe. Den Autoren des Auftragsforschungsberichts „Das Amt“ warf er den Rückfall in eine „ideologisch-moralisierende Betrachtung“ der Judenpolitik vor, weil sie mit pauschalen Wendungen den Eindruck erweckten, der Völkermord sei im Auswärtigen Amt geplant worden.

Holocaust als kumulative Radikalisierung

Mommsen, Schüler von Hans Rothfels, hat zunächst als Mitarbeiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, dann von 1968 bis 1996 als Bochumer Professor und zuletzt als Emeritus am Starnberger See an jeder wissenschaftlichen und publizistischen Kontroverse über den Nationalsozialismus teilgenommen. Ein Leitmotiv seiner Interventionen war die Kritik des Fetischs der Authentizität des nachträglichen Zeugenberichts. 1988 wies er warnend darauf hin, dass das Fernsehen mit seiner Vorliebe für den Zeitzeugen als Erzähler die Autorität des Fachhistorikers untergrabe. 

Später, unter dem Eindruck insbesondere des Werks von Saul Friedländer, gestand Mommsen ein, dass seine Forscherkohorte der Erfahrung der Opfer zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Sie interessierte sich für die objektiven Bedingungen des Völkermords, für Vorentscheidungsprozesse und Nichthandlungsspielräume. Mommsen fand für die Genese des Holocaust die Formel der kumulativen Radikalisierung. Damit ist gemeint: Der Mord an den europäischen Juden war nicht von Anfang an beschlossene Sache. Im bürokratischen Prozess war Raum für lokale Eigeninitiative, für die Rivalität von staatlichen Behörden und Parteidienststellen, für die Antizipation des Führerwillens.

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In Zeitungsrezensionen der wichtigsten Neuerscheinungen auf seinem Fachgebiet hat er bis zuletzt mit musterhafter Klarheit im Verfahren der Gegenprobe seine ungeheuer wirkungsreichen Thesen erläutert und bekräftigt. Seine 1963 erschienene Doktorarbeit behandelte die Stellung der österreichischen Sozialdemokratie zur Nationalitätenfrage. Das war im Kalten Krieg angesichts der ungewissen nationalen Zukunft Österreichs und Deutschlands ein brisantes Thema. Der Rezensent dieser Zeitung vermerkte: „Es ist gut, dass kein Routinier, kein gewandter Vereinfacher und bengalischer Beleuchter der Vergangenheit den Stoff in die Hand bekommen hat.“ Zum Routinier hat er es nie gebracht. Er machte die Dinge komplizierter, indem er sie ans kühle Licht der Aufklärung holte. So wurde aus ihm der bedeutendste Historiker des Nationalsozialismus. Am Donnerstag ist Hans Mommsen in Starnberg im Alter von 85 Jahren gestorben.

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