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Zettelkästen : Alles und noch viel mehr: Die gelehrte Registratur

Zettel aus den Kästen des Philosophen Hans Blumenberg Bild: dpa

Eine Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv Marbach zeigt uns jetzt die Instrumente: literarische und gelehrte Zettelkästen samt ihren historischen Vor- und Nebenformen.

          Eine Ausstellung über Zettelkästen, die alle zusammen ein paar hundertausend Zettel enthalten, muss damit rechnen, dass „Ausstellung von Zettelkästen“ auf irgendeinem dieser Zettel selbst vorkommt. In der Schau des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, die gerade ihre Türen geöffnet hat, könnte das der Zettel ZK II: 9/8,3 im Kasten des Soziologen Niklas Luhmann sein. Er ist „Geist im Kasten?“ überschrieben und notiert etwas über Besucher, die den Forscher offenbar im Oerlinghausener Heim besucht hatten, um sich seinen legendären Zettelkasten anzusehen: „Zuschauer kommen. Sie bekommen alles zu sehen, und nichts als das - wie beim Pornofilm. Und entsprechend ist die Enttäuschung.“

          Das logisch anspruchsvolle „alles und nichts als das“ - also kürzer: „nichts als alles“ - ist dabei genauso bemerkenswert wie die Ein-Satz-Theorie des Pornofilms, von der Luhmann in seinem bislang veröffentlichten Werk keinen Gebrauch mehr gemacht zu haben scheint. In der Marbacher Ausstellung jedoch könnte der Satz noch einen anderen, mehr praktischen als theoretischen Effekt haben: dass der Betrachter sein Hiersein plötzlich selbst als einen Fall von Wissenschaftsvoyeurismus empfindet, der sich mittels des Begriffs eines „kulturgeschichtlichen Interesses“ nur notdürftig tarnt. Was also, mag sich der Ertappte fragen, könnte diesseits solcher Zudringlichkeit ein Erkenntnisinteresse an Zettelkästen begründen?

          Auch Stichwörter, die Niklas Luhmann verzettelt hat, sind in Marbach zu sehen.

          Die naheliegende Antwort lautet: ihr Inhalt. Tatsächlich legt vor allem der Zettelkasten des Philosophen Hans Blumenberg, der das Zentrum der Ausstellung bildet, diese Antwort nahe. In Marbach ist es der einzige Kasten, von dessen Substanz sich etwas mehr als ein bloßer Eindruck mitteilt. Zettel zu den Registerbuchstaben „A“ und „Z“ - wie „Anthropologie“ und „Zeitgeist“ oder „ZWJH“, also „Zwanzigstes Jahrhundert“ - haben die Ausstellungsmacherinnen Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter nämlich aus Blumenbergs Kasten herausgenommen und lesbar auf Sichthöhe der Besucher angeordnet.

          Vorbereitung für die Bücher, die nie entstanden

          Und so findet man, wie Blumenberg an einer Briefstelle Freuds, der seiner Verlobten schreibt, er könne nur vernünftig arbeiten, weil er sie gerade nicht sehe, Merkmale des Vernunftbegriffs festhält: Realitätsprinzip und Wunscherfüllungsnegation, vor allem aber die „Fähigkeit, das Abwesende doch nicht nur abwesend sein zu lassen, sonst würde Realismus sofort zu Nihilismus“, sowie „nicht sehen und doch glauben“. Man liest Notizen Blumenbergs zum Blickkontakt am Bildtelefon, zur Lage von Menschen ohne Kinder („Mangel an Erblichkeit“) und von Unternehmern mit Kindern, über deren Berufs- und Gattenwahl die Kontinuität der Firma gesichert werden muss, oder zum Rechtsbegriff der „Scheidung zur Unzeit“. Jeder Zettel ein Gedanke, der sofort als nachdenkenswert einleuchtet, jeder Gedanke eine kleine Theorie: „Der Zeitgeist liefert denen, die nach der Verbreitung von Schrecken dürsten, die Ideen, mit denen sie sich als Nicht-Verbrecher stilisieren und freipressen können, die Anlässe, vor allem aber die Vorbereitung der Opfer.“

          Blumenbergs Zettelkasten - 30 000 Einträge in 55 Jahren, also fast 550 pro Jahr, was so viel nun auch wieder nicht ist - diente ersichtlich der Materialverwaltung für Bücher, die er sich vorgenommen hatte, und der Belegsammlung für Thesen, die ihm vorschwebten, ohne dass das Lesepensum dafür absolviert war. Aber er wusste in Umrissen eben doch, um welche Bücher es sich handeln sollte. Und täuschte sich darin vielleicht, wenn man in Rechnung stellt, dass von den späten Werken Blumenbergs manche mangels These oder Argument so wirken, als seien sie ihrerseits ein Effekt des Sammelns etwa von „Löwen“-Fundstellen oder Theodor-Fontane-Exzerpten. Insofern ist der Zettelkasten hier eigentlich eine Folge von Mappen, ein bewegliches Heft.

          Der Zettelkasten kann nichts, was der Computer nicht besser kann

          Nähe und Entfernung des Sammelns zur Erkenntnis oder allgemeiner gesprochen - denn es sind in Marbach auch Zettelkästen von Dichtern ausgestellt - zum Werk scheint überhaupt die wichtigste Variable. Nicht wenige Kästen sind nur für ein einziges Buch angelegt worden, Siegfried Kracauers Sammlungen etwa zu seiner Monographie über Jacques Offenbach, das Bildarchiv des Historikers Reinhart Koselleck mit Abteilungen Tausender Fotos von Reiterdenkmälern beispielsweise oder der Kasten des Romanisten Hans Robert Jauß, in dem er für seine Habilitationsschrift mittelalterliche Tiernamen und -eigenschaften verzettelte.

          Andere Sammlungen sind ihrem Verwendungszweck nie zugeführt worden. Der Germanist Friedrich Kittler etwa legte Karteikarten zu allen Farben an, die dem Mond in der Lyrik zugeschrieben worden sind. Das Buch dazu könnte jemand mit Hilfe dieser Zettel schreiben. Wieder andere Sammlungen - Jean Pauls Exzerpthefte etwa, Aby Warburgs Sammlung von Zetteln zur „Geschichtsauffassung“ und eben auch Teile von Luhmanns Theoriemaschine - verzetteln, wovon noch nicht klar ist, wofür man es gebrauchen kann, wovon aber vermutet wird, dass es brauchbar ist.

          Doch ganz gleich, ob der Zettelkasten auf ein Buch, ein Werk oder auf eine Gedankenwolke mit wechselnder Niederschlagsneigung hinauslief - er ist stets mehr als das Ganze, dessen Teile er gesammelt hat. Denn es stecken stets noch andere Texte in ihm als diejenigen, die aus ihm hervorgegangen sind. Insofern wäre die Digitalisierung des einen oder anderen Zettelkastens ein Geschenk an die Wissenschaft. Schließlich gibt es nichts an ihnen, was mittels eines Computers nicht besser genutzt werden könnte. Daran kann keine Beschwörung des „handwerklichen“ Charakters der gelehrten Arbeit mit Zettel und Schere etwas ändern. Die Wissenschaftsgeschichte sei kein Museum zum Zeitvertreib, hat Gaston Bachelard einmal geschrieben. Sie gehört, will man Luhmanns Analogie aufnehmen, demjenigen, der die Erkenntnis aktiv liebt.

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