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: Wir sind die Zeit

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Es gibt akademische Lebensläufe, die keinen signifikanten Zusammenhang mit der literarischen Hinterlassenschaft des Gelehrten erkennen lassen. Kein erhellendes Licht fällt vom Gerüst der Zahlen und Fakten auf das wissenschaftliche Werk des Autors.

          Es gibt akademische Lebensläufe, die keinen signifikanten Zusammenhang mit der literarischen Hinterlassenschaft des Gelehrten erkennen lassen. Kein erhellendes Licht fällt vom Gerüst der Zahlen und Fakten auf das wissenschaftliche Werk des Autors. Umgekehrt scheint es kaum möglich, durch Studium der Werke Aufschluß über ein bis zur Anonymität geschütztes Leben und Sterben zu gewinnen.

          Als der Klassische Philologe Reinhart Herzog im Frühjahr 1994 freiwillig aus dem Leben schied, hinterließ er der Fachwelt ein OEuvre, dessen intellektueller Anspruch zwar oft gewürdigt wurde, aber

          in wissenschaftlicher Auseinandersetzung noch kaum eingelöst ist. Der Zuschnitt seines Denkens sperrte sich gegen die breitgefächerte Rezeption in einer ergebnisorientierten Sachforschung. Dabei gehören Herzogs kleinere Schriften, die jetzt in Auswahl in einer ansprechenden Ausgabe versammelt sind ("Spätantike. Studien zur römischen und lateinisch-christlichen Literatur", hrsg. von Peter Habermehl, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002), zum Prägnantesten, was die deutsche Klassische Philologie nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht hat.

          Der eben Dreißigjährige gehörte 1973 zu den Gründern der Bielefelder Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft. Früh stieß er zur Theoriegruppe "Poetik und Hermeneutik", wo er rasch zu einer unverwechselbaren Stimme wurde. Als profunder Kenner der antiken Hermeneutik, Jurisprudenz, Theologie und Poetik war er gut gerüstet, die verschlungenen Wege nachzuzeichnen, die von den vormodernen Substraten ins Zentrum neuzeitlicher und aktueller Diskurse führen.

          Daß der philologischen Forschung - nach der populär gewordenen Einschätzung - einmal die Gegenstände abhanden kommen könnten, war bei Herzogs diskursanalytisch verfahrender Literaturwissenschaft nicht zu besorgen. Im Gegenteil, seine mikrologische Einstellung erschloß der Philologie immer neue Zonen hermeneutischer Beunruhigung. Daß in Horazens Oden "das philosophische Telos im poetischen Verfahren selbst aufzufinden" sei, daß Augustins Eschatologie die mythische Reformulierung des ästhetischen Formgesetzes der Ovidischen "Metamorphosen", der Dauer im Ende, vorstelle, wollte nicht allen einleuchten.

          Wo andere zu fragen aufhörten, trieb er in unermüdlicher Kreiselbewegung sein Fragen weiter. Er untersuchte die "festliche Zwangsveranstaltung" in Petrons "Satyrika" und erkannte, wie die Perfektion solcher in sich geschlossener Mikroteleologien die "Wahnwelt des Imaginativen" auf direktem Wege in die Realität überführte: in den ganz alltäglichen Terror. Ausgeschlossen blieb so die Fiktionalität. Erst die Rezeption konnte jene "Kontingenzeliminierung" sicherstellen, die die Voraussetzung für die ästhetische Sicht auf das perfekte Kunstwerk ist.

          Der Spätantike hat Herzog einige seiner besten Arbeiten gewidmet. Die Affinität des Zeitalters von Dekadenz und postromantischer Moderne und jener Umbruchsphase im Übergang vom griechisch-römischen Altertum zum christianisierten Europa ist von hellsichtigen Beobachtern schon früh bemerkt worden. In Jacob Burckhardts "Zeit Constantins des Großen" (1853) meint die Neuprägung "Spätantike" noch den Epocheneinschnitt, nicht die Epoche als solche.

          Das Epochenbewußtsein gehe, so Herzog, auf Chateaubriands krisendiagnostischen "Essai sur les revolutions anciennes et modernes" (1796/97) sowie auf dessen geschichtsphilosophische Fortsetzung in "Le Genie du Christianisme" (1802) zurück. Es war die Deutung des Revolutionserlebnisses als Krisenerfahrung, die den Weg zur Entdeckung der Eigengesetzlichkeit auch des "spätantiken Bewußtseins" bereitet. Die Erfahrung von 1848 lieferte die reliefartige Vertiefung der historischen Parallelen, markierte aber auch bereits den Umschwung der pessimistischen Endzeiterwartung in die ästhetische Progression. Bei Flaubert, Huysmans, Walter Pater, Mallarme und Oscar Wilde steht eine enthistorisierte Spätantike am Ursprung eines neuen Stils.

          In den akademischen Nachrufen auf Reinhart Herzog war die Verlegenheit spürbar, in die die Artistik des Verstorbenen ein Fach gestürzt hat, das sich methodisch für gefestigt hielt. Daß Herzog sich durch die Gegenstände seiner Forschung nie verführen ließ, humanistischen oder anderen weltanschaulichen Neigungen nachzugeben, hat ihm die Charakterisierung als "szientistisch" eingetragen. Er hätte dies wohl als Ehrentitel betrachtet. Im Getöse postmoderner, posthistoristischer Spätantikeprojektionen blieb der Blick des Epochenkenners nüchtern auf die Poetik der inszenierten Wahnbilder gerichtet.

          Es ist kennzeichnend für Herzogs Literaturwissenschaft, daß sie ihre Phänomene zu Ende denkt. Der Dämonie der von Alfred Andersch entliehenen Pointe "Wir leben in der Spätantike" ist sie nicht ausgewichen. Die Wissenschaft, so scheint es, gewann dem Spätzeitbewußtsein noch einmal etwas ab, das konstitutiv war auch für sie selbst: Augustins Einsicht in die Zeitlichkeit unseres Bewußtseins - "nos sumus tempora - kann nur auf der Höhe einer Jetztzeit verstanden werden, die das Moderne-Postulat progressiver Kunstströmungen verinnerlicht hat. Am Ende seines letzten Beitrages, "Vom Aufhören", hat Herzog sein Lebensthema, das Spätzeitdenken, mit den Mitteln der ästhetischen Groteske beschrieben: "Die eschatologische Posaune einer judizialen Drohung bläst nicht uns. Allenfalls können wir das Thema Telos ästhetisch vernehmen." Nur wenn wir den Instrumenten des Endes wie Kafkas Sancho Pansa seinem Ritter folgen - "nur so hören wir auf". Jürgen Paul Schwindt

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