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Mary Beards Manifest : Wie Frauen zum Schweigen gebracht werden

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Eine Wissenschaftlerin, die kein Blatt vor den Mund nimmt: Mary Beard unterrichtet Altertumswissenschaft in Cambridge. Bild: dpa

Frauen haben seit etwa hundert Jahren das Stimmrecht. Aber haben sie auch eine Stimme? Die Altertumswissenschaftlerin Mary Beard deckt ein klassisches Muster der Diskriminierung auf.

          „Es ist der Prüfstein ihrer Frauenhoheit, dass sich so wenig sagen lässt von ihren Taten“ – so rühmte der Historiker Heinrich von Treitschke 1876 im Berliner Rathaus die preußische Königin Luise. Mit seiner Rede wollte er die Werbetrommel rühren, um Spenden für ein Denkmal der Königin zu sammeln. „Schamhafte Stille“ sei das Ideal jeder preußischen Frau, so Treitschke, und die hinterlasse nun einmal keine Quellen, die „Nachwelt“ könne ihren Wert daher leider nur „erraten“. Noch heute steht Luise von Preußen mit gesenktem Blick in „schamhafter Stille“ versunken im Berliner Tiergarten. Der Bildhauer Erdmann Encke hat Treitschkes Idealisierung zum Schweigen gebrachter „Frauenart“ kongenial umgesetzt.

          Das Zum-Schweigen-Bringen von Frauen als eine seit der Antike wirkmächtige Kulturtechnik und deren Auswirkungen auf die politische Öffentlichkeit sind die Themen von „Women & Power. A Manifesto“ (Profile Books). Das Bändchen vereint zwei um Vor- und Nachwort ergänzte Reden Mary Beards für die „London Review of Books“ aus den Jahren 2014 und 2017. Von der in eine Kuh verwandelten Io, die nur noch Tiergeräusche machen kann, über die Muse Echo, deren Stimme nie die eigene ist, bis hin zu Penelope, der ihr halbwüchsiger Sohn über den Mund fährt – die Altertumswissenschaftlerin aus Cambridge kann mit mannigfachen Beispielen für Geschichten aufwarten, in denen Frauen der Antike ihrer Stimme beraubt wurden.

          Schrille, wem Geschrill gegeben

          In einer Kultur, die Männlichkeit auch über die öffentliche Rede definierte, waren sprechende Frauen eben nicht mehr Frau, sondern androgyn. Sie bellten und japsten, zur männlichen Rede (mythos) waren sie nicht fähig, allenfalls zum Plappern und Schwatzen. Mary Beards These: Dieses kulturelle Denkmuster überschattet noch heute die öffentliche Debattenkultur – mit allen Folgen für die geschlechtsspezifische Ausprägung stimmlicher Autorität. Für die Beschreibung weiblicher Stimmen – schrill, greinend, meckernd – macht sie eine Kontinuität von der Antike bis zur Gegenwart aus.

          Dieses lang konservierte kulturelle Muster zu analysieren, herauszufinden, was mit stimmlicher Autorität gemeint sein könnte, wie sie gemacht wird, das sei unser aller Aufgabe, sagt Beard. Wer solche Untersuchungen anstellt, könnte auch darüber Aufschluss erhalten, warum Frauen wie jetzt in der #MeToo-Debatte so spät sprechen, möglicherweise erst in einem Moment, in dem ihrer Stimme Souveränität zugesprochen wird (und in vielen Fällen auch gleich wieder abgesprochen). Zudem wäre zu fragen: Welche Frauen können sich in dieser Debatte überhaupt äußern, und welche bleiben weiterhin außen vor?

          Hinweise zur konkreten Ausprägung stimmlicher Autorität geben die Arbeiten der belgischen Historikerin Josephine Hoegaerts. An der Universität Helsinki forscht sie zur Professionalisierung männlicher Politikerstimmen im britischen und französischen Parlament. Die Ästhetik der Sprechstimme wurde im neunzehnten Jahrhundert zunehmend wichtiger, denn die Journalisten, die über die Debatten berichteten, schlossen die Sprechstimme in ihre Bewertung des Gesagten ein, wie Hoegaerts 2015 in einem Aufsatz in der „Radical History Review“ ausführte.

          Bitte kein Zwitschern im Parlament

          Der Klang der Stimme wurde mit der äußeren Erscheinung des Sprechenden verknüpft, wichtiger aber: mit seinem Charakter und seiner Durchsetzungsfähigkeit als Politiker. Die Kontrolle der Stimme war Teil jener Professionalisierung von Politik, die eine Entkörperlichung der Abgeordneten begünstigte und in kontrollierten Bewegungen, dunklem Anzug und rationaler Rede ihr Abbild fand. Die souveräne Sprechstimme des britischen Parlaments war männlich, zeigte einen gewissen Bildungsstand und nationale Eigenschaften.

          Krächzen, schrille Laute oder „damenhaftes Zwitschern“ waren ebenso unerwünscht wie „irisches Donnern“ oder französische Laute. Mit dem Übergang ins Zeitalter der Massenmedien von 1880 an wurde eine standardisierte Sprechstimme immer wichtiger, in Zeiten des Radios umso mehr. Im Kino konnte man in „The King’s Speech“ beobachten, welchen Qualen sich der britische König Georg VI. unterzog, um seinen Sprechfehler bei landesweiten BBC-Übertragungen zu minimieren.

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