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Wie Extremisten mobil machen Die Headhunter des Terrors

21.07.2011 ·  Linksextreme Terrorgruppen haben bei ihren Rekrutierungsstrategien vor allem Randgruppen im Blick. Eine Untersuchung zeigt nun, dass schon die RAF Schwierigkeiten hatte, die breite Bevölkerung zu erreichen.

Von Thomas Speckmann
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Terroristische Strukturen des Linksextremismus sind derzeit nicht erkennbar, obgleich es Organisationsbemühungen gibt: Die „Revolutionären Aktionszellen“ (RAZ) und die Vorfeldorganisation „Interventionistische Linke“ bemühen sich bisher scheinbar vergeblich, eine Sammelbewegung zu werden. Wie haben dies ihre Vorgänger in der „Roten Armee Fraktion“ versucht? Johannes Hürter vom Münchner Institut für Zeitgeschichte hat die Rekrutierungsstrategie der RAF untersucht („Rekruten für die ,Stadtguerilla'. Die Suche der RAF nach einer personellen Basis“, in: „Spießer, Patrioten, Revolutionäre. Militärische Mobilisierung und gesellschaftliche Ordnung in der Neuzeit“. Hrsg. von Rüdiger Bergien und Ralf Pröve, V&R unipress Verlag, Göttingen 2010).

Bereits das taktische Kalkül der damaligen bundesdeutschen Anti-Terrorismus-Politik, die RAF-Akteure als „gewöhnliche Kriminelle“ abzustempeln und damit politisch und moralisch zu delegitimieren, zielte auf ihre empfindliche Stelle: Denn unter allen Formen politisch-militärischer Gewalt bedarf der Terrorismus des größten Maßes an plausibler Selbstermächtigung, da er weder staatlich legitimiert noch auf eine Massenbasis gestützt ist und zudem aus der Illegalität agieren muss. Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen haben linksterroristische Vereinigungen den Anspruch und das Ziel, die Keimzelle einer Revolutionsarmee zu sein und für ihren Aufbau sowohl Gleichgesinnte zu rekrutieren als auch größere gesellschaftliche Gruppen zu mobilisieren. Gemäß ihrem militärischen wie revolutionären Selbstbild musste für die RAF die Suche nach Rekrutierungs- und Mobilisierungspotentialen eine zentrale Aufgabe darstellen. Wie wurde versucht, sie zu lösen?

Keine erfolgreiche Mobilisierungsarbeit

Die Geschichte der RAF begann mit der Selbstmobilisierung von sechs gewaltbereiten Zivilisten, so dass Heinrich Böll von einem „Krieg von sechs gegen 60 Millionen“ sprach. Doch diese Floskel verdeckt, dass sich die RAF von Anfang an darum bemühte, neue Kämpfer zu rekrutieren und Unterstützer zu mobilisieren. Bereits die Gründungserklärung nannte „deklassierte“ Schichten an sozialen Brennpunkten als Adressaten der terroristischen „Propaganda der Tat“ sowie potentielle Mitstreiter: Jugendliche und Familien in Neubau- und Sanierungsgebieten, Heimzöglinge, kinderreiche Familien, Jungarbeiter und Lehrlinge, Hauptschüler, Industriearbeiterinnen.

Doch auch wenn einige RAF-Akteure aus prekären sozialen und familiären Verhältnissen gewonnen wurden, konnte nach Hürters Analyse von einer erfolgreichen Mobilisierungsarbeit im „Proletariat“ und in gesellschaftlichen Randgruppen keine Rede sein. Denn eine Randgruppenstrategie musste schon daran scheitern, dass mit dem Gang in den Untergrund die praktische Arbeit der RAF-Gründungsmitglieder an den sozialen Brennpunkten aufhörte und auch die von ihnen auserkorenen Vermittler - wie etwa die Genossen des undogmatisch-spontaneistischen Kampfblatts „Agit 883“, an die sich die erste Erklärung der RAF richtete - diese Rolle nicht übernehmen wollten oder konnten.

Vermeintliche Sympathiekundgebung

Auch in der Bevölkerung entstand kein nennenswerter Rückhalt, selbst wenn in der frühen Formierungsphase der RAF ein gewisses Verständnis für die Terroristen nicht selten war: Bei einer Erhebung des Allensbacher Instituts für Demoskopie im März 1971 gestanden 51 Prozent der Befragten den RAF-Angehörigen ein Handeln aus politischer Überzeugung zu. Fünf Prozent - in Norddeutschland und West-Berlin sogar neun Prozent - gaben an, dass sie einem flüchtenden Terroristen für eine Nacht Unterschlupf gewähren würden. Die RAF registrierte dieses Ergebnis nicht ohne Überraschung und fühlte sich in ihrer Strategie bestätigt. Allerdings war diese vermeintliche Sympathiekundgebung nicht mehr als ein punktuelles Stimmungsbild vor den ersten blutigen Anschlägen, durch die sich die meisten Sympathien und Indifferenzen bei den „als interessiert unterstellten Dritten“ (Herfried Münkler) in Ablehnung verwandelten.

Aus dem Funken wurde kein Steppenbrand

Allein in einem kleinen, linksextremen Teil der akademischen Jugend blieb das Werben der RAF nicht ohne Erfolg. Der ehemalige BKA-Chef Horst Herold geht von fünfzig bis sechzig Illegalen, etwa doppelt so vielen Dauerunterstützern und zeitweise mehr als dreitausend Unterstützern aus. Dabei ist das diffuse Feld der sogenannten „Sympathisanten“ - der Verdacht, zu ihnen zu gehören, war zeitweise inflationär - nicht berücksichtigt. Die eigentlichen RAF-Mitglieder dürften allerdings zu keiner Zeit deutlich mehr als zwanzig Personen gezählt haben.

Insgesamt war die Agitation der RAF in der breiten Öffentlichkeit nach Hürters Studien erfolglos. Die „Massen“, selbst die unterprivilegierten und deklassierten Schichten, verstanden die RAF nicht. Aus dem Funken wurde kein Steppenbrand. Die vage Hoffnung der RAF in den ersten beiden Jahren ihres Bestehens, eine breite Unterstützung in der Bevölkerung zu finden, schwand bald. Auch die Selbstbeschreibung von 1971, die RAF sei „eine zahlenmäßig noch kleine Gruppe kommunistischer Arbeiter und Intellektueller, die begonnen hat, den antiimperialistischen Kampf in Westdeutschland und Westberlin bewaffnet zu führen“, war nur zur Hälfte richtig. Denn bereits die Gründergeneration der RAF setzte sich überwiegend aus Studenten und Akademikern bürgerlicher Herkunft zusammen. Und dabei sollte es bis zu ihrem Ende in den neunziger Jahren bleiben.

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