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Wege aus der Stille

17.08.2005 ·  Eine neue Gebärdenschrift für die Gehörlosen

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Die Verschriftung der Gebärdensprache scheint utopisch zu sein. Hierzu stellt die Zeitschrift "Signa", die Beiträge zur Singographie herausgibt, im aktuellen Heft eine neue Idee vor. Die Reihe hat das Ziel, Erforschung, Gestaltung und Anwendung von graphischen Zeichen zu einem eigenständigen Studienfach zu erheben, es gibt dazu die Website www.signographie.de. Schon in den früheren Heften hatte man Themenschwerpunkte gesetzt und etwa die "Zeichen des Geldes" abgehandelt (Heft 3) oder sich mit dem "Punkt in der Musik" (Heft 4) beschäftigt oder, im fünften Heft, mit Zeichen im realen und medialen öffentlichen Raum.

Nunmehr ist das Thema die Gebärden-Notation, die graphischen Systeme zur Verschriftung der Gebärdensprache von Gehörlosen (Signa Nr. 7, Gebärden-Notationen, Edition Waechterpappel, Grimma 2004). Die nationalen Gebärdensprachen sind eigenständige visuelle Sprachen mit eigener Grammatik, die sich voneinander unterscheiden wie Deutsch und Englisch auf akustischer Ebene. In diesem Fall sind es die "Deutsche Gebärdensprache" (DGS) und die "American Sign Language" (ASL).

Conny Löffler, die einzige Autorin des Heftes, hatte mit dem Entwurf eines Gebärdenbuchs für den Sohn einer Freundin begonnen, schließlich wurde daraus eine Diplomarbeit zum Thema "Typographie für die Gebärdensprache". Einführend werden die Bedeutung der Gebärdensprache, die Verwandtschaft und Unterschiede von Laut- und Gebärdensprache sowie die lautsprachbegleitende Gebärde und das graphembestimmte Manualsystem zum besseren Verständnis des Lesers skizziert, dann folgen Überlegungen zu den Potentialen einer Gebärdenschrift. Das Kapitel "Gebärden-Notationssysteme" versucht systematisch, die jeweiligen Notationssysteme in lautsprachorientierten Gebärden-Notationen, in wissenschaftlichen Notationssystemen und in Gebrauchsnotationen separat abzuhandeln - dabei sind Unterschiede schon im Ansatz erkennbar.

Zu lautsprachorientierten Gebärden-Notationen zählen Fingeralphabet und Glossentranskription. Fingeralphabete sind codierte Lautschriftalphabete und bilden die jeweiligen Buchstaben ab, sie haben mit der eigentlichen Gebärdensprache nichts zu tun. Glossentranskription kann umfangreiche Gebärdenäußerungen verschriften, mittels der Übersetzung einer Gebärde ins Deutsche, die aber nicht völlig der Natürlichkeit der Gebärdensprache als Verschriftungsform entspricht. Wissenschaftliche Notationssysteme wie etwa das Stokoe-Notationssystem, Hamburger Notationssystem und die Erlenkamp-Notation sind eher linguistisch motiviert und werden als wissenschaftliches Analysetool zu Forschungszwecken eingesetzt.

Die Kategorie Gebrauchsnotation umfaßt hier die Bereiche Abbildungen, "Sutton Sign Writing" (F.A.S. vom 20. Februar 2005) und Deafmax, die für den Unterricht als Kommunikationsmittel gedacht sind. Abbildungen sind entweder Fotos oder Zeichnungen einer Gebärde; die Bewegungen der Hände werden darin mit Pfeilen begleitet. Diese zeigen nur die im Bewegungsablauf festgehaltene Gebärde zweidimensional, ohne genauer auf den weiteren Verlauf einzugehen - ein Mangel. Die Produktion solcher Abbildungen ist aufwendig.

"Sutton Sign Writing" wurde von Valery Sutton entwickelt, die 1974 eine Tanznotation als historische Dokumentation von Schriftfolgen entwickelte. Im Zuge ihrer Arbeiten entwickelte sie verschiedene Verschriftungen wie Mime Writing für die Pantomime, Sports Writing für den Eiskunstlauf und Science Writing für die Bewegungsforschung, die alle der Familie des Sutton Movement Writing angehören. Der wichtigste Bestandteil ist nunmehr das Sign Writing, also die Gebärdennotation, die 425 graphische Grundformen hat und nichtmanuelle Komponenten darstellen kann. Der Vorteil dieses Systems liegt in der integrierten Raumsymbolik und der Flexibilität der Zeichenvarianten mit ihrer Bildlichkeit, die von geübten Lesern und Gehörlosern als Wortbilder und Gebärden decodiert werden können.

Es ist ein leicht zu erlernendes und brauchbares System, das der Gebärdensprache-Kommunikation nahesteht. Somit erscheint es verständlich, daß es weite internationale Verbreitung gefunden hat. Zudem ist es mit dem Computer von jedem Lehrer und Schüler generierbar und auch im Internet verbreitet. Conny Löffler glaubt allerdings, daß es sich in Deutschland wegen der womöglich "roboterhaften Anmutung des Schriftbildes" wenig Verbreitung finden werde - und dem möchte sie mit ihrem Entwurf abhelfen.

"Deafmax" wurde in der Diplomarbeit von Conny Löffler weiterentwickelt und ist als vektorbasierte Schriftvariante zu verstehen, die der Suttonschen Idee kompatibel ist. Ihr Ziel ist eine angenehme, regelhafte Lesetypographie für Kinderbücher und Lehrmaterialien, die dem Neuling schnell verständlich wird. Ihr Konzept beruht auf zwei Notationselementen, die sie als anatomische Ebene (Hände, Kopf, Mimik) und Befehlsebene (Bewegungspfeile, Interpunktion) versteht.

Der Unterschied zu Sutton liegt weiter in der graphischen Darstellung. Suttonsche Gebärdenelemente werden geometrisch abstrahiert - die Faust etwa als Quadrat. Die Deafmax-Gebärdenelemente kommen der Naturform näher und können ohne Vorwissen abgelesen werden. Deafmax und das Suttonsche System stehen beide noch am Anfang und werden sich weiterentwickeln. Conny Löffler sieht vor allem eine Aufgabe: die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Lehrern, Linguisten, Programmierern und Typographen - und besonders mit den Gehörlosen selbst.

Das Band enthält ein Glossar, ein Literatur- und Quellenverzeichnis, wobei man allerdings andere Literatur vermißt, die mehr Systeme darstellt und vergleicht, etwa Charles Millers Abhandlung "A Note on Notation", die 1994 in der Zeitschrift "Signpost" erschien. Bei dem ansprechenden Band bleibt am Ende dennoch die Frage, warum noch nie eine Gebärdenschrift von Gehörlosen selbst entwickelt wurde. Mark Zaurov

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