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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Was der Tiefenblick enthüllt

 ·  Das Berliner Mikroskopische Aquarium und die "kleinen Meere im Zimmer"

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In ihrer Februar-Ausgabe von 1877 stellte die "Illustrirte Zeitung" ihrem Publikum eine neue Berliner Attraktion vor: das "Mikroskopische Aquarium". Es handelte sich um eine Ergänzung zu den Zoologischen und Botanischen Gärten sowie der "Wunderwelt der großen Aquarien", die in den Großstädten längst zu den unentbehrlichen Bildungsinstitutionen zählten. Die neue Einrichtung versprach, fremdartigste Geschöpfe zu enthüllen, die weit mehr Erstaunen hervorrufen würden als "sonnige Steppen Südafrikas, Eisregionen des Nordpols, felsiger Grund oder Klippen des Meeres".

Das neuartige Institut residierte im ersten Stock der von Friedrich Gilly im klassizistischen Stil erbauten Alten Münze. Es bestand aus einem Kuppelraum und drei Laboratorien. Seinem "belehrenden Charakter" entsprechend waren die Arbeitsräume "freundlich und hell" und die Ausstattung "einfach und würdig". Transportable Aquarien standen vor den Fenstern. An den Wänden hingen Bildtafeln, an den Glastüren Mikrophotographien. Auf den länglichen Tischen waren rund fünfzig Mikroskope befestigt. Vor jedem Apparat stand ein Stuhl, damit die Besucher - es waren vor allem Laien -, von Mikroskop zu Mikroskop wandernd, die unvergleichliche Vielfalt und Lebendigkeit der im Wasser lebenden Kleinstorganismen studieren konnten.

Als "Wunder" galten die zwischen Pflanze und Tieren zwitternden Infusorien, die sogenannten Glockentierchen, die, zu Kolonien versammelt, einem Tulpenbeet ähneln, der durchsichtige Wasserfloh (Daphnia pulex) mit seinem schnabelartig zugespitzten Kopf und rollenden Riesenauge, die sich durch Teilung vermehrenden Würmer, Pilze und Bakterien. Diese Wunder würden um so interessanter, je mehr man sich in ihre Einzelheiten vertiefe.

Neues Zeitalter der Wunder

Dem einer Pfütze entnommenen Wassertropfen, der unter dem Mikroskop "eine ganze lebendige Welt in sich" birgt, einen Kosmos "voller seltsam geformter Lebewesen, die kämpfen und durcheinanderspringen", hatte der dänische Dichter Hans Christian Andersen schon 1847 das entsprechend betitelte ("Wassertropfen") Märchen gewidmet. In dessen Protagonisten Professor "Kribbel-Krabbel" scheint er seinen zehn Jahre älteren Zeitgenossen, den deutschen Zoologen Christian Gottfried Ehrenberg, porträtiert zu haben, der die Mikroskopie zur Wissenschaft machte und Infusorien, Kieselalgen, Korallen, Gesteine, Tautropfen aus der Wüste untersuchte.

Andersen sah im wissenschaftlichen und technischen Fortschritt den Motor, der "ein neues Zeitalter der Wunder anbrechen" läßt, eine Fundgrube für die Poesie. Mikroskopie, Dampfkraft, Luftschiffahrt, Kanalisation und unterseeische Telegrafenverkabelung gehörten deswegen ebenso wie "die Höhlen der Meerestiefe und die Abgründe des Süßwassers" - gemeint sind die beiden Riesenaquarien auf der Pariser Weltausstellung 1867 - zur Ausstattung seiner Märchen.

Um 1850 war das Wassertropfen-Experiment ein Synonym von Wahrheitsverheißung, und das Mikroskop ein Sinnbild für wissenschaftliche Analyse. Kein Wunder, daß Gustave Flaubert es in seiner Anti-Enzyklopädie und Wissenschaftsposse "Bouvard und Pecuchet" (1881) "unerläßlich" für die Beweisführung nannte. Von einem Wassertropfen aus dem Meeresgrund erhoffte man sich Aufschlüsse über Ursprung und Beginn allen Lebens. Mikroorganismen als Krankheitserreger (Cholera, Milzbrand, Tuberkulose, Typhus, Diphtherie) wurden im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts von Louis Pasteur in Frankreich und von Robert Koch in Deutschland entdeckt.

Auf den Mikroskopiker verweist im Bild der Zwerg. Die Wissenschaft des Bergbaus wird in Analogie zur neuen Naturwissenschaft gesetzt. Was Bergmann und Mikroskopiker eint, ist der "Tiefenblick". Mit Hilfe ihrer Wunderlampe dringen sie zum Grund der Natur vor, haben direkten Zugang zu den in der Tiefe ruhenden Geheimnissen der Naturkräfte. Was dem Bergmännle die Höhle im Erdinnern, ist dem modernen Naturwissenschaftler das Laboratorium. Höhle und Labor erscheinen als Orte der Erkenntnis.

"Wissen" und "Wunder" wurden im neunzehnten Jahrhundert als zusammengehörig empfunden. Unzählige Titel populärwissenschaftlicher Bücher belegen das - Gideon Mantells "The Wonders of Geology" (1838), W.F. A. Zimmermanns "Der Erdball und seine Naturwunder" (1855), Louis Figuiers "Les Merveilles de la Science" (1867), Alfred Brehms "Die Wunder der Natur" (1869-85). Ernst Haeckel, der Erforscher wirbelloser Meerestiere, nannte den mit Mikroskop, Netz und anatomischem Besteck bewaffneten Naturforscher in seinem Vortrag "Das Leben in den größten Meerestiefen" (1870) einen "kalifornischen Goldgräber", der Schätze prächtiger Muscheln, Algen, Tange und Korallen ans Tageslicht hebe.

Höhle und Meer werden im Bild durch den Algen, Molluskengehäuse, Pflanzen- und Tierfossilien sowie Farne darstellenden Teil der Leitlinien-Arabeske miteinander verbunden. Georges Buffon hatte die hauptsächlich in der Erde entdeckten Fossilien maritimer Flora und Fauna in seiner "Epoques de la nature" von 1778 (deutsch 1781) als die "ersten Denkmäler" irdischen Lebens bezeichnet. Man begriff sie als Relikte versteinerter Zeit, von deren Erforschung man sich Einblicke in die Erdgeschichte erhoffte.

Zugleich glaubte man, in Meereshöhlen wie der Fingalshöhle auf einer der Hebrideninseln und in den kontinentalen Tropfstein- und Felsenhöhlen den Schlüssel für die Entstehung der Erde und der dabei wirksamen Kräfte gefunden zu haben. Ab den fünfziger Jahren jedoch, im Zuge der unterseeischen Telegrafenverkabelung, der Tiefsee-Expeditionen und der Tiefseelotungen, wandte sich der "Tiefenblick" dem unter der Meeresoberfläche Verborgenen zu. In den Häusern der Gebildeten wurden die Mineralien- oder Fossilienkabinette durch Aquarien verdrängt, die "kleinen Meere im Zimmer". Wie sich beim Abstieg in die dunklen Tiefen der Erde Minerale und Überreste versteinerter Lebewesen zonenweise veränderten, wie Charles Lyell nachgewiesen hatte, so änderte sich die Abfolge der Fauna und Flora in der Tiefsee (Edward Forbes).

Abstieg in die Urzeit

Den Abstieg ins Berginnere machte Friedrich von Hardenberg, der sich Novalis nannte, zum Gleichnis der Poesie. Als Bergbaubeamter seit 1796 verantwortlich für die Erforschung der Bodenschätze in Sachsen, suchte der romantische Dichter und Absolvent der von Abraham Gottlob Werner gegründeten Bergbauakademie in Freiberg wissenschaftliche und mythische Vorstellungen von Natur zu vereinen. Im Bergmannskapitel seines "Heinrich von Ofterdingen" (1799) wird der Dichter von dem "beinahe einem verkehrten Astrologen" gleichenden Bergmann in die "fabelhafte Urzeit" hinabgeführt. Sein Abstieg erscheint als Gleichnis eines Erkenntnisprozesses, an deren Ende das Bewußtsein der vollkommenen Analogie zwischen den "künstlerischen" Bildungskräften der Natur und denen des menschlichen Geistes steht. Heinrichs Wanderung endet in einer urweltlichen Höhle mit Wasserfall und Stalaktiten. Hier erblickt der Protagonist einen "Zaubergarten". Ein künstliches Paradies, wo die Edelsteine an Bäumen wachsen.

Höhlen galten im ausgehenden achtzehnten Jahrhundert als Inbegriff des "Pittoresken". Obgleich natürlich entstanden, wurden sie mit Palästen, Tempeln und Kirchen verglichen. Bergwerke wurden als "märchenhafte Stadt" mit glitzernden Kuppeln geschildert (Erasmus Darwin). In dieser Weise wahrgenommen, erschienen die zwischen Natur- und Kunstwerk oszillierenden, in der Tiefe verborgenen "Naturwunder" als ädaquate Architekturform für das Schauspiel der Unterwasserfauna und -flora. Kein Wunder, daß zahlreiche Aquarienhäuser in Frankreich und in Deutschland im "Grottenstil" errichtet wurden, wie beispielsweise das die Fingalshöhle nachahmende Aquarium in Le Havre (1868) und der "prachtvolle und größte Felsentempel lebendiger Naturwissenschaft" (H. Beta), das "Berliner Aquarium", das am 11. Mai 1869 in Anwesenheit des preußischen Königs Wilhelms I. eröffnet wurde. Diejenigen, die acht Jahre später im "Mikroskopischen Aquarium" die Welt in einem Wassertropfen studiert haben, dürften auch die größeren Lebewesen im Aquarium und sich selber mit anderen Augen wahrgenommen haben. Ursula Harter

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