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Was der Tiefenblick enthüllt

Das Berliner Mikroskopische Aquarium und die "kleinen Meere im Zimmer"

In ihrer Februar-Ausgabe von 1877 stellte die "Illustrirte Zeitung" ihrem Publikum eine neue Berliner Attraktion vor: das "Mikroskopische Aquarium". Es handelte sich um eine Ergänzung zu den Zoologischen und Botanischen Gärten sowie der "Wunderwelt der großen Aquarien", die in den Großstädten längst zu den unentbehrlichen Bildungsinstitutionen zählten. Die neue Einrichtung versprach, fremdartigste Geschöpfe zu enthüllen, die weit mehr Erstaunen hervorrufen würden als "sonnige Steppen Südafrikas, Eisregionen des Nordpols, felsiger Grund oder Klippen des Meeres".

Das neuartige Institut residierte im ersten Stock der von Friedrich Gilly im klassizistischen Stil erbauten Alten Münze. Es bestand aus einem Kuppelraum und drei Laboratorien. Seinem "belehrenden Charakter" entsprechend waren die Arbeitsräume "freundlich und hell" und die Ausstattung "einfach und würdig". Transportable Aquarien standen vor den Fenstern. An den Wänden hingen Bildtafeln, an den Glastüren Mikrophotographien. Auf den länglichen Tischen waren rund fünfzig Mikroskope befestigt. Vor jedem Apparat stand ein Stuhl, damit die Besucher - es waren vor allem Laien -, von Mikroskop zu Mikroskop wandernd, die unvergleichliche Vielfalt und Lebendigkeit der im Wasser lebenden Kleinstorganismen studieren konnten.

Als "Wunder" galten die zwischen Pflanze und Tieren zwitternden Infusorien, die sogenannten Glockentierchen, die, zu Kolonien versammelt, einem Tulpenbeet ähneln, der durchsichtige Wasserfloh (Daphnia pulex) mit seinem schnabelartig zugespitzten Kopf und rollenden Riesenauge, die sich durch Teilung vermehrenden Würmer, Pilze und Bakterien. Diese Wunder würden um so interessanter, je mehr man sich in ihre Einzelheiten vertiefe.

Neues Zeitalter der Wunder

Dem einer Pfütze entnommenen Wassertropfen, der unter dem Mikroskop "eine ganze lebendige Welt in sich" birgt, einen Kosmos "voller seltsam geformter Lebewesen, die kämpfen und durcheinanderspringen", hatte der dänische Dichter Hans Christian Andersen schon 1847 das entsprechend betitelte ("Wassertropfen") Märchen gewidmet. In dessen Protagonisten Professor "Kribbel-Krabbel" scheint er seinen zehn Jahre älteren Zeitgenossen, den deutschen Zoologen Christian Gottfried Ehrenberg, porträtiert zu haben, der die Mikroskopie zur Wissenschaft machte und Infusorien, Kieselalgen, Korallen, Gesteine, Tautropfen aus der Wüste untersuchte.

Andersen sah im wissenschaftlichen und technischen Fortschritt den Motor, der "ein neues Zeitalter der Wunder anbrechen" läßt, eine Fundgrube für die Poesie. Mikroskopie, Dampfkraft, Luftschiffahrt, Kanalisation und unterseeische Telegrafenverkabelung gehörten deswegen ebenso wie "die Höhlen der Meerestiefe und die Abgründe des Süßwassers" - gemeint sind die beiden Riesenaquarien auf der Pariser Weltausstellung 1867 - zur Ausstattung seiner Märchen.

Um 1850 war das Wassertropfen-Experiment ein Synonym von Wahrheitsverheißung, und das Mikroskop ein Sinnbild für wissenschaftliche Analyse. Kein Wunder, daß Gustave Flaubert es in seiner Anti-Enzyklopädie und Wissenschaftsposse "Bouvard und Pecuchet" (1881) "unerläßlich" für die Beweisführung nannte. Von einem Wassertropfen aus dem Meeresgrund erhoffte man sich Aufschlüsse über Ursprung und Beginn allen Lebens. Mikroorganismen als Krankheitserreger (Cholera, Milzbrand, Tuberkulose, Typhus, Diphtherie) wurden im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts von Louis Pasteur in Frankreich und von Robert Koch in Deutschland entdeckt.

Auf den Mikroskopiker verweist im Bild der Zwerg. Die Wissenschaft des Bergbaus wird in Analogie zur neuen Naturwissenschaft gesetzt. Was Bergmann und Mikroskopiker eint, ist der "Tiefenblick". Mit Hilfe ihrer Wunderlampe dringen sie zum Grund der Natur vor, haben direkten Zugang zu den in der Tiefe ruhenden Geheimnissen der Naturkräfte. Was dem Bergmännle die Höhle im Erdinnern, ist dem modernen Naturwissenschaftler das Laboratorium. Höhle und Labor erscheinen als Orte der Erkenntnis.

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