Home
http://www.faz.net/-gqz-73r9f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 21.10.2012, 20:18 Uhr

Warum Obama gewinnt Das Paradox des Präsidenten

Apathie statt Aufbruch: Gerade weil Barack Obama die affektive Lage der Nation verkörpert, wird er auch wiedergewählt werden. Es gibt verhaltenen Pessimismus, aber keine Wechselstimmung.

© Fricke, Helmut

Ein an die laute Sichtbarkeit europäischer Wahlschlachten gewöhnter Tourist ohne Kenntnis von den Rhythmen amerikanischer Politik käme dieser Tage in New York, Chicago oder San Francisco kaum auf den Gedanken, dass die Vereinigten Staaten in der heißen Phase eines Wahlkampfs um das Weiße Haus stehen - und das ist nichts Neues.

Wahlen zum Amt des Sheriffs in einem County oder auch zum School Board einer Gemeinde machen hier seit jeher lokal mehr auf sich aufmerksam als Präsidentschaftswahlen. Manche Familien pflanzen zwar kleine Schilder mit dem Namen des einen oder anderen Kandidaten in den Rasen vor ihrem Eigenheim, doch das hat nichts zu tun mit der Hektik des Stimmenfangs in europäischen Wahlkämpfen.

In den Alltagsgesprächen spielt die Präsidentschaftswahl zwar schon eher eine Rolle, aber sie erreicht nie die Amplituden europäischer Polit-Erregung. Wie kann man diesen Eindruck - und diese Wirklichkeit - von Apathie erklären? Verschiedenes kommt da zusammen. Einmal, ganz praktisch gesehen, sind sich die beiden großen und allein entscheidenden Parteien, die eher als Wählerbündnisse funktionieren denn als stabile ideologische Konsensfelder, einig in der Skepsis gegenüber der Wirksamkeit von Propagandamaschinerien.

Gründe für die Wahlmattigkeit

Zwar gehört zum Repertoire demokratischer Rhetorik alle zwei Jahre eine verstimmt sozialistisch klingende Klage über das den republikanischen Kandidaten immer wieder zur Verfügung stehende größere Budget für Werbespots im Fernsehen, aber wie wirksam solche Commercials am Ende sind, weiß keiner. Ähnlich verhält es sich mit den vier Prime-Time-Diskussionen zwischen den Kandidaten für Präsidenten- und Vizepräsidentenamt: Niemand kann mit Gewissheit sagen, wie sie langfristig Wahlergebnisse beeinflussen.

Ausschlaggebend für die Wahlmattigkeit ist aber vor allem der besondere Status der zentralen Bundespolitik innerhalb der amerikanischen Bundesstaaten. Es gibt Zeiten, wo ich glaube, vor allem in Santa Clara County zu leben, vor einem kalifornischen Horizont zwar, aber von Washington weiter entfernt als während der deutschen ersten Hälfte meines Lebens.

Was die Statistiken dieses Herbstes angeht, gibt es für die Anhänger des Amtsinhabers nicht viel Grund zur Aufregung - was mich politisch naiven Neu-Amerikaner beruhigt, dem Barack Obama der liebste Präsident aller Zeiten geworden ist. Genau zwei Monate vor dem Wahltag sollen 49 Prozent von denen, die überhaupt eine Stimme abgeben werden, für Obama gewesen sein, 46 Prozent für Romney, und nur fünf Prozent hatten ihre Entscheidung noch nicht getroffen.

In den vergangenen Wochen hat sich diese Konfiguration kaum verändert, bei geringen Kursschwankungen zugunsten des Präsidenten nach der Veröffentlichung überraschend guter Statistiken vom Arbeitsmarkt; und zugunsten des Herausforderers nach der ersten Fernsehdebatte, deren Wirkung aber wohl durch die Diskussion vom vergangenen Dienstag wieder neutralisiert worden ist.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Amerikanischer Vorwahlkampf Rick Santorum wirft hin

Der Kandidaten-Kreis lichtet sich langsam – nur noch neun sind übrig. Denn nach dem Debakel in Iowa hört nun auch der Republikaner Rick Santorum auf. Mehr

03.02.2016, 22:07 Uhr | Politik
Washington D.C. Obama hält letzte Rede zur Lage der Nation

Anfang 2017 verlässt Barack Obama das Weiße Haus. Nach zwei Amtszeiten darf er nicht mehr zur Wahl des Präsidenten antreten. Mehr

13.01.2016, 09:26 Uhr | Politik
Vereinigte Staaten So funktionieren die Vorwahlen

Das Wahlsystem in Amerika unterscheidet sich vom deutschen in vielen Punkten. So werden die Kandidaten nicht von den Parteien, sondern von den Wählern bestimmt. Was sie über Primaries und Caucuses wissen müssen. Mehr Von Oliver Kühn

01.02.2016, 10:40 Uhr | Politik
Wahlkampf in Amerika Trump treibt Muslime in die Arme der Demokraten

Am kommenden Montag beginnen in Iowa die Vorwahlen zur amerikanischen Präsidentschaftswahl – einem Bundesstaat mit einer vergleichsweise hohen Zahl muslimischer Bürger. Nach den anti-islamischen Ausfällen des republikanischen Bewerbers Donald Trump ist für viele Muslime indes eines klar: Ein Kandidat aus diesem Lager kommt für sie nicht in Frage. Mehr

29.01.2016, 08:26 Uhr | Politik
Caucus in Iowa Darum sind die amerikanischen Wahlen auch für Deutschland wichtig

Viele Probleme kann Deutschland nur mit Hilfe der Amerikaner lösen. In der Flüchtlingskrise könnte ein aggressiverer Präsident die Fluchtursachen im Nahen Osten vergrößern. Doch auch im Weltmaßstab muss man zusammenarbeiten. Mehr

01.02.2016, 21:56 Uhr | Politik
Glosse

Die Glocken müssen bleiben

Von Jürg Altwegg

Der französische Staat wollte die Glocken von Notre Dame mit dem Segen der Kirche nach China verscherbeln. Ein Aufschrei ging durchs Land. Die Glocken sind tief im nationalen Gedächtnis verankert. Mehr 1

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“