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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Wahre Tories

Wer einen deutschen Sonderweg in die Moderne ideengeschichtlich belegen will, verweist meist auf die Gedankenwelt der "konservativen Revolution". Dieses paradoxe Begriffspaar bezeichnet eine während der ...

Wer einen deutschen Sonderweg in die Moderne ideengeschichtlich belegen will, verweist meist auf die Gedankenwelt der "konservativen Revolution". Dieses paradoxe Begriffspaar bezeichnet eine während der Weimarer Zeit unter Rechtsintellektuellen einflußreiche, vielfältig verzweigte Strömung, deren Vertreter die Revolution von 1918/19 ablehnten und statt dessen eine kämpferische Position zu der aus ihr hervorgegangenen Republik bezogen. Den Ansatz dieser Konservativen brachte eine ihrer Leitfiguren, Arthur Moeller van den Bruck, auf den Punkt: "konservativ ist, Dinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt". Die durch den verlorenen Krieg und den gedemütigten Nationalstolz radikalisierten "konservativen Revolutionäre", die über eine Reihe von Zeitschriften und Gesprächskreise vernetzt waren, übten antiliberale Gesellschaftskritik und bekämpften die parlamentarische Demokratie, die sie für das Geschöpf einer als degeneriert empfundenen "westlichen Zivilisation" hielten.

In seiner weitverbreiteten Streitschrift "Preußentum und Sozialismus" aus dem Jahr 1920 stilisierte Oswald Spengler England zum Sinnbild für die Abgründe der Moderne. "Jeder für sich: das ist englisch; alle für alle: das ist preußisch." Deutscher Geist und preußische Solidarität waren für Spengler vor einer Ausbreitung des "inneren England" zu schützen, vor jener "Weltanschauung, welche unser ganzes Leben als Volk durchdringt, lähmt und entseelt". Lange Zeit galt die "Konservative Revolution" als ein spezifisch deutsches Phänomen innerhalb der europäischen Geistesgeschichte, zumindest aber als eine für England undenkbare Ideenströmung. Bernhard Dietz hingegen belegt nun, daß es während und nach der Weltwirtschaftskrise in Großbritannien einen dem deutschen vergleichbaren rechtsintellektuellen Diskurs gegeben hat (Bernhard Dietz, "Gab es eine Konservative Revolution in Großbritannien? Rechtsintellektuelle am Rande der Konservativen Partei 1929-1933", in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 54. Jg., Heft 4, R. Oldenbourg, München 2006).

Die britischen Neokonservativen waren überwiegend junge Tories oder Intellektuelle im Umfeld der "Conservatives", die sich gegen den moderaten Kurs der Parteiführung aussprachen und eine radikale Neuausrichtung des britischen Konservatismus anstrebten. Ihrer Sozialstruktur nach waren dies um 1890 geborene Männer, die zur gesellschaftlichen Elite gehörten, die Ausbildung der "public schools" und in Oxford oder Cambridge genossen. Sie meldeten sich freiwillig zur Teilnahme am Ersten Weltkrieg und erlitten in den Schlachten so hohe Verluste wie keine andere soziale Gruppe.

Die starke Dezimierung der jungen Bildungselite im Ersten Weltkrieg dürfte nicht nur die Angst vor einem außenpolitischen Bedeutungsverlust, sondern auch Vorstellungen von der Degeneration der britischen Gesellschaft beflügelt haben. Verantwortlich für den Niedergang sei wesentlich die parlamentarische Demokratie, die "auf Gleichheit und individuellen Rechten unabhängig von Funktion und Besitz" basiere und "nicht englisch" sei, wie es der Herausgeber der "English Review", Douglas Jerrold, 1934 formulierte. Er und seine publizistischen Mitstreiter idealisierten das frühmittelalterliche England als dezentrale, korporativ gegliederte ländliche Gesellschaft. Der Verfallsprozeß der "urenglischen" Werte, höchst vage als "maskuline Instinkte" oder "Gehorsam und Loyalität" bezeichnet, habe mit der "Glorious Revolution" am Ende des siebzehnten Jahrhunderts eingesetzt und - verstärkt seit der Französischen Revolution - zum Sieg des liberalen Fortschrittsdenkens, des Materialismus und später des Sozialismus geführt.

Die neokonservativen Meinungsführer wie Jerrold, Anthony Ludovici, Gerald Wallop oder Francis Yeats-Brown suchten dem "true toryism" über Zeitschriften wie "English Review", "Ashridge Journal" oder "Everyman" Ausdruck zu verleihen. Sie waren kulturpessimistisch ausgerichtet und forderten einen grundlegenden Wandel der zersplitterten pluralistischen Gesellschaft hin zu einer "ursprünglichen", "reinen", "korporativen" und autoritären Ordnung. Jerrold berief sich dabei öfters auf den deutschen Publizisten Wilhelm Stapel, der die jungkonservative Zeitschrift "Deutsches Volkstum" herausgab. Wie diesem "konservativen Revolutionär" genügte Jerrold mitnichten die Restauration der Zustände vor dem Weltkrieg: "Es gab keine alte Ordnung, die man hätte wiederherstellen können. Es gab kein Bauerntum, das als Gegengewicht zum besitzlosen, urbanen Proletariat hätte dienen können. Es gab überhaupt keine Regierung im Sinne eines organischen Staates, der über den Besitzenden und Besitzlosen steht."

Die neokonservativen Intellektuellen wollten über die "world of letters" hinaus wirken und mit Hilfe der bald radikalisierten Konservativen eine "Revolution von oben" organisieren, um so das parlamentarische System auszuhebeln. Doch trotz des beträchtlichen Engagements des "Diehard"-Flügels der Partei und insbesondere Lord Lloyds gelang es den Neokonservativen nicht, die Parteiführung ernsthaft herauszufordern. Anders als in Deutschland fehlte in England ein radikalisiertes Bürgertum und blieben die Neokonservativen am Ende auf einen kleinen elitären Kreis beschränkt. Auch scheuten sie den Wechsel hin zum Faschismus, hielten sie diese "Bewegung" doch für unvereinbar mit der eigenen, "britischen" politischen Kultur: "We do not wear black shirts."

ALEXANDER GALLUS

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