Mel Gibsons "The Passion" hat als "der blutigste Evangelienfilm, den es je gab", (F.A.Z. vom 26. Februar) von sich reden gemacht. Er hat der Inkarnationslehre, wonach Gott in Jesus Fleisch geworden ist, die schrecklichste Wendung gegeben: Er zeigt den Gekreuzigten als ein blutiges, zerfetztes und zuckendes Stück Fleisch. Es fällt schwer, diesen Blut-und-Wunden-Exzeß mit europäischen Religionskoordinaten zu fassen. Er scheint nur in Amerika möglich zu sein. Doch auch wenn "The Passion" das Resultat einer Privatpassion ist, sollte man nicht übersehen, daß sich mit diesem Film ein zentrales theologisches Problem verbindet: die Frage, ob und wie man das Leiden Jesu und den Zorn Gottes, der sich in ihm manifestiert, darstellen soll.
Diese Frage durchzieht die gesamte Geschichte der christlichen Theologie und Ikonographie. Dabei lassen sich zwei Linien unterscheiden. Die eine bilden diejenigen, die das Leiden läutern und verklären. Ihr Gekreuzigter ist erhaben und schön. Die andere Linie stellen diejenigen vor, die das Grauenhafte des Leidens kraß herausstellen. Man denke an manche mittelalterliche Passionsdarstellung. Der Konflikt zwischen beiden Linien prägt auch die Geschichte des deutschen Protestantismus. Die eine Seite markierten Orthodoxe und Pietisten, die in blutroten Liedern und tiefschwarzen Meditationen das Leiden - weit über die Grenzen des guten Geschmacks - beschworen. Manche von ihnen badeten regelrecht im Blut ihres Heilands.
Auf der anderen Seite standen die beiden Väter des aufgeklärten Protestantismus: Friedrich Schleiermacher und Albrecht Ritschl. Sie lehnten es ab, die Aufmerksamkeit der Gläubigen auf die Nachtseite der Heilsgeschichte zu lenken. Eine der berühmtesten Predigten von Schleiermacher trägt den Titel "Daß wir nichts vom Zorne Gottes zu lehren haben". Statt dessen hielt er sich an das Johannesevangelium und verkündete einen Christus, der auch im Leiden heiter und souverän bleibt. Zu Recht plädierte Schleiermacher für ein Christentum, das keine sklavische Furcht, sondern Ehrfurcht auslöst. Doch drohte hier eine Harmonisierung, die der Religion ihre paradoxe Spitze nimmt. Rudolf Otto erklärte deshalb: "Es ist ganz zweifellos, daß auch das Christentum ,vom Zorne Gottes' zu lehren habe." Aber wie? Wie läßt sich die falsche Alternative überwinden, daß man das Leiden Christi entweder mit Schleiermacher ausblendet oder mit Mel Gibson übertreibt?
Eine Lösung findet man beim späten Goethe, vielleicht weil er die nötige Distanz zum Christentum hatte. In "Wilhelm Meisters Wanderjahren", dem unverfilmbarsten seiner Werke, erzählt er, wie sein Held in die "pädagogische Provinz", ein Reforminternat, kommt. Dort begrüßen ihn die Zöglinge mit geheimnisvollen Gebärden. Einige kreuzen die Arme über der Brust und wenden den Blick nach oben. Andere falten die Hände hinter dem Rücken und richten den Blick nach unten. Wieder andere stellen sich nebeneinander, lassen die Arme fallen und schauen nach rechts zum nächsten Mitschüler. Ein Lehrer erklärt, daß der dreifache Gruß für drei Arten der Ehrfurcht steht: die Ehrfurcht vor dem, was über uns ist (Gott und seine Statthalter), vor dem, was unter uns ist (das Leiden), und vor dem, was neben uns ist (die Mitmenschen).
Man führt Wilhelm Meister in eine Gemäldegalerie. Dort hängen Bilder, die zwei Ehrfurchtsformen darstellen. Einige zeigen Begebenheiten aus der Religionsgeschichte Israels. Sie versinnbildlichen die Ehrfurcht vor dem, was über uns ist, die Demut vor einem allmächtigen Gott. Andere stellen Geschichten aus dem Leben Jesu dar. Sie geben das Vorbild für die Ehrfurcht vor dem, was uns gleich ist, und malen die Nächstenliebe in leuchtenden Farben aus. Als Wilhelm Meister die Galerie durchschritten hat, wundert er sich, daß die zweite Ehrfurcht keinen Maler gefunden habe. Er wird belehrt, daß die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist, das Zentrum der christlichen Religion bilde. Sie erfülle sich in einem Blick nach unten, der fähig sei, "auch Niedrigkeit und Armut, Spott und Verachtung, Schmach und Elend, Leiden und Tod als göttlich anzuerkennen, ja Sünde selbst und Verbrechen nicht als Hindernisse, sondern als Fördernisse des Heiligen zu verehren und liebzugewinnen".
Hierfür gebe es sehr wohl ein Bild: Christus am Kreuz. Doch dieses wird nicht ausgestellt. Das "Heiligtum des Schmerzes" möchte man den Schülern nicht aufdrängen: "Wir ziehen einen Schleier über diese Leiden, eben weil wir sie so hoch verehren. Wir halten es für eine verdammungswürdige Frechheit, jenes Martergerüst und den daran leidenden Heiligen dem Anblick der Sonne auszusetzen, die ihr Angesicht verbarg, als eine ruchlose Welt ihr dies Schauspiel aufdrang, mit diesen tiefen Geheimnissen, in welchen die göttliche Tiefe des Leidens verborgen liegt, zu spielen, zu tändeln, zu verzieren und nicht eher zu ruhen, bis das Würdigste gemein und abgeschmackt erscheint." Goethe hatte früh die Leidenslust pietistischer Zeitgenossen zu hassen gelernt. Darum führte er die zweite Ehrfurcht mit einer Diskretion vor, die den meisten Theologen, Pädagogen und Regisseuren von Bibelverfilmungen unbekannt ist. Sie wird weder verschwiegen noch propagiert. Sie wird angedeutet. Denn sie ist ein Grenzgedanke, der den Unvorbereiteten erschrecken muß, dem Eingeweihten aber zu kostbar ist, als daß er sie zu Markte trüge.
Wie immer man Goethes Verhältnis zum Christentum bestimmen mag und worin man auch den Sinn des Leidens Christi sehen möchte, für die Debatte um "The Passion" liefert Goethe den entscheidenden Hinweis: Dieses Leiden wird nicht nur dann verfehlt, wenn man es schönt und vergeistigt, sondern auch dann, wenn man es schonungslos präsentiert. Die Leidensdrastik eines Mel Gibson läßt etwas ganz Elementares vermissen: die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist. Johann Hinrich Claussen