http://www.faz.net/-gqz-74tcl

Urbane Expansion : Der Land-Idealismus der grünen Kolonien

  • -Aktualisiert am

Prominenter Berliner Schrebergärtner: Der Schriftsteller Wladimir Kaminer Bild: dpa

Sie heißen „Freiheit“ oder „Naturfreunde“. Berliner Schrebergärten haben eine lange Tradition - und geraten wegen ihrer Grundstücke immer wieder ins Visier des Städtebaus.

          In Berlin wird bezahlbarer Wohnraum knapper. Der Senat kündigte deshalb kürzlich an, ab 2014 ein neues Förderprogramm für sozialen Wohnungsbau aufzulegen. Als daraufhin der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) die Idee ins Spiel brachte, zur Generierung der notwendigen Flächen Schrebergärten zu planieren, reagierte das Abgeordnetenhaus ablehnend: „Die Kolonien gehören zu Berlin und tragen zur Lebensqualität mit bei. Sie abzureißen steht überhaupt nicht zur Diskussion“, sagte Iris Spranger, die wohnungspolitische Sprecherin der SPD. Auch die CDU will bei einem solchen Vorgehen nicht vorbehaltlos mitmachen. Dass aber SPD-Politiker sich einer den sozialen Wohnungsbau fördernden Maßnahme so resolut entgegenstellen, lässt aufhorchen.

          Aufschlussreich ist da ein Blick auf die Geschichte der Berliner Schrebergärten, wie ihn Mark Hobbs unternimmt (“,Farmers on notice’: the threat faced by Weimar Berlin’s garden colonies in the face of the city’s Neues Bauen housing programme“, in: Urban History, Jg. 39, Heft 2, 2012). Denn die Idee ist nicht ganz neu: Schon im Zuge des „Neuen Bauens“ Mitte der zwanziger Jahre mussten Gartenkolonien urbaner Expansion weichen.

          Barackenkolonien und Bretterverschläge

          Erste, noch nicht als solche bezeichnete Schrebergärten wurden schon 1830 von autarken Bauern dort kultiviert, wo heute die Oranienburger Straße und das Viertel Prenzlauer Berg liegen. Um 1860, häufig ermöglicht durch Landreformen, tauchte das Phänomen dann vermehrt in den Randgebieten urbaner Zentren Europas auf: in London, Paris, Moskau, Berlin und auch in Leipzig. Der von der Industrialisierung in die Innenstädte geschwemmten Arbeiterschaft dienten die Gärten als zusätzliche Nahrungsquelle. Der rurale Idealismus dieses Proletariats in erster oder zweiter Generation ist noch heute an Namen wie „Naturfreunde“, „Grüne Allee“ oder „Freiheit“ abzulesen.

          Die Gärten in Berlin wandelten sich. Bis 1875 strömten innerhalb von nur fünf Jahren 155 000 Menschen in die Stadt. Wohnungsnot trieb vor allem die Ärmsten in die Randgebiete - und in die Schrebergärten. Viele wurden zu Slums. In den Augen der Behörden waren diese aus Holzhütten und Bretterverschlägen bestehenden Barackenkolonien Brutstätten subversiver sozialistischer Gedanken. Auch als die äußerliche Unterscheidbarkeit zwischen prekären Vollzeitbehausungen und den Sommerhäusern bessergestellter Arbeiter immer mehr verschwamm, änderte sich an dieser Wahrnehmung kaum etwas. Um die Jahrhundertwende existierten im Stadtgebiet rund 40 000 solcher Gärten, in denen fast ein Zehntel der zwei Millionen Einwohner Platz fand. 

          „Kuhle Wampe“: Proletarisches Zwanziger-Jahre-Idyll am Miggelsse und Mittelpunkt des gleichnamigen Films von Bertolt Brecht, Ernst Ottwalt und Slátan Dudow
          „Kuhle Wampe“: Proletarisches Zwanziger-Jahre-Idyll am Miggelsse und Mittelpunkt des gleichnamigen Films von Bertolt Brecht, Ernst Ottwalt und Slátan Dudow : Bild: ullstein bild

          In dieser Zeit sind auch die Wurzeln des hohen Organisationsgrads heutiger Hobbygärtner zu suchen. Die meisten Grundstücke, auf denen zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Ersten Weltkrieg Gartenkolonien entstanden, befanden sich im Besitz von Bauherren, die bei stark fluktuierenden Preisen auf den richtigen Zeitpunkt für einen profitablen Baubeginn warteten. In der Zwischenzeit verpachteten sie die Flächen an Gärtner, die sich in geschlossenen, organisierten Interessenverbänden zusammenfanden, um die eigene Verhandlungsposition zu stärken.

          Weitere Themen

          Ein Meister der Vielfalt Video-Seite öffnen

          Gastronom The Duc Ngo : Ein Meister der Vielfalt

          Der Gastronom The Duc Ngo ist bei der Gala der „Berliner Meisterköche“ als „Gastronomischer Innovator“ geehrt worden. Er besitzt in Berlin zehn Restaurants – alle mit unterschiedlichem Konzept.

          Topmeldungen

          Allzeit bereit: Hizbullah-Kämpfer bei der Beisetzung gefallener Kameraden

          Naher Osten : Droht ein Krieg gegen Israel?

          In einem Bericht kommen pensionierte Generäle zu dem Schluss, dass ein neuer Waffengang zwischen der Hizbullah und Israel nur noch eine Frage der Zeit sei. Darin wird die Schiitenmiliz als der „mächtigste nichtstaatliche bewaffnete Akteur in der Welt“ bezeichnet.
          Beharrlich für eine Abschaffung des Solis: Christian Lindner inmitten seiner Mitverhandler von der FDP am Freitag.

          Jamaika-Gespräche : FDP wirft der Union Haushaltstricks vor

          Auch wenn die Finanzen nicht allein die Reise nach Jamaika verzögern: Für den Soli-Abbau bleibt das Geld der Knackpunkt. Wie viel Spielraum gibt es wirklich?

          Kommentar : Wofür steht Jamaika?

          Obergrenze oder offene Grenzen für alle? Recht und Ordnung oder legale Joints? Marktwirtschaft oder Planwirtschaft? Nach den Schwierigkeiten bei den Jamaika-Gesprächen muss die Frage erlaubt sein: Passt das alles wirklich zusammen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.