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Veröffentlicht: 08.12.2012, 10:47 Uhr

Urbane Expansion Der Land-Idealismus der grünen Kolonien

Sie heißen „Freiheit“ oder „Naturfreunde“. Berliner Schrebergärten haben eine lange Tradition - und geraten wegen ihrer Grundstücke immer wieder ins Visier des Städtebaus.

von Jan Knobloch
© dpa Prominenter Berliner Schrebergärtner: Der Schriftsteller Wladimir Kaminer

In Berlin wird bezahlbarer Wohnraum knapper. Der Senat kündigte deshalb kürzlich an, ab 2014 ein neues Förderprogramm für sozialen Wohnungsbau aufzulegen. Als daraufhin der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) die Idee ins Spiel brachte, zur Generierung der notwendigen Flächen Schrebergärten zu planieren, reagierte das Abgeordnetenhaus ablehnend: „Die Kolonien gehören zu Berlin und tragen zur Lebensqualität mit bei. Sie abzureißen steht überhaupt nicht zur Diskussion“, sagte Iris Spranger, die wohnungspolitische Sprecherin der SPD. Auch die CDU will bei einem solchen Vorgehen nicht vorbehaltlos mitmachen. Dass aber SPD-Politiker sich einer den sozialen Wohnungsbau fördernden Maßnahme so resolut entgegenstellen, lässt aufhorchen.

Aufschlussreich ist da ein Blick auf die Geschichte der Berliner Schrebergärten, wie ihn Mark Hobbs unternimmt (“,Farmers on notice’: the threat faced by Weimar Berlin’s garden colonies in the face of the city’s Neues Bauen housing programme“, in: Urban History, Jg. 39, Heft 2, 2012). Denn die Idee ist nicht ganz neu: Schon im Zuge des „Neuen Bauens“ Mitte der zwanziger Jahre mussten Gartenkolonien urbaner Expansion weichen.

Barackenkolonien und Bretterverschläge

Erste, noch nicht als solche bezeichnete Schrebergärten wurden schon 1830 von autarken Bauern dort kultiviert, wo heute die Oranienburger Straße und das Viertel Prenzlauer Berg liegen. Um 1860, häufig ermöglicht durch Landreformen, tauchte das Phänomen dann vermehrt in den Randgebieten urbaner Zentren Europas auf: in London, Paris, Moskau, Berlin und auch in Leipzig. Der von der Industrialisierung in die Innenstädte geschwemmten Arbeiterschaft dienten die Gärten als zusätzliche Nahrungsquelle. Der rurale Idealismus dieses Proletariats in erster oder zweiter Generation ist noch heute an Namen wie „Naturfreunde“, „Grüne Allee“ oder „Freiheit“ abzulesen.

Die Gärten in Berlin wandelten sich. Bis 1875 strömten innerhalb von nur fünf Jahren 155 000 Menschen in die Stadt. Wohnungsnot trieb vor allem die Ärmsten in die Randgebiete - und in die Schrebergärten. Viele wurden zu Slums. In den Augen der Behörden waren diese aus Holzhütten und Bretterverschlägen bestehenden Barackenkolonien Brutstätten subversiver sozialistischer Gedanken. Auch als die äußerliche Unterscheidbarkeit zwischen prekären Vollzeitbehausungen und den Sommerhäusern bessergestellter Arbeiter immer mehr verschwamm, änderte sich an dieser Wahrnehmung kaum etwas. Um die Jahrhundertwende existierten im Stadtgebiet rund 40 000 solcher Gärten, in denen fast ein Zehntel der zwei Millionen Einwohner Platz fand. 

Freizeitbilder der 1920/30er Jahre © ullstein bild Vergrößern „Kuhle Wampe“: Proletarisches Zwanziger-Jahre-Idyll am Miggelsse und Mittelpunkt des gleichnamigen Films von Bertolt Brecht, Ernst Ottwalt und Slátan Dudow

In dieser Zeit sind auch die Wurzeln des hohen Organisationsgrads heutiger Hobbygärtner zu suchen. Die meisten Grundstücke, auf denen zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Ersten Weltkrieg Gartenkolonien entstanden, befanden sich im Besitz von Bauherren, die bei stark fluktuierenden Preisen auf den richtigen Zeitpunkt für einen profitablen Baubeginn warteten. In der Zwischenzeit verpachteten sie die Flächen an Gärtner, die sich in geschlossenen, organisierten Interessenverbänden zusammenfanden, um die eigene Verhandlungsposition zu stärken.

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