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Urbane Expansion Der Land-Idealismus der grünen Kolonien

 ·  Sie heißen „Freiheit“ oder „Naturfreunde“. Berliner Schrebergärten haben eine lange Tradition - und geraten wegen ihrer Grundstücke immer wieder ins Visier des Städtebaus.

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© dpa Prominenter Berliner Schrebergärtner: Der Schriftsteller Wladimir Kaminer

In Berlin wird bezahlbarer Wohnraum knapper. Der Senat kündigte deshalb kürzlich an, ab 2014 ein neues Förderprogramm für sozialen Wohnungsbau aufzulegen. Als daraufhin der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) die Idee ins Spiel brachte, zur Generierung der notwendigen Flächen Schrebergärten zu planieren, reagierte das Abgeordnetenhaus ablehnend: „Die Kolonien gehören zu Berlin und tragen zur Lebensqualität mit bei. Sie abzureißen steht überhaupt nicht zur Diskussion“, sagte Iris Spranger, die wohnungspolitische Sprecherin der SPD. Auch die CDU will bei einem solchen Vorgehen nicht vorbehaltlos mitmachen. Dass aber SPD-Politiker sich einer den sozialen Wohnungsbau fördernden Maßnahme so resolut entgegenstellen, lässt aufhorchen.

Aufschlussreich ist da ein Blick auf die Geschichte der Berliner Schrebergärten, wie ihn Mark Hobbs unternimmt (“,Farmers on notice’: the threat faced by Weimar Berlin’s garden colonies in the face of the city’s Neues Bauen housing programme“, in: Urban History, Jg. 39, Heft 2, 2012). Denn die Idee ist nicht ganz neu: Schon im Zuge des „Neuen Bauens“ Mitte der zwanziger Jahre mussten Gartenkolonien urbaner Expansion weichen.

Barackenkolonien und Bretterverschläge

Erste, noch nicht als solche bezeichnete Schrebergärten wurden schon 1830 von autarken Bauern dort kultiviert, wo heute die Oranienburger Straße und das Viertel Prenzlauer Berg liegen. Um 1860, häufig ermöglicht durch Landreformen, tauchte das Phänomen dann vermehrt in den Randgebieten urbaner Zentren Europas auf: in London, Paris, Moskau, Berlin und auch in Leipzig. Der von der Industrialisierung in die Innenstädte geschwemmten Arbeiterschaft dienten die Gärten als zusätzliche Nahrungsquelle. Der rurale Idealismus dieses Proletariats in erster oder zweiter Generation ist noch heute an Namen wie „Naturfreunde“, „Grüne Allee“ oder „Freiheit“ abzulesen.

Die Gärten in Berlin wandelten sich. Bis 1875 strömten innerhalb von nur fünf Jahren 155 000 Menschen in die Stadt. Wohnungsnot trieb vor allem die Ärmsten in die Randgebiete - und in die Schrebergärten. Viele wurden zu Slums. In den Augen der Behörden waren diese aus Holzhütten und Bretterverschlägen bestehenden Barackenkolonien Brutstätten subversiver sozialistischer Gedanken. Auch als die äußerliche Unterscheidbarkeit zwischen prekären Vollzeitbehausungen und den Sommerhäusern bessergestellter Arbeiter immer mehr verschwamm, änderte sich an dieser Wahrnehmung kaum etwas. Um die Jahrhundertwende existierten im Stadtgebiet rund 40 000 solcher Gärten, in denen fast ein Zehntel der zwei Millionen Einwohner Platz fand. 

In dieser Zeit sind auch die Wurzeln des hohen Organisationsgrads heutiger Hobbygärtner zu suchen. Die meisten Grundstücke, auf denen zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Ersten Weltkrieg Gartenkolonien entstanden, befanden sich im Besitz von Bauherren, die bei stark fluktuierenden Preisen auf den richtigen Zeitpunkt für einen profitablen Baubeginn warteten. In der Zwischenzeit verpachteten sie die Flächen an Gärtner, die sich in geschlossenen, organisierten Interessenverbänden zusammenfanden, um die eigene Verhandlungsposition zu stärken.

Die Gärten weichen dem „Neuen Bauen“

Diesen Zusammenschlüssen war bewusst, dass ihnen das Land jeden Monat durch ein Kündigungsschreiben wieder entrissen werden konnte. Der „Reichsverband der Kleingartenvereine Deutschland“ (RKGD), nur drei Jahre nach seiner Gründung 1921 eine 300 000 Mitglieder starke Organisation, war also ursprünglich keineswegs Ausdruck preußischen Regulierungsdrangs, sondern ein Werkzeug gegen städtebaulichen Reformismus.

Spätestens mit dem Einsetzen massiver urbaner Expansion ab 1924 aber begannen die Gärtner, gegenüber den städtischen Bestrebungen den Kürzeren zu ziehen. Die Architekten des „Neuen Bauens“ sahen sich als entschieden sozialverantwortliche Strömung. Arbeiter und Angestellte sollten aus ihren engen Innenstadtbehausungen in weitläufigere, mit Parks, Sportanlagen und öffentlichen Verkehrsmitteln ausgestattete Anlagen verlegt werden - beispielhaft ist Bruno Tauts und Martin Wagners Hufeisensiedlung.

Allein zwischen 1924 und 1931 wurden in Berlin 140 000 neue Wohnungen gebaut, was laut Hobbs’ Berechnungen mit einem Verlust von über 1300 Hektar Gartenfläche einherging. Gleichzeitig fand eine semantische Verschiebung statt, die bestimmte Formen des Gärtnertums hervorhob: Unterschieden wurde jetzt zwischen positiv konnotierten „Kleingärten“ und pejorativ behafteten „Laubenkolonien“, mit denen man unautorisierte Siedlungen im Stile der Slums von 1870 assoziierte. Was das im Einzelfall bedeutete, zeichnet Hobbs am Beispiel des Weddinger Areals um das Afrikanische Viertel und die Rehberge nach.

Die dort ansässigen Laubenkolonien mussten dem Volkspark Rehberge weichen, sollten aber über die bis heute existierende „Dauerkolonie Togo“ kompensiert werden, die von weiteren städtebaulichen Entwicklungen ausgenommen bleiben sollte. An die Stelle informeller Subsistenzwirtschaft traten von Regierungsexperten durchgeplante, vom RKGD verwaltete Parzellen, auf denen die Form und die Lage des Gartenhäuschens, die maximale Höhe des Zauns und die Breite der Wege festgelegt waren.

Angriff auf ein Stück Arbeiterkultur

Hohe Kosten bedeuteten zudem, dass sich nur eine wohlhabendere Klientel als noch zuvor hier einkaufen konnte. Das erklärt auch, warum sich, aus heutiger Sicht eine überraschende Allianz, besonders die kommunistische Presse auf die Seite der Schrebergärtner schlug. Sie wertete den von sozialdemokratischen Mehrheiten vorangetriebenen Wohnungsbau als bourgeoisen Angriff auf ein Stück Arbeiterkultur, das aus wirtschaftlichen Motiven zum Zentrum gutbürgerlicher Regeneration umgewandelt werde.

Es hat also geschichtliche Kontinuität, wenn ein Sprecher des Berliner Landesverbands der Gartenfreunde heute auf den Vorstoß der BBU mit den Worten reagiert, der Priesterweg in Schöneberg sei ein „Dauerkleingarten mit unbefristeter Bestandsgarantie“. Und es wirkt wie ein Witz der Geschichte, wenn Ulf Poschardt in der „Welt“ Berliner Schrebergärten als „Favelas der Mittelschicht“ bezeichnet, auf ihren Flächen einen Städtebau „wegweisender Urbanität“ mit öffentlichen Grünflächen fordert und Martin Wagner zitiert. In Neukölln gibt es übrigens einige Kolonien, deren Bestandsgarantie 2014 ausläuft. Historisches Vergleichsmaterial ist vorhanden.

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