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Uni-Abschlüsse Die große Notenblase

Immer mehr gute Abschlüsse mit immer weniger Aufwand: Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wissenschaftsrates zur Notengebung an den Universitäten. Was sagt uns das?

© AP Vergrößern In Japan hängen Studenten Holztäfelchen mit Gebeten auf, um für ein gutes Examen zu bitten. Hierzulande kommen die Noten ganz säkular.

Der Wissenschaftsrat hat zu Beginn dieser Woche eine Studie veröffentlicht, die zur Notengebung an deutschen Hochschulen feststellt: Die Prüfungsergebnisse werden im Durchschnitt immer besser, und die Notenverteilung weicht je nach Fach, Studienort und Abschluss stark voneinander ab.

Jürgen Kaube Folgen:

Außerhalb von Fächern wie Jura und Medizin schließen die allermeisten Studierenden mit „gut“ und „sehr gut“ ab; in Kunst und Kunstwissenschaften tun es beispielsweise 96 Prozent, in den Sozialwissenschaften 89 Prozent, über alle Fächer hinweg sind im Bachelorexamen 80 Prozent der Studenten derart glänzend.

Der Wissenschaftsrat spricht von einer schleichenden Noteninflation. Sie hat verschiedene Gründe. In manchen Fächern werden weniger gute Studenten schnell entmutigt oder „herausgeprüft“. Oder auch: Manche Fächer haben Standards und setzen sie auch durch. So mag man sich eventuell die 86 Prozent guter beziehungsweise sehr guter Absolventen in der Physik erklären, oder hohe Zahlen in der Chemie (75 Prozent) und Informatik (71 Prozent).

Bildungsbiographische Vorteile

Aber vermutlich nicht die 96 Prozent im selben Notenbereich in den Erziehungswissenschaften oder in Geschichte (90 Prozent). Die Psychologen wiederum werden ihre absurden 37 Prozent an Sehr-gut-Absolventen damit erklären, der strenge Numerus clausus sorge eben dafür, dass sie die besten Abiturienten bekommen.

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Eine ganz andere (Teil-)Erklärung bietet der Wissenschaftsrat an, wenn er auf die Bedeutung der Bachelornoten für den Übergang zum Masterstudium hinweist. Hochschulen unterlägen dem Anreiz, ihren eigenen Absolventen über gute Noten bildungsbiographische Vorteile zu verschaffen, heißt es.

Der Wissenschaftsrat hätte es allerdings auch so formulieren können: Die von uns vorbehaltlos bejahte Bologna-Reform hatte unter anderem das Ziel eines statistischen Qualitätsausweises der Lehre und den haben wir jetzt.

Übereinkunft zur Minderleistung

Je mehr Zertifikate verteilt werden, was politisch erwünscht ist, desto weniger informieren sie über die Inhaber, was unpraktisch ist. Unpraktisch nicht zuletzt deshalb, weil es den Eindruck an Studenten vermittelt, beim Studium handele es sich um einen Hindernisparcours, dessen Sinn einzig und allein im Erwerb eines Qualitätszertifikats besteht, da man sich mit einer soliden „Drei plus“ nirgendwo mehr sehen lassen kann. Die Befunde des Wissenschaftsrats vollziehen dabei einen weltweiten Trend nach.

Wie die Soziologen Richard Arum und Josipa Roksa zuletzt in einer Studie gezeigt haben, werden auch an nordamerikanischen Colleges immer mehr gute Abschlüsse mit immer weniger Aufwand erworben. Eine Bedingung dafür, die der Wissenschaftsrat nicht erwähnt, nennen die Soziologen den „disengagement compact“, also die Minderleistungsübereinkunft, die Studenten, die nur die Note interessiert, mit Professoren schließen, die nur die Forschung interessiert. Inhalt: Macht ihr uns keine Schwierigkeiten, dann sehen wir darüber hinweg, dass ihr euch für uns nicht interessiert und lieber publiziert oder Anträge schreibt.

Die Appelle des Wissenschaftsrats sind darum so lange wohlfeil, so lange es keine Anreize gibt, ihnen zu folgen.

Quelle: F.A.Z.

 
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