http://www.faz.net/-gqz-6nd1p

Überleben im Radsport : Wehe, du lutschst weiter an meinem Hinterrad!

Wird meine Führungsarbeit jemals vergolten? Andy Schleck vertraut darauf, dass auch Ivan Basso sich an den Komment hält Bild: AFP

Mindestens so kompliziert wie Politik: Konkurrenz, Tauschgeschäft und Geheimhaltung verlangen Radsportler, die mehr sind als willenlose Tretmaschinen.

          Kapitän, Edelhelfer, Wasserträger: Radsport ist eine Mischung aus Individual- und Mannschaftssport. Das macht ihn kompliziert, aber nicht unerklärbar. Diesen Eindruck nimmt man jedoch häufig von stundenlangen Live-Übertragungen mit, in deren Verlauf genügend Zeit für einen Grundkurs wäre. Denn bei einer dreiwöchigen Landesrundfahrt wie der Tour de France finden im Grunde immer mehrere Rennen gleichzeitig statt: Die besten Teams kämpfen um das Gelbe Trikot und um den Gesamtsieg, andere wollen den besten Sprinter, den besten Berg- oder Zeitfahrer stellen. Schwächere Teams bemühen sich vor allen in der ersten Woche, sich bei Ausreißversuchen zu zeigen, um ihren Sponsoren Fernsehminuten zu verschaffen und so den Fortbestand des Teams zu sichern.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Diese Ausdifferenzierung hat seit Bestehen der Tour stetig zugenommen, die international besetzten Profiteams gab es in den ersten Jahren nicht. Hier dominierten die Einzelkämpfer, wie man jetzt in einer Reportage der Sonderklasse nachlesen kann: „Die Strafgefangenen der Landstraße“ (Covadonga Verlag, Bielefeld, 2011). Es handelt sich um den Nachdruck einer Artikelserie, die der in Frankreich sehr bekannte und von Tucholsky geschätzte Reporter Albert Londres über die achtzehnte Ausgabe der Großen Schleife 1924 geschrieben hat. Damals wurde das Land im Gegenuhrzeigersinn in nur fünfzehn Etappen auf 5425 Kilometern umrundet - für heutige Verhältnisse unvorstellbare Torturen mit Etappen, die in den frühen Morgenstunden begannen und am späten Abend nach knapp fünfhundert staubigen Landstraßenkilometern endeten.

          „Wir fahren mit Dynamit“

          Albert Londres favorisiert, dem Geist der Epoche verhaftet, die Schlacht Mann gegen Mann. Für Wehleidigkeiten hat er, der sich im Renault kutschieren lässt, keine Empathie. Dabei war Albert Londres das Reporterglück hold. Er konnte die erste öffentlich Doping-Beichte abnehmen. Die Brüder Henri und Francis Pélissier zeigten ihm im Bahnhofscafé von Coutances ihre Verpflegungsbeutel: „Das ist Kokain für die Augen, und dies hier ist Chloroform für das Zahnfleisch.“ Außerdem hat jeder noch drei Schachteln mit Pillen dabei. „Wir fahren mit Dynamit.“ Die Pélissiers waren in Geberlaune. Sie hatten soeben die Tour verlassen, weil sie sich vom Organisator Desgrange und seinem menschenverachtenden Reglement schikaniert fühlten. Henri Pélissier hatte die Tour im Vorjahr gewonnen, war also nicht irgendwer. Bis zur ersten offiziellen Doping-Kontrolle sollten indes noch zweiundvierzig Jahre vergehen.

          Starreporter seiner Zeit: Albert Londres (1884 bis 1932). Er schrieb 1924 eine Artikelserie über die 18. Tour de France
          Starreporter seiner Zeit: Albert Londres (1884 bis 1932). Er schrieb 1924 eine Artikelserie über die 18. Tour de France : Bild: AFP

          Roland Barthes hat 1957 in den „Mythen des Alltags“ (vollständige Ausgabe Suhrkamp Verlag, 2010) über „Die Tour de France als Epos“ nachgedacht und die Rundfahrt als einen „totalen, also zwiespältigen Mythos“ gedeutet, bei welchem „die ökonomischen Motive, der letzte Nutzung der ganzen Prüfung, der Generator ideologischer Alibis“ außer Kraft gesetzt würden. Barthes unterschied vier Arten der Bewegung, das Führen, Verfolgen, Ausbrechen und Zurückfallen. Führen lohne sich nicht, sei ein Heroismus, der durch kollektive Taktiken entwertet werde. Verfolgen vergleicht er mit „Strebertum“, das sich in seiner Ausformung des „Hinterradsaugers“ dem Reich des Bösen annähere. Ausbrechen sei wirkungslose Poesie, eine Art nutzloser Ehre. Schließlich das Zurückfallen, die Vorform der Kapitulation. Sie könne in eine „hiroshimaartige“ Katastrophe münden, zumal an einem Schicksalsberg wie dem Mont Ventoux.

          Weitere Themen

          Physik-Nobelpreis geht an Gravitationswellen-Forscher Video-Seite öffnen

          Stockholm : Physik-Nobelpreis geht an Gravitationswellen-Forscher

          Die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften hat in Stockholm mitgeteilt, dass sich in diesem Jahr drei amerikanische Forscher über den Physik-Nobelpreis freuen dürfen. Ausgewählt wurden sie für den Nachweis von Gravitationswellen im All, deren Existenz Albert Einstein bereits vor rund einhundert Jahren vermutet hatte.

          Topmeldungen

          Zentrale des Autobauers BMW in München

          EU-Kommission prüft : Kartellwächter zu Besuch bei BMW

          Mitarbeiter der EU sichteten und kopierten Unterlagen in der BMW-Zentrale in München und sie befragten Angestellte des Konzerns. Darum geht es.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.