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Überleben im Radsport Wehe, du lutschst weiter an meinem Hinterrad!

17.09.2011 ·  Mindestens so kompliziert wie Politik: Konkurrenz, Tauschgeschäft und Geheimhaltung verlangen Radsportler, die mehr sind als willenlose Tretmaschinen.

Von Hannes Hintermeier
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Kapitän, Edelhelfer, Wasserträger: Radsport ist eine Mischung aus Individual- und Mannschaftssport. Das macht ihn kompliziert, aber nicht unerklärbar. Diesen Eindruck nimmt man jedoch häufig von stundenlangen Live-Übertragungen mit, in deren Verlauf genügend Zeit für einen Grundkurs wäre. Denn bei einer dreiwöchigen Landesrundfahrt wie der Tour de France finden im Grunde immer mehrere Rennen gleichzeitig statt: Die besten Teams kämpfen um das Gelbe Trikot und um den Gesamtsieg, andere wollen den besten Sprinter, den besten Berg- oder Zeitfahrer stellen. Schwächere Teams bemühen sich vor allen in der ersten Woche, sich bei Ausreißversuchen zu zeigen, um ihren Sponsoren Fernsehminuten zu verschaffen und so den Fortbestand des Teams zu sichern.

Diese Ausdifferenzierung hat seit Bestehen der Tour stetig zugenommen, die international besetzten Profiteams gab es in den ersten Jahren nicht. Hier dominierten die Einzelkämpfer, wie man jetzt in einer Reportage der Sonderklasse nachlesen kann: „Die Strafgefangenen der Landstraße“ (Covadonga Verlag, Bielefeld, 2011). Es handelt sich um den Nachdruck einer Artikelserie, die der in Frankreich sehr bekannte und von Tucholsky geschätzte Reporter Albert Londres über die achtzehnte Ausgabe der Großen Schleife 1924 geschrieben hat. Damals wurde das Land im Gegenuhrzeigersinn in nur fünfzehn Etappen auf 5425 Kilometern umrundet - für heutige Verhältnisse unvorstellbare Torturen mit Etappen, die in den frühen Morgenstunden begannen und am späten Abend nach knapp fünfhundert staubigen Landstraßenkilometern endeten.

„Wir fahren mit Dynamit“

Albert Londres favorisiert, dem Geist der Epoche verhaftet, die Schlacht Mann gegen Mann. Für Wehleidigkeiten hat er, der sich im Renault kutschieren lässt, keine Empathie. Dabei war Albert Londres das Reporterglück hold. Er konnte die erste öffentlich Doping-Beichte abnehmen. Die Brüder Henri und Francis Pélissier zeigten ihm im Bahnhofscafé von Coutances ihre Verpflegungsbeutel: „Das ist Kokain für die Augen, und dies hier ist Chloroform für das Zahnfleisch.“ Außerdem hat jeder noch drei Schachteln mit Pillen dabei. „Wir fahren mit Dynamit.“ Die Pélissiers waren in Geberlaune. Sie hatten soeben die Tour verlassen, weil sie sich vom Organisator Desgrange und seinem menschenverachtenden Reglement schikaniert fühlten. Henri Pélissier hatte die Tour im Vorjahr gewonnen, war also nicht irgendwer. Bis zur ersten offiziellen Doping-Kontrolle sollten indes noch zweiundvierzig Jahre vergehen.

Roland Barthes hat 1957 in den „Mythen des Alltags“ (vollständige Ausgabe Suhrkamp Verlag, 2010) über „Die Tour de France als Epos“ nachgedacht und die Rundfahrt als einen „totalen, also zwiespältigen Mythos“ gedeutet, bei welchem „die ökonomischen Motive, der letzte Nutzung der ganzen Prüfung, der Generator ideologischer Alibis“ außer Kraft gesetzt würden. Barthes unterschied vier Arten der Bewegung, das Führen, Verfolgen, Ausbrechen und Zurückfallen. Führen lohne sich nicht, sei ein Heroismus, der durch kollektive Taktiken entwertet werde. Verfolgen vergleicht er mit „Strebertum“, das sich in seiner Ausformung des „Hinterradsaugers“ dem Reich des Bösen annähere. Ausbrechen sei wirkungslose Poesie, eine Art nutzloser Ehre. Schließlich das Zurückfallen, die Vorform der Kapitulation. Sie könne in eine „hiroshimaartige“ Katastrophe münden, zumal an einem Schicksalsberg wie dem Mont Ventoux.

Jahresbudget von geschätzten zwanzig Millionen Euro

Barthes' Zutrauen in die Entgrenzung der Ökonomie mutet heute optimistisch an. Vor wenigen Tagen wurde die Gründung eines neuen Teams bekanntgegeben, das unter dem Namen RadioShack-Nissan-Trek die weltbesten Fahrer versammeln wird. Mit einem Jahresbudget von geschätzten zwanzig Millionen Euro hat man die bislang üblichen Summen nahezu verdoppelt. Das Ziel, die Tour und alle anderen wichtigen Rundfahrten, Eintagesrennen und Weltmeisterschaften zu dominieren, erscheint nicht unrealistisch. In einem solchen Team ist die Organisation entsprechend hierarchisch straff. Eine Schlüsselrolle jenseits des Ökonomischen kommt dabei dem sportlichen Leiter zu, dessen Aufgabe im Nachdenken besteht. Eine Fähigkeit, die auch Barthes schon den wenigsten Fahrern zutraute.

Dem Spannungsfeld Radsport hat sich Adrian Itschert in einem Aufsatz mit dem etappenlangen Titel „Konkurrenz, Tausch, Kooperation, Über- und Unterordnung, Geheimhaltung und Streit im Radsport“ (Simmel Studies, Jg. 19, Heft 1, 2009) gewidmet. Er nimmt eine gar nicht untypische Tour-Etappe des Jahres 2004 zum Anlass, über die Logik des sozialen Austauschs zu reflektieren.

Die Renndynamik hängt am Bordfunk

Damals hatten auf der neunten Etappe Filippo Simeoni und Inigo Landaluze zehn Minuten Vorsprung vor dem Hauptfeld, keiner von beiden konnte sich aber bis kurz vor dem Ziel zu einem Angriff durchringen. Beide wurden eingeholt und überrollt, der Sieger im Massensprint hießt Robbie McEwen. Eine entscheidende Rolle bei dieser Nichtentscheidung spielt der Bordfunk, der beide Fahrer über den schmelzenden Vorsprung informierte. So kontrolliert die Organisation die Renndynamik. Der fünffache Toursieger Bernard Hinault ist nicht der Einzige, der die Abschaffung des Bordfunks fordert - er degradiere die Fahrer zu „willenlosen Tretmaschinen“.

Dagegen setzt Adrian Itschert die These, der Radsport setze „sehr flexible, sehr entschlossene Persönlichkeiten“ voraus, weil weder Konkurrenzorientierung noch Kadavergehorsam erfolgversprechend seien. Bei Ausreißversuchen muss etwa Vertrauen investiert werden, das möglicherweise nicht rückerstattet wird. Nur wer diverse soziale Formen im Wechselspiel sich ständig verändernder Rennsituationen meistere, habe die Aussicht, erfolgreich in Paris anzukommen.

Wenn ein steter Verdacht mitfährt

Denn es gibt einen Feind, den alle Fahrer gemeinsam bekämpfen - den Luftwiderstand. Er erzwingt eine Tauschform, die unbefriedigende Ergebnisse hervorbringt, wenn Führungsarbeit nicht vergolten wird. „Wiederholtes Reifenlutschen“ wie die Technik des Windschattenfahres genannt wird, kommt im Peloton nicht gut an.

Trotz Tourfunk, Bordfunk und Fernsehübertragung hat die Geheimhaltung im Radsport wohl noch zugenommen, was insbesondere für die Doping-Problematik gilt. Itschert macht deutlich, wie sehr diese die Kommunizierung der sportlichen Höchstleistungen überlagere: Wenn ein steter Verdacht mitfährt, sinkt die Glaubwürdigkeit. Rollende Apotheken hatte schon Roland Barthes verurteilt: „Den Rennfahrer aufzuputschen ist ebenso verbrecherisch, ebenso ruchlos wie der Versuch, Gott nachzuahmen; Doping heißt, Gott das Privileg des Funkens zu stehlen.“

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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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