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Über Werkausgaben Sockelbauten für neue Altheiten

 ·  Immer ediert einer noch genauer: Viele Werkausgaben kommen nur im Schneckentempo voran - eine Verzögerung für die kluge Lektüre.

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© Caro / Teich Büchern werden nach wie vor die eindrucksvollen Tempel der Moderne gewidmet - wie hier das von Max Dudler errichtete Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin

Robert Gernhardt führt in seinem Gedicht „Immer“ bittere Klage darüber, dass immer einer besser ist als er selbst: „Du stehst in der Zeitung/Er steht im Lexikon/Du stehst im Lexikon/Er steht in den Annalen/Du stehst in den Annalen/Er steht auf dem Sockel.“ Gernhardt hätte auch formulieren können: Du schreibst Bücher, er schrieb Werke. Denn der größte Sockel, auf dem einer stehen kann, der schreibt, heißt Werkausgabe, historisch-kritische Werkausgabe zumal. Wer eine bekommt, hat Nachwelt. Wer keine bekommt, ist nur ein Nebenklassiker oder ein Favorit von vorgestern.

1976, 1984, 2030?

Auf den jährlichen Buchmessen durchbrechen daher die Werkausgaben und ihr oft schildkrötenhaftes Fortschreiten die Unterscheidung alter und neuer Bücher: als neue Altheiten. So verzeichnen wir gerade den sechsten von elf geplanten Bänden der Briefe Max Webers in einer Gesamtausgabe (im Tübinger Verlag Mohr Siebeck), die auf achtundvierzig Bände angelegt ist, von denen einunddreißig vorliegen, seit die ersten beiden Bände 1984 erschienen sind. Begonnen wurde das Unternehmen 1976, wenn es so weitergeht, ist es 2030 vielleicht abgeschlossen. Die Hegel-Ausgabe (bei Felix Meiner, Hamburg), die 1957 begonnen wurde, wird da eventuell schon fertig sein, zum Preis von 478 Euro ist da gerade der erste von drei Teilbänden mit naturphilosophischen Vorlesungen erschienen.

Sage und schreibe 102 Bände wird die ein Jahr zuvor begonnene Martin-Heidegger-Gesamtausgabe einmal umfassen. Gerade steht die Publikation von Band83, einem Seminar über Platon, Aristoteles und Augustin, bevor (im Klostermann Verlag, Frankfurt). Auf einzelne Leser umgerechnet, würde das Ganze bei einer Lesegeschwindigkeit von fünfzehn Seiten pro Stunde und drei Stunden Lektüre am Tag - mehr Philosophie wäre beim besten Willen nicht zu verarbeiten - zu mindestens anderthalb Jahren unabgesetzter, durch nichts anderes unterbrochener Heidegger-Lektüre führen. Dabei handelt es sich noch um eine „Ausgabe letzter Hand“. Also um eine Edition, die den Festlegungen des Autors folgt, nicht wissenschaftlichen Kriterien.

Der Eigenwert der Vollständigkeit

Wer das für viel Lesestoff und eine lange Publikationszeit hält, der sei auf die in Hannover entstehende Edition der Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz (im Berliner Akademie Verlag) hingewiesen. Zweihunderttausend Blatt in sieben Sprachen umfasst der Nachlass des Gelehrten, dessen Erfassung 1901 begann. Bis 1985 waren neunzehn Bände publiziert, seitdem weitere dreiunddreißig; zuletzt der allgemeine Briefwechsel vom Januar bis Dezember 1703. In der besten aller möglichen Welten wäre die Ausgabe schon abgeschlossen, in der tatsächlichen stehen zum Beispiel noch alle historischen und sprachwissenschaftlichen Schriften des Philosophen aus.

Solche Projekte, die oft - wie im Fall Webers, Hegels und Leibnizens - direkt staatlich finanziert sind oder indirekt durch die Professorenstellen von Herausgebern, werfen die Frage auf, um das Wievielfache die Zahl ihrer Leser eigentlich die Zahl der an der Edition Beteiligten überschreitet. Dass die Schriften von Leibniz zum Harzbergbau (Erste Reihe, Supplementband) kein allgemeines Publikum erreichen, versteht sich von selbst. Doch wie groß ist auch nur das wissenschaftliche dafür? Falsch gefragt, würden Editoren sagen: Vollständigkeit ist ein Eigenwert, der Sockel darf keine Lücken haben. Und außerdem zählen ja die Leser bis zum Ende aller Zeiten, nicht nur die aktuellen.

Umso schwieriger ist darum die Lage von Werkausgaben, die ins Stocken geraten sind, etwa diejenige der Schriften und Briefe Friedrich Schlegels (im Paderborner Verlag Schöningh). 1958 auf 22 Bände geplant, dann auf 35 Bände erweitert, ist sie seit dem Tod des Hauptherausgebers, Ernst Behler, im Jahr 1997 nicht mehr vom Fleck gekommen: sieben Bände fehlen noch. Doch wer soll sie machen? Die Spezialkenntnis, die für philologisch anspruchsvolle Ausgaben nötig ist, haben mitunter nur zwei, drei Personen weltweit. Wenn es hoch kommt.

Ständig neue Auslegungen der Klassiker

Die Germanistik zieht es seit langem vor, ihren Nachwuchs mit der Auslegung und Umsortierung immer wieder derselben Texte zu beschäftigen. Auf die Idee, jemanden für eine nützliche Teiledition zu promovieren, kommt niemand, lieber bescheinigt man der dreihundertsten „Doktor Faustus“-Lektüre oder Motivsammlungen von Körpergefühlen im Sturm und Drang, es handele sich um Wissenschaft. Und weil die Literaturwissenschaft so vorgeht, versprechen Editionen einerseits keine Karrieren. Andererseits haben die Editoren, sobald sie an einer Akademie angestellt sind, oft wenig Anreize, ihre Ausgaben vor der eigenen Verrentungsgrenze zu Ende zu bringen.

Dabei gibt es immer eine antiquarische Binnenkomplexität des Werkes, um das man sich kümmert, die dafür auch Sachargumente liefert. Anstatt also alle Briefe oder Vorlesungsmanuskripte eines Klassikers zunächst in einer „unkritischen“ Ausgabe herauszubringen und erst dann nach den Hausnummern der Briefempfänger und aller erwähnter Namen zu forschen, geht man oft den umgekehrten Weg. Publikumsfreundlicher war demgegenüber die Entscheidung bei der soeben (im Suhrkamp Verlag) nach nur neun Jahren mit sechzehn Teilbänden abgeschlossenen Ausgabe der Werke Siegfried Kracauers.

Als Erstes wurden hier die Bände aus dem Nachlass und die verstreuten Schriften publiziert, bevor man an Texte ging, von denen schon Einzelausgaben vorlagen. Die im selben Verlag erscheinende Gesamtausgabe Georg Simmels, von deren vierundzwanzig Bänden nur noch zwei fehlen, hat durch dieselbe Entscheidung, Zügigkeit vor Kommentierwut zu stellen, ihrem gegenüber Max Weber zunächst editorisch disprivilegierten Klassiker ebenfalls mehr gedient.

Erst verkaufen, dann wiederverkaufen

Eine weitere Frage ist, wer überhaupt entscheidet, welche Sockel errichtet werden. Die Antwort lautet vermutlich: die Zeit. Erst die Lehrer, dann die Schüler: Ernst Cassirer ja, Joachim Ritter noch nicht, Arnold Gehlen ja, Helmut Schelsky bestimmt bald. Oft ist es das Engagement einzelner Forscher, die Verleger überzeugen können, eine Ausgabe zu veranstalten: Alfred Weber, der in Heidelberg einst weltberühmte Bruder von Max, hat eine abgeschlossene Gesamtausgabe (in zehn Bänden im Marburger Metropolis Verlag), auch wenn es kein Fach gibt, in dem er Epoche gemacht hätte, Bruno Snell hingegen, ein Gigant der Alten Geschichte, der weit über sein Gebiet hinauswirkte, hat so wenig eine wie der Philosoph Rudolf Carnap, für den dasselbe gilt. Anhängerschaft macht also einen Unterschied.

An einer Gesamtausgabe der Schriften, Vorträge und Computerprogramme (!) des Germanisten Friedrich Kittler (soll im Wilhelm Fink Verlag erscheinen) wird jetzt schon ein Jahr nach seinem Ableben im Oktober 2011 gearbeitet. Die Romanisten Erich Auerbach und Leo Spitzer aber, zwei der größten Literaturwissenschaftler des zwanzigsten Jahrhunderts, warten bis heute darauf.

Ihr Kollege Walter Benjamin wiederum, dessen Verehrung alles in den Schatten stellt, hat nach Abschluss einer achtundzwanzig Jahre lang herausgegebenen ersten Werkausgabe in siebzehn Bänden im Jahr 1999 („Gesammelte Schriften“, Suhrkamp) eine zweite in einundzwanzig Bänden bekommen („Werke und Nachlass“, ab 2008 bei Suhrkamp). Mit den existierenden Einzelausgaben seiner Schriften gibt das einen schönen Beleg dafür, dass Verlage zwar gerne Bücher verkaufen, aber etwas noch viel lieber machen: Bücher wiederverkaufen. Was sich mit der Mentalität der Denkmalforscher gut verbindet, es immer noch genauer wissen zu wollen, auch wenn unklar bleibt, was mit all der Genauigkeit und Vollständigkeit eigentlich anzufangen ist. 

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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