20.09.2005 · Legitimität wurde in der römischen Republik durch familiale Kontinuität geschaffen
Nie wieder sollte sich hier, auf der anderen Seite des Mittelmeeres, ein Feind gegen Rom erheben. Karthago, in generationenlanger Konkurrenz zum Inbegriff von allem geworden, was römischer Macht und römischer Sitte entgegenstand, war besiegt, zerstört und umgepflügt. Die Geschichte hatte wieder einmal ein stimmiges Schlußwort gesprochen. Wie passend, daß der Oberkommandierende und Triumphator des Jahres 146 v. Chr. den Namen Publius Cornelius Scipio trug. Denn hatte nicht sein gleichnamiger Vorfahr damals, im Ersten Punischen Krieg ein halbes Jahrhundert zuvor, schon einmal gegen den semitischen Feind mit seinen kinderfressenden Göttern gesiegt - wenn er auch damals den "job" nicht hatte vollenden dürfen?
Die römische Kultur hat sich bekanntlich durch die ganz ungewöhnlich hohe Bedeutung ausgezeichnet, die den Vorfahren beigemessen wurde: jenen Vorfahren, die als Wachsbilder im Atrium zu den ständigen Mitbewohnern der Lebenden gehörten, die man bei öffentlichen Auftritten mitführte und denen kultischen Respekt zu erweisen das innere Wesen römischer Religiosität ausmachte, deren Sitten und Gebräuche, der Mos maiorum, unwidersprüchlicher Rekurspunkt jeder Debatte war (wie unbestimmt dessen konkreter Gehalt auch sein mochte). Alle Legitimität beruhte letzten Endes auf irgendeiner Form von Vaterschaft, von der in Begriffen der Patria potestas gefaßten zivilen Rechtsordnung bis zu den großen politischen Adoptionen der Prinzipatszeit. Eine neue Studie der von dieser fundamentalen Disposition bedingten Zwänge und Möglichkeiten hat jüngst der Bielefelder Althistoriker Uwe Walter vorgelegt (Uwe Walter, "Ein Ebenbild des Vaters. Familiale Wiederholungen in der historiographischen Traditionsbildung der römischen Republik", in: Hermes. Zeitschrift für klassische Philologie Jg. 132, Heft 4, Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 2004).
Tiberius und Gaius Gracchus, die reformerischen Brüder; der ältere und der jüngere Cato, die vielmehr die ewige Wiederholung zum Programm hatten; die beiden durch ein halbes Jahrtausend getrennten und durch denselben Namen verbundenen Tyrannenmörder Marcus Junius Brutus (Walter fragt zu Recht, ob Caesars Ziehsohn angesichts dieses Erbes als Politiker überhaupt eine andere Wahl hatte) - diese allbekannten Paare haben in der Geschichte der Republik zahlreiche minder prominente Entsprechungen. Da ist der Volkstribun Gnaeus Trebonius, der darum kämpfte, daß ein von einem seiner Vorfahren eingebrachtes Wahlverfahrensgesetz auch eingehalten würde. Das schuldete er nicht etwa der Legalität oder der Zweckmäßigkeit, sondern, so Livius in seiner Römischen Geschichte, "seinem Namen und seiner Familie".
Der Konsul Fabius Maximus Rullianus, der seinen kleinen Sohn in seinem Triumphzug mitgenommen hatte, stellte sich diesem dreißig Jahre später hochbetagt als Legat zur Verfügung, um nach dem Sieg nunmehr seinem Sohn in dessen eigenem Triumph folgen zu können. Als der alternde Publius Licinius Calvus am Ende einer erfolgreichen Laufbahn zum Konsulartribunen des Jahres 396 v. Chr. gewählt werden sollte, obgleich er nicht einmal kandidiert hatte, ergriff er mitten im Wahlakt das Wort und hielt eine Rede, in der er seinen Sohn vorwies, ihn "ein treues Abbild" seiner selbst nannte und erklärte: "Ich habe ihn in meinem Geist erzogen, und ich bitte euch, Mitbürger, das Amt, das ihr mir ohne mein Zutun übertragen habt, ihm anzuvertrauen, der sich darum bewirbt und dem auch noch meine Bitten für ihn zustatten kommen."
Diese letzten Fälle bieten natürlich, zumal angesichts des höchst irregulären Wahlablaufs, dem an europäischen Demokratienormen festhaltenden Beobachter willkommenen Anlaß zur historischen Verschränkung gegenwärtiger politischer Alteritätserfahrungen. Und Walters römische Beobachtungen liefern durchaus Grund zu der Annahme, daß derlei Parallelismen mehr sind als wohlfeiles Feuilleton: "Wegen der meist geringen Bedeutung programmatischer Festlegungen in Sachfragen spielte Vertrauen bei der Wahlentscheidung generell eine wesentliche Rolle. Man konnte sich aber darauf verlassen, daß der Amtsinhaber ,funktionieren' würde, wenn gewährleistet war, daß er das nötige Können und das nötige Ethos bereits zu Hause erworben hatte." Und mehr noch: "In einer Kultur, in der die Gesamtwahrnehmung stark vom eidetischen Element bestimmt war", stellte der Umstand, daß der Sohn dem Vater auch äußerlich ähnlich sah, eine wichtige Garantie dafür dar, daß er auch in anderer Weise fähig und willens sein würde, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen: "to finish the job".
Doch diese römische "Ähnlichkeits- und Kontinuitätsvermutung" hatte ihre dunklen Seiten. Walters Hauptanliegen ist es, die zahlreichen Fälle familialer Wiederholung in der Geschichtsschreibung, von einer älteren, naiv quellenkritischen Forschung oft "Doubletten" genannt und getilgt, als "generative Muster" anzusprechen - und den "engen Zusammenhang zwischen Überlieferung, Rollenkonformität und Entscheidungshandeln" eben nicht nur als faktizistisch dubioses literarisches Ornament, sondern als auch die Praxis regierend zu verstehen.
Zu den berühmt-berüchtigten Exempla altrömischer Strenge gehört Titus Manlius Torquatus, der als Befehlshaber seinen gleichnamigen Sohn hinrichten ließ, weil dieser sich befehlswidrig in einen übrigens bravourös bestandenen Zweikampf eingelassen hatte. Walter zeigt nun, daß diese Episode in eine fortgesetzte Tradition von Fällen ungewöhnlicher Vaterhärte bei den Manlii gehört, und weiter, daß bestimmten Familien anscheinend bestimmte Ablaufmuster zugeschrieben wurden, bis hin zu so düsteren Fällen wie dem dreimaligen kultischen Selbstopfer von Vater, Sohn und Enkel Decius Mus vor siegreicher Schlacht. Gerade weil das dritte Opfer faktisch mißlang - die Schlacht ging verloren, der Enkel Decius überlebte - und von den Geschichtsschreibern mit einiger Mühe hingebogen werden mußte, kann man nach Walter davon ausgehen, daß die Wahrnehmung familialer Kontinuität als unentrinnbare Verpflichtung auch das politische Handeln der Betroffenen bestimmte. Der Erwartungsdruck ihrer Welt, in der die "Sitten der Väter" das erste und letzte Gebot war, wurde allem Anschein nach so groß, daß der Befehlshaber das eigene Leben daransetzen mußte, ihm gerecht zu werden.
Das macht die römische Republik dann doch wieder zu einer sehr fernen Welt, erst recht für uns, die wir einen politischen Begriff wie "Enkel" ja geradezu umgekehrt von der programmatischen Haltung her begründen und alle Ansätze familialer Dynastiebildung äußerst mißtrauisch beobachten. Als Ahnen unserer eigenen Politeia taugen (und auch das hören wir ja immer wieder gern) dann noch eher, mit allem Parteienhader und aller Individuation . . . die alten Griechen. JAN RÜDIGER
Die alten und die neuen Roemer
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 01.10.2005, 02:41 Uhr