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Thesenanschlag : Schwang Luther 1517 tatsächlich den Hammer?

  • -Aktualisiert am

If I had a hammer: Ferdinand Pauwels 'Luthers schlägt die Thesen an' von 1871/72. Bild: Wartburg-Stiftung Eisenach

Martin Luthers Thesenanschlag von Wittenberg ist sicher der berühmteste, aber längst nicht der einzige: Eine Geschichte des Anschlagens von Zetteln an Kirchen.

          Staat und Kirche haben eine „Lutherdekade“ ausgerufen, die im Jubiläumsjahr 2017 kulminieren soll. Denn am 31. Oktober 2017 wird sich zum 500. Mal der Thesenanschlag Martin Luthers jähren. Aber hat der Anschlag der 95 Thesen am Hauptportal der Wittenberger Schlosskirche tatsächlich stattgefunden? Die Frage ist bis heute nicht definitiv beantwortet und steht im Mittelpunkt eines seit Jahrzehnten erbittert geführten Streits unter Reformationshistorikern. Nach neueren Schätzungen gibt es nahezu dreihundert Publikationen zu dieser Kontroverse. Es scheint inzwischen fast alles dazu gesagt. Scheint.

          Zunächst die Fakten. Luther selbst hat einen Thesenanschlag nie erwähnt. Die Befürworter der Faktizität des Thesenanschlags berufen sich daher vor allem auf ein Zeugnis von Luthers Mitstreiter Philipp Melanchthon sowie auf eine 2006 unter großem Medieninteresse wiederentdeckte Notiz von Luthers Sekretär Georg Rörer. In beiden Dokumenten ist von einem Thesenanschlag die Rede. Historiker, die diesen Quellen glauben, argumentieren, dass beide Berichte den Hergang unterschiedlich erzählen und zudem unabhängig voneinander entstanden sind; Rörers Bericht sogar noch zu Lebzeiten Luthers.

          Kritik wurde schon zuvor angeschlagen

          Historiker, die den Thesenanschlag für eine Legende halten, verweisen hingegen darauf, dass die beiden Berichte zwar von Weggefährten Luthers, aber nicht von Augenzeugen des Ereignisses stammen und zudem erst mehr als zwei Jahrzehnte danach niedergeschrieben wurden. Nach Ansicht der Skeptiker dienten sie von Anfang an der Mythenbildung und stehen zudem im Widerspruch zur Chronologie der weiteren Ereignisse im Herbst 1517.

          Sicher ist: Luther versandte seine Thesen am fraglichen Tag - dem 31. Oktober - an zwei Bischöfe und im Laufe des Herbstes dann an weitere Würdenträger und Theologen. Sinn und Zweck der Thesen war, eine theologische Diskussion über die Praxis des Ablasshandels anzustoßen. Ungeklärt ist, ob Luther die 95 Thesen als offizielle Aufforderung zu einer akademischen Disputation verstanden wissen wollte. Solche pflegte man damals in der Universitätsstadt Wittenberg in der Tat in Plakatform zu drucken. Sie waren, gemäß den Statuten der Theologischen Fakultät, an den Türen verschiedener Kirchen der Stadt anzubringen, und wenn man dem Rörer-Bericht Glauben schenkt, hat auch Luthers Thesenanschlag an mehreren Wittenberger Kirchentüren stattgefunden. Aus den Statuten geht allerdings ebenfalls hervor, dass das Anbringen nicht vom Disputanden selbst, sondern vom Pedell der Universität vorgenommen wurde. Auf ähnliche Weise verfuhr man damals in vielen Universitätsstädten Europas mit Disputationsankündigungen. Und auch andere akademische Ankündigungen wurden an Türen öffentlich gemacht. Drohte beispielsweise einem Student der Ausschluss aus der Universität, ließ man mancherorts die Vorladung zum Rektor an die Kirchentür anschlagen.

          Dies führt zu einem Punkt, der in der Debatte um Luthers Thesenanschlag nicht immer gebührend beachtet worden ist: Es war auch ohne die Absicht einer akademischen Disputation sehr wohl denkbar, eine Ankündigung oder kritische Flugschrift an die Tür einer oder mehrerer Kirchen zu heften. Aus dem Umland von Wittenberg wissen wir, dass Sympathisanten Luthers schon wenige Wochen nach dem mutmaßlichen Thesenanschlag Nachdrucke seiner Kritik am Ablasswesen an verschiedenen öffentlichen Orten anschlugen.

          Der Kirchenanschlag war Alltag

          In Antwerpen wiederum findet sich vier Jahre später, 1521, eine Verordnung, wonach das Anbringen von lutherfreundlichen Plakaten an Kirchentüren strikt verboten sei. Seit den frühen dreißiger Jahren liegen dann - vor allem aus Mitteldeutschland - auch Zeugnisse vor, in denen ausdrücklich von Thesenanschlägen an Kirchentüren durch Anhänger Luthers die Rede ist. Dies gilt für das westfälische Minden, wo im März 1530 der angriffslustige Prediger Nikolaus Krage nicht nur die neue Kirchenordnung verfasste, sondern auch 19 Thesen an sämtliche Kirchentüren der Stadt schlug. Mit diesen auf Deutsch verfassten Thesen, so berichtet er, habe er alle „Papisten“ der Stadt zu einer „öffentlichen Disputation“ - also keiner akademischen - binnen der nächsten vier Wochen aufgefordert.

          Luther war dabei weder Begründer noch Pionier des Phänomens, Schriften an Kirchentüren zu heften. Er war vielmehr Teil einer Kultur, in der solche Aktionen seit Jahrhunderten zum Alltag gehörten. Und dies weit über akademische Zirkel hinaus. Interessanterweise wurden dabei in bestimmten Fällen Türanschläge von den Kirchenoberen nicht nur toleriert, sondern auch ausdrücklich verlangt. Schon im hohen Mittelalter findet sich beispielsweise die Auffassung, wonach Vorladungen vor den Apostolischen Stuhl Rechtswirksamkeit erst dadurch erlangten, dass sie am Sitz der Kurie in Rom an Kirchentüren geschlagen wurden. In dieses Bild passt auch der Brauch, die Namen von Exkommunizierten schriftlich an den Türen der Kirche der betreffenden Gemeinde und umliegender Diözesen bekanntzugeben. Der früheste erhaltene Nachweis für eine solche kirchliche Vorschrift stammt aus Italien im neunten Jahrhundert.

          Auch pflegten in der Frühen Neuzeit katholische Priester, die ihre erste Messe zelebrierten, eine entsprechende Ankündigung an die Kirchentüren zu schlagen. Von solchen Bekanntmachungen erhofften sie sich nicht zuletzt finanzielle Zuwendungen aus Anlass des feierlichen Ereignisses. Manche Kleriker scheinen - wie wir aus italienischen Quellen wissen - sich regelrecht ein Zubrot verdient zu haben, indem sie in betrügerischer Absicht solche Ankündigungen in verschiedenen Städten stets von neuem anbrachten und damit gleich mehrfach die Zuwendungen der Gläubigen einstrichen. Hingegen war es legal, wenngleich fragwürdig, dass ein Renaissance-Papst wie Sixtus IV. an den Kirchentüren des Kirchenstaates Vorschriften anschlagen ließ, die nur darauf abzielten, Steuereinnahmen zu maximieren.

          Kirchen als Zentrum des öffentlichen Lebens

          Kirchentüren konnten auch zu Schauplätzen werden, an denen die Kirche ihren Machtanspruch und ihre Eigenständigkeit gegenüber der weltlichen Gewalt bekräftigte. So schlugen im Jahre 1491 in Konstanz der Bischof sowie Mitglieder seines Domkapitels unter den Augen der städtischen Öffentlichkeit ihre kaiserlich-päpstlichen Privilegien selbstbewusst an die Türen verschiedener Kirchen der Stadt. Dies führte bei Vertretern der städtischen Obrigkeit zu beträchtlicher Verärgerung, da der Bischof gleichzeitig der Stadt die Bestätigung ihrer Freiheiten verweigerte. Der Rat der Stadt schickte daher zweimal eine Delegation zum Domkapitel und ließ ausrichten, dass man sowohl in der Stadt Konstanz als auch an anderen Orten des Bistums künftig das demonstrative Anschlagen der Privilegien an die Kirchentüren nicht mehr dulden werde.

          Im Laufe des Mittelalters und der Frühen Neuzeit kam es umgekehrt auch vor, dass weltliche Obrigkeiten Kirchentüren gewissermaßen als Schwarze Bretter benutzten. So beispielsweise in Basel im Jahr 1466, als Bürgermeister und Rat der Stadt ihren Unmut über die Einführung neuer Zölle in einer Protestnote zum Ausdruck brachten. Der mit der Bekanntmachung beauftragte Notar beschrieb das Vorgehen anschaulich: Während der Frühmesse habe er am Münster „dise hierinn geschriben appellacion an die porten und thür . . . offennlich gehefftet“. Anschließend habe er das Schriftstück dort eine Zeit lang hängen lassen, damit es „von allen und yeglichen, so denn in oder uss dem selben munster giengen, mocht gesehen und gelesen werden.“ Zu guter Letzt habe er es wieder abgenommen und sodann eine Abschrift „dahin gehefftet und die lassen stan“.

          Zugespitzt lässt sich also sagen, dass Kirchentüren in der Vormoderne eine zentrale Rolle als Informationstafeln im öffentlichen Raum spielten. Heute widerspricht es sowohl dem sakralen wie ästhetischen Empfinden der meisten Gläubigen, wenn Plakate oder andere Schriften an den Türen ihrer Gotteshäuser flattern. Viele Menschen suchen ein Gotteshaus gerade auf, um nicht mit weltlichen Gedanken oder gar mit Trivialitäten des Alltags konfrontiert zu werden. In der Frühen Neuzeit hingegen waren die religiöse Sphäre und das Alltagsleben oft geradezu osmotisch miteinander verbunden. Das Gotteshaus war nicht nur ein Ort der Andacht, sondern auch der Sozialisierung und ein Treffpunkt für den Austausch von Nachrichten ebenso wie für Gespräche, die nicht nur um geistliche Themen kreisen mussten. Für manche Zeitgenossen waren Kirchen, wie wir aus Tagebüchern und Chroniken wissen, einfach nur ein Ort zum „spaciren“ (so der Kölner Ratsherr Hermann Weinsberg, ein Zeitgenosse Luthers).

          Leim und Siegelwachs?

          Wie genau die Wittenberger Schlosskirchentür zu Luthers Zeit aussah, darüber lässt sich nur noch spekulieren. Denn von der Originaltür ist nichts mehr geblieben. Am vermuteten historischen Schauplatz des Thesenanschlags ist heute eine im neunzehnten Jahrhundert vom preußischen König gestiftete massive Bronzetür zu sehen, auf welcher der Text der Thesen zu lesen ist. Nagelspuren wird man also mit Sicherheit nicht mehr finden.

          Aber steht überhaupt fest, dass bei Luther Hammer und Nägel zum Einsatz gekommen wären? Diese Frage wurde offenbar bisher noch nie gestellt. Keiner der erhaltenen Texte des sechzehnten Jahrhunderts, in denen Luthers Thesenanschlag erwähnt ist, spricht explizit den Gebrauch von Hammer und Nägeln an. Und in den zeitgenössischen Statuten der Wittenberger Universität werden zwar die Anschlagspflichten des Pedells erläutert, von einem hierbei zu gebrauchenden Hammer ist allerdings keine Rede.

          Ähnliche Fragen werfen die frühesten bildlichen Darstellungen des Thesenanschlags auf - ein Bildmotiv, das übrigens erst im siebzehnten Jahrhundert an Auftrieb gewann: Von Hammer und Nägeln ist hier nichts zu sehen. Stattdessen sieht man Luther vor einem Thesenplakat, das wie von Geisterhand an der Kirchentür zu hängen scheint. Erst im neunzehnten Jahrhundert wurde der Hammer zur gängigen Bildzutat, und diese Tendenz zur heroisierenden Darstellung eines hammerschwingenden Reformators fügte sich gut zur zunehmenden deutschnationalen Vereinnahmung des historischen Luthers. Im Ersten Weltkrieg schließlich dichtete ein deutschtümelnder Dichter die pathosreichen Zeilen: „Du stehst am Amboß, Lutherheld, / Umkeucht von Wutgebelfer. Und wir, Alldeutschland, dir gesellt, / Sind deine Schmiedehelfer.“

          Nun lässt sich einwenden, dass sich einige Einblattdrucke und Ankündigungszettel aus der Frühen Neuzeit erhalten haben, die offenkundig Nagelspuren aufweisen. Allerdings gibt es in zeitgenössischen Quellen auch Hinweise auf andere Methoden. Ein heute in Washington befindliches Stifterportrait des flämischen Malers Petrus Christus (um 1455) zeigt im Bildhintergrund ein Andachtsblatt, das mit Siegelwachs (einem Vorläufer des Siegellacks) an der Wand befestigt ist. Gewiss, hier handelt es sich um eine Interieurszene, aber die weiter oben erwähnte Antwerpener Quelle aus dem Jahre 1521 spricht vom „Anschlagen oder Anheften“ (slaen en plekken) an Kirchentüren, wobei unter „plekken“ das Anbringen mit Leim oder Wachs zu verstehen ist. Und der genannte Basler Notar spricht sogar nur von „heften“, nicht von „(an-)schlagen“. Aus einer anderen Aufzeichnung desselben Basler Notars ergibt sich noch deutlicher, was hier mit „heften“ gemeint war: Ausdrücklich erwähnt er, dass er eine ähnliche Protestnote an eine Tür „mit wachs offennlich gehefftet“ habe.

          Die Weiterungen für den Fall Luther liegen auf der Hand: Selbst wenn Luther seine 95 Thesen an der Kirchentür anbrachte - was, wie gezeigt, durchaus plausibel ist -, so ist es doch keineswegs klar, dass dies notwendigerweise mit dem Hammer in der Hand geschah, geschweige denn mit jenem heroischen Gestus, den bildliche und filmische Darstellungen aus viel späterer Zeit suggerieren. Falls Luther nicht ohnehin den Universitätspedell schickte, ist es durchaus denkbar, dass er am 31. Oktober 1517 nicht mit Hammer und Nägeln, sondern mit Leim oder Siegelwachs vor der Wittenberger Schlosskirche stand.

          Daniel Jütte lehrt Geschichte an der Harvard University.

          Quelle: F.A.Z.

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