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Thesenanschlag : Schwang Luther 1517 tatsächlich den Hammer?

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Leim und Siegelwachs?

Wie genau die Wittenberger Schlosskirchentür zu Luthers Zeit aussah, darüber lässt sich nur noch spekulieren. Denn von der Originaltür ist nichts mehr geblieben. Am vermuteten historischen Schauplatz des Thesenanschlags ist heute eine im neunzehnten Jahrhundert vom preußischen König gestiftete massive Bronzetür zu sehen, auf welcher der Text der Thesen zu lesen ist. Nagelspuren wird man also mit Sicherheit nicht mehr finden.

Aber steht überhaupt fest, dass bei Luther Hammer und Nägel zum Einsatz gekommen wären? Diese Frage wurde offenbar bisher noch nie gestellt. Keiner der erhaltenen Texte des sechzehnten Jahrhunderts, in denen Luthers Thesenanschlag erwähnt ist, spricht explizit den Gebrauch von Hammer und Nägeln an. Und in den zeitgenössischen Statuten der Wittenberger Universität werden zwar die Anschlagspflichten des Pedells erläutert, von einem hierbei zu gebrauchenden Hammer ist allerdings keine Rede.

Ähnliche Fragen werfen die frühesten bildlichen Darstellungen des Thesenanschlags auf - ein Bildmotiv, das übrigens erst im siebzehnten Jahrhundert an Auftrieb gewann: Von Hammer und Nägeln ist hier nichts zu sehen. Stattdessen sieht man Luther vor einem Thesenplakat, das wie von Geisterhand an der Kirchentür zu hängen scheint. Erst im neunzehnten Jahrhundert wurde der Hammer zur gängigen Bildzutat, und diese Tendenz zur heroisierenden Darstellung eines hammerschwingenden Reformators fügte sich gut zur zunehmenden deutschnationalen Vereinnahmung des historischen Luthers. Im Ersten Weltkrieg schließlich dichtete ein deutschtümelnder Dichter die pathosreichen Zeilen: „Du stehst am Amboß, Lutherheld, / Umkeucht von Wutgebelfer. Und wir, Alldeutschland, dir gesellt, / Sind deine Schmiedehelfer.“

Nun lässt sich einwenden, dass sich einige Einblattdrucke und Ankündigungszettel aus der Frühen Neuzeit erhalten haben, die offenkundig Nagelspuren aufweisen. Allerdings gibt es in zeitgenössischen Quellen auch Hinweise auf andere Methoden. Ein heute in Washington befindliches Stifterportrait des flämischen Malers Petrus Christus (um 1455) zeigt im Bildhintergrund ein Andachtsblatt, das mit Siegelwachs (einem Vorläufer des Siegellacks) an der Wand befestigt ist. Gewiss, hier handelt es sich um eine Interieurszene, aber die weiter oben erwähnte Antwerpener Quelle aus dem Jahre 1521 spricht vom „Anschlagen oder Anheften“ (slaen en plekken) an Kirchentüren, wobei unter „plekken“ das Anbringen mit Leim oder Wachs zu verstehen ist. Und der genannte Basler Notar spricht sogar nur von „heften“, nicht von „(an-)schlagen“. Aus einer anderen Aufzeichnung desselben Basler Notars ergibt sich noch deutlicher, was hier mit „heften“ gemeint war: Ausdrücklich erwähnt er, dass er eine ähnliche Protestnote an eine Tür „mit wachs offennlich gehefftet“ habe.

Die Weiterungen für den Fall Luther liegen auf der Hand: Selbst wenn Luther seine 95 Thesen an der Kirchentür anbrachte - was, wie gezeigt, durchaus plausibel ist -, so ist es doch keineswegs klar, dass dies notwendigerweise mit dem Hammer in der Hand geschah, geschweige denn mit jenem heroischen Gestus, den bildliche und filmische Darstellungen aus viel späterer Zeit suggerieren. Falls Luther nicht ohnehin den Universitätspedell schickte, ist es durchaus denkbar, dass er am 31. Oktober 1517 nicht mit Hammer und Nägeln, sondern mit Leim oder Siegelwachs vor der Wittenberger Schlosskirche stand.

Daniel Jütte lehrt Geschichte an der Harvard University.

Quelle: F.A.Z.

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