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Thesenanschlag : Schwang Luther 1517 tatsächlich den Hammer?

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Luther war dabei weder Begründer noch Pionier des Phänomens, Schriften an Kirchentüren zu heften. Er war vielmehr Teil einer Kultur, in der solche Aktionen seit Jahrhunderten zum Alltag gehörten. Und dies weit über akademische Zirkel hinaus. Interessanterweise wurden dabei in bestimmten Fällen Türanschläge von den Kirchenoberen nicht nur toleriert, sondern auch ausdrücklich verlangt. Schon im hohen Mittelalter findet sich beispielsweise die Auffassung, wonach Vorladungen vor den Apostolischen Stuhl Rechtswirksamkeit erst dadurch erlangten, dass sie am Sitz der Kurie in Rom an Kirchentüren geschlagen wurden. In dieses Bild passt auch der Brauch, die Namen von Exkommunizierten schriftlich an den Türen der Kirche der betreffenden Gemeinde und umliegender Diözesen bekanntzugeben. Der früheste erhaltene Nachweis für eine solche kirchliche Vorschrift stammt aus Italien im neunten Jahrhundert.

Auch pflegten in der Frühen Neuzeit katholische Priester, die ihre erste Messe zelebrierten, eine entsprechende Ankündigung an die Kirchentüren zu schlagen. Von solchen Bekanntmachungen erhofften sie sich nicht zuletzt finanzielle Zuwendungen aus Anlass des feierlichen Ereignisses. Manche Kleriker scheinen - wie wir aus italienischen Quellen wissen - sich regelrecht ein Zubrot verdient zu haben, indem sie in betrügerischer Absicht solche Ankündigungen in verschiedenen Städten stets von neuem anbrachten und damit gleich mehrfach die Zuwendungen der Gläubigen einstrichen. Hingegen war es legal, wenngleich fragwürdig, dass ein Renaissance-Papst wie Sixtus IV. an den Kirchentüren des Kirchenstaates Vorschriften anschlagen ließ, die nur darauf abzielten, Steuereinnahmen zu maximieren.

Kirchen als Zentrum des öffentlichen Lebens

Kirchentüren konnten auch zu Schauplätzen werden, an denen die Kirche ihren Machtanspruch und ihre Eigenständigkeit gegenüber der weltlichen Gewalt bekräftigte. So schlugen im Jahre 1491 in Konstanz der Bischof sowie Mitglieder seines Domkapitels unter den Augen der städtischen Öffentlichkeit ihre kaiserlich-päpstlichen Privilegien selbstbewusst an die Türen verschiedener Kirchen der Stadt. Dies führte bei Vertretern der städtischen Obrigkeit zu beträchtlicher Verärgerung, da der Bischof gleichzeitig der Stadt die Bestätigung ihrer Freiheiten verweigerte. Der Rat der Stadt schickte daher zweimal eine Delegation zum Domkapitel und ließ ausrichten, dass man sowohl in der Stadt Konstanz als auch an anderen Orten des Bistums künftig das demonstrative Anschlagen der Privilegien an die Kirchentüren nicht mehr dulden werde.

Im Laufe des Mittelalters und der Frühen Neuzeit kam es umgekehrt auch vor, dass weltliche Obrigkeiten Kirchentüren gewissermaßen als Schwarze Bretter benutzten. So beispielsweise in Basel im Jahr 1466, als Bürgermeister und Rat der Stadt ihren Unmut über die Einführung neuer Zölle in einer Protestnote zum Ausdruck brachten. Der mit der Bekanntmachung beauftragte Notar beschrieb das Vorgehen anschaulich: Während der Frühmesse habe er am Münster „dise hierinn geschriben appellacion an die porten und thür . . . offennlich gehefftet“. Anschließend habe er das Schriftstück dort eine Zeit lang hängen lassen, damit es „von allen und yeglichen, so denn in oder uss dem selben munster giengen, mocht gesehen und gelesen werden.“ Zu guter Letzt habe er es wieder abgenommen und sodann eine Abschrift „dahin gehefftet und die lassen stan“.

Zugespitzt lässt sich also sagen, dass Kirchentüren in der Vormoderne eine zentrale Rolle als Informationstafeln im öffentlichen Raum spielten. Heute widerspricht es sowohl dem sakralen wie ästhetischen Empfinden der meisten Gläubigen, wenn Plakate oder andere Schriften an den Türen ihrer Gotteshäuser flattern. Viele Menschen suchen ein Gotteshaus gerade auf, um nicht mit weltlichen Gedanken oder gar mit Trivialitäten des Alltags konfrontiert zu werden. In der Frühen Neuzeit hingegen waren die religiöse Sphäre und das Alltagsleben oft geradezu osmotisch miteinander verbunden. Das Gotteshaus war nicht nur ein Ort der Andacht, sondern auch der Sozialisierung und ein Treffpunkt für den Austausch von Nachrichten ebenso wie für Gespräche, die nicht nur um geistliche Themen kreisen mussten. Für manche Zeitgenossen waren Kirchen, wie wir aus Tagebüchern und Chroniken wissen, einfach nur ein Ort zum „spaciren“ (so der Kölner Ratsherr Hermann Weinsberg, ein Zeitgenosse Luthers).

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