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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Technik-Pionier Der Tüftler von Ulm

05.06.2011 ·  Vor zweihundert Jahren unternahm Albrecht Berblinger, der berühmteste Schneider der Luftfahrtgeschichte, seinen Flugversuch und wurde unglücklich darüber. Eine Ausstellung in Ulm erinnert an ihn.

Von Thomas Schuler
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Albrecht Ludwig Berblinger wurde am 24. Juni 1770 als siebtes Kind einer angesehenen Ulmer Bürgerfamilie geboren. Sein Vater war Verwalter im Zeughaus, der reichsstädtischen Waffenkammer, wodurch das Kind schon früh Berührungspunkte mit technisch anspruchsvollem Gerät hatte. Nachdem der Vater 1783 früh gestorben war, machte er auf Anweisung des Stiefvaters eine Schneiderlehre und absolvierte im Jahr 1791 die Meisterprüfung - vier Jahre früher als üblich.

Im mittlerweile bayerisch gewordenen Ulm legte der Schneidermeister einigen Erfindergeist an den Tag. Er entwarf zwei- und viersitzige Schlitten sowie Kinderwagen. Als 1807 ein Stadtsoldat durch einen Unfall ein Bein verlor, entwickelte er für diesen eine wohldurchdachte Beinprothese - bis dahin waren hölzerne Stelzen üblich - mit einem mechanischen Streckgelenk, dessen Funktionsprinzip bis heute als Grundlage für Beinprothesen gilt. Eine schriftliche Eingabe Berblingers bei der bayerischen Regierung in München, für die Erfindung im Königreich werben zu dürfen, wurde jedoch von Staatsminister Monteglas ohne nähere Begründung abgelehnt.

In roter Schärpe auf der Sprungschanze

Inspiriert durch den Uhrmacher Jacob Degen, der im Jahr 1808 in Wien einen erfolgreichen Flugversuch unternommen hatte, konzipierte und baute Berblinger einen eigenen Flugapparat. Als Ulm 1810 durch einen Gebietstausch von Napoleon an Württemberg gegeben wurde und der neue Landesvater, König Friedrich, am 30. Mai 1811 seinen Antrittsbesuch plante, wollte die Stadt dem hohen Gast etwas Besonderes bieten. Berblinger wurde überredet, seinen Flugversuch auf das besagte Datum vorzuverlegen. Ironie der Luftfahrtgeschichte: Vorsitzender des für den Königsbesuch verantwortlichen Festkomitees war kein Geringerer als Graf von Zeppelin, der Großvater des Konstrukteurs des berühmten Luftschiffes. Am großen Tag gab Berblinger an, ein Flügel seiner Maschine sei gebrochen, weshalb der Sprung nicht stattfinden könne.

Einen Tag später, man schrieb den 31. Mai des Kometenjahres 1811 und der König war bereits wieder abgereist, war es dann endlich so weit. Auf der Adlerbastei, einer nahezu dreizehn Meter steil aufsteigenden Befestigungsanlage über den Ufern der Donau, war ein sieben Meter hohes Holzgestell mit einer kurzen Sprungschanze errichtet worden. Hier stand Berblinger in einer roten Schärpe mit seinem Flugapparat unter den gespannten Augen von mehreren tausend Menschen, die sich zu beiden Seiten der Donau eingefunden hatten.

Eine Witzfigur, auf die man mit dem Finger zeigte

Vielleicht hat keiner die nun folgenden Augenblicke besser beschrieben als Max Eyth in seinem 95 Jahre später erschienenem Roman: „Jetzt war er bereit und sah hinaus in das freie, uferlose Luftmeer. Ein leiser Schauer, ein kleines Zaudern rieselte ihm durch Leib und Seele. Es war nicht Furcht vor dem Sturz, nur das Gefühl gespannter Erwartung, was die nächste Minute aus den Hoffnungen und Sorgen und der Arbeit eines ganzen Lebens machen würde (. . .). Er nahm einen Anlauf, soweit es die Plattform gestattete, und flog weit hinaus. Was in den nächsten fünf Sekunden geschah, lässt sich schwer in Minuten erzählen. Im ersten Augenblick fühlte er die Tragkraft der Flügel, aber gleich darauf auch das Sinken. Dann kam der Sturz - drei Sekunden - eine halbe Ewigkeit. Dann sah er sein ganzes Leben: Wie er an der Hand des Vaters den Vögeln nachgeblickt hatte, wie er in Blaubeuren unter dem brennenden Kirchdach gestanden, wie er in der Lehre davon geträumt hatte, im Flug allem Elend zu entrinnen. Im gleichen Augenblick schlugen die Wasser der Donau über ihm zusammen.“

Während die gnadenlose Menge in schallendes Gelächter und wüste Beschimpfungen ausbrach, fischten Ulmer Schiffer den unglücklichen Berblinger aus dem Fluss und setzten ihn ein Stück stromabwärts ans Ufer. Um dem empörten Mob zu entgehen, verschwand der Schneider in den folgenden Monaten spurlos aus Ulm. Fortan war er ein Gegenstand von Häme und Hohn, eine Witzfigur, auf die man mit dem Finger zeigte. Obwohl er 1812 noch einmal eine Stelle als Regimentsschneider fand, bekam er in Ulm nie wieder wirklich einen Fuß auf den Boden. Er ergab sich dem Alkohol und der Spielsucht. Seine Frau beklagte sich, dass er nicht mehr arbeite und Hausrat verkaufe, 1816 wurde aufgrund von Schulden sein Haus versteigert, 1825 klagte ihn eine Witwe wegen nicht bezahlter Miete aus der Wohnung. Am 29. Januar 1829 starb er schließlich „an Abzehrung“ und wurde in einem unbekannten Armengrab beigesetzt.

Geschichte eines zweihundert Jahre zu früh Geborenen

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann der Ruf Berblingers in der Öffentlichkeit eine Wandlung zu erfahren, die vor allem durch zwei Umstände ausgelöst wurde. Zum einen bewies der Ingenieur Otto Lilienthal ab 1891 mit einer selbstgebauten Flugmaschine, dass Gleitflüge durchaus erfolgreich durchführbar waren. Zum anderen erschien 1906 der zitierte zweibändige Roman des Ingenieurs Max Eyth, „Der Schneider von Ulm. Geschichte eines zweihundert Jahre zu früh Geborenen“.

Die mit anderem technischem Wissen versehene Nachwelt stellte die berechtigte Frage, wie es zu diesem tragischen Absturz hatte kommen können. Fest steht, dass Berblinger in jedem Fall seinen Flugapparat vorher mehrfach an den Hängen nördlich von Ulm getestet hatte und laut eines Augenzeugen dort „sanft von Gartenhaus zu Gartenhaus gegleitet war“.

Gruß dir Schneider voll Mut!

Obgleich schriftliche Quellen fehlen, dürfen diese erfolgreichen Versuche schon allein deshalb als gesichert angenommen werden, weil die Oberen der Stadt Ulm 1811 einem Schneider wohl kaum die Gelegenheit gegeben hätten, seinen Flugapparat in aller Öffentlichkeit vor den Augen des Königs zu präsentieren, ohne sich vorher von dessen Funktionstüchtigkeit überzeugt zu haben. Heute sind sich die Experten weitgehend darüber einig, das die fehlenden Aufwinde über dem Fluss dafür verantwortlich waren, dass Berblinger an diesem Ort nicht ins Gleiten kam.

Während Bertolt Brecht 1934 ein Gedicht über den tragischen Schneidermeister verfasste, wurde in Ulm an seiner ehemaligen Werkstatt am Münsterplatz folgende Inschrift angebracht: „Ikarus flog durch der Wolken Zug, den Vögeln gleich,/ Gruß dir Schneider voll Mut! Dich auch der Strudel verschlang.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden eine Schule, eine Straße und ein Brunnen nach Berblinger benannt. Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner räumt ein, dass eine ernsthafte Rehabilitierung mit all diesen Gesten nicht verbunden war und sich die Stadt mit dem geistigen Erbe ihres in die Lüfte strebenden Schneiders lange schwertat: „Es braucht einen langen Atem, um ihn zu rehabilitieren.“

Flugwettbewerbe im Namen Berblingers

Erst am 175. Jahrestag des gescheiterten Flugversuches 1986 wurde von offizieller städtischer Seite damit Ernst gemacht. Am historischen Originalschauplatz der Adlerbastei fand ein mit 50.000 DM dotierter Flugwettbewerb statt, der den Beweis erbringen sollte, dass es möglich war, an dieser Stelle über die Donau zu gleiten. Tatsächlich gelang es einem der zehn Teilnehmer, Holger Rochelt, mit seinem Berblinger nachempfundenen Flugapparat am südlichen Ufer der Donau zu landen. 1996 folgte ein weltweit ausgeschriebener Berblinger-Flugwettbewerb für Solarflugzeuge. Das Siegesflugzeug, die „Icaré II“, gilt bis heute als richtungweisend für Solarflugzeuge.

Zur zweihundertsten Wiederkehr des historischen Datums hat sich die Stadt Ulm erneut einiges einfallen lassen. Neben zwei aufwendigen Ausstellungen und einem Festwochenende wurde ein neuerlicher, mit 100.000 Euro dotierter Berblinger-Flugwettbewerb ausgerichtet. Ziel desselben war es, innovative, umwelt- und ressourcenschonende Flugantriebe zu fördern. Wie bereits 1996 sei der Leitgedanke der diesjährigen Veranstaltungen keine „bloße historische Rückschau“, sondern, so Gönner, „wir nehmen die historische Figur Albrecht Berblinger um nach vorne zu blicken“. Auf die Frage, ob es eine Lehre aus der historischen Begebenheit an der Ulmer Adlerbastei vor zweihundert Jahren gäbe, gerät Ulms Oberbürgermeister ins Philosophieren: „Nicht alles, was zunächst als spinnige Idee erscheint, sollte auf den ersten Blick hin gleich abgekanzelt werden. Hinter jeder noch so verrückten Idee steckt der Kern einer Innovation.“ Aus genau diesem Grund, so Gönner, sei Albrecht Berblinger ein Mensch, „der mehr als nur Respekt verdient, sondern Hochachtung!“.

Die Ausstellung „Abheben - die Vision vom Fliegen“ zeigt von Berblinger aus die gesamte Geschichte der Luftfahrt und ist im Ulmer Stadthaus täglich bis zum 13. November 2011 zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
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