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Soziologie der Unzufriedenheit : Rechte Leute von links

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Einige der Parolen der Pegida-Bewegung nehmen die Propaganda der DDR gegen die Adenauer-Regierung wieder auf. Bild: AFP

Die AfD hat ihr Potential noch längst nicht ausgeschöpft: Eine Tagung in Jena liefert bedenkliche Neuigkeiten über die Stimmungslage der arbeitenden Klasse in Deutschland.

          Die Nation zerfällt. Das deutsche Bürgertum kann nicht einmal mehr die Grenzen seines eigenen Vaterlandes schützen.“ Das beklagte kein Pegida-Redner, sondern das KPD-Zentralorgan „Rote Fahne“ am 1. April 1923. Eine Tagung des DFG-Kollegs Postwachstumsgesellschaften und der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung fragte jetzt in Jena nach der „Arbeiterbewegung von rechts“. Heimlicher Star der Tagung war nicht die Präsidentin der International Sociological Association, die am ersten Tag vom Women’s March gegen Trump erzählte, sondern eine studentische Hilfskraft am Soziologischen Institut der Universität Jena, die am letzten Konferenztag aus ihrer Masterarbeit vortrug.

          Sophie Bose hat Hauptamtliche, Jugendvertreterinnen und Betriebsräte einer Verwaltungsstelle der IG Metall in Sachsen befragt. Die Worte eines stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden, welche die Studentin dort zu hören bekam, hatte ihr Professor Klaus Dörre bereits zur Kongresseröffnung zitiert: „Flüchtlinge müssten, also meiner Meinung nach, die müssten raus. Die nur hierher kommen und die Hand aufhalten, sich benehmen wie das Letzte und denken, können sich alles erlauben, raus. Ich hätte kein Problem damit, jetzt mal Buchenwald wieder aufzumachen, einen Stacheldraht ringsrum, die dort rein, wir dort draußen. Dann kommt sich keiner in die Quere.“ Dörre hat das von seiner Studentin Protokollierte alarmiert und zur Ausrichtung der Tagung motiviert.

          Ramelow irritierte seine Genossen

          Von Jacques Doriot über Oswald Mosley bis Benito Mussolini gab es faschistische Führer mit linken Wurzeln. Im vergangenen Jahr wechselte der Bergmann, Sozialdemokrat und Gewerkschafter Guido Reil öffentlichkeitswirksam zur AfD. Thüringens linker Ministerpräsident Bodo Ramelow erzählte auf der Tagung in Jena davon, wie er 2006 als Bundeswahlleiter seiner Partei Genossen irritierte, als er untersuchen ließ, wer mit einer Stimme PDS, mit der anderen NPD gewählt hatte.

          Wasser marsch: Der belgische Rexisten-Führer Léon Degrelle setzte sich an der Ostfront als Mann der Arbeit in Szene.
          Wasser marsch: Der belgische Rexisten-Führer Léon Degrelle setzte sich an der Ostfront als Mann der Arbeit in Szene. : Bild: ullstein bild

          Dass sich das Arbeiterbewusstsein nach rechts verschoben hat, kam erst über den Umweg Frankreich, mit der Übersetzung von Didier Eribons „Retour à Reims“ hierzulande an. Da reüssierte die als „Professorenpartei“ belächelte AfD längst bei Regionalwahlen unter Arbeitern und Arbeitslosen als stärkste Partei. Dass mit Robert Farle ein früherer DKP-Funktionär für die AfD in den Landtag von Sachsen-Anhalt einzog, erregte kaum Aufsehen. Im Verlag der „Marxistischen Blätter“ hatte Farle 1969 gemeinsam mit Peter Schöttler, bevor dieser zum Historiker nationalistischer Traditionen in der deutschen Geschichtswissenschaft wurde, den Band „Chinas Weg. Marxismus oder Maoismus“ publiziert.

          Im drastischen Stil von Jörg Baberowski

          In Österreich votierten 86 Prozent der Arbeiter bei der Bundespräsidentenwahl für den Kandidaten der FPÖ. Jörg Flecker (Wien) untersucht den ostösterreichischen Arbeitsmarkt. Ungarn und Slowaken verdienen dort zwar nur halb so viel wie Einheimische, jedoch doppelt so viel wie zuhause. „No borders funktioniert nicht“, gab Andreas Nölke (Frankfurt) mit Worten zu bedenken, die auch Jörg Baberowski hätte verwenden können: „Wenn man den Sozialstaat verteidigen will, sind Grenzen etwas Progressives.“

          Gewerkschaften stecken in der Zwickmühle zwischen Resolutionen „gegen rechts“ und dem Organisationsinteresse, als Gegenmacht breit in Betrieben vertreten zu sein. Paragraph 80 des Betriebsverfassungsgesetzes („Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“) wird als Firewall eher in Großbetrieben angewandt, Klauseln zum Gewerkschaftsausschluss stehen nur auf dem Papier und könnten das zum rechten Weltbild gehörende Opfer-Selbstverständnis verfestigen.

          Eine paradoxe Demokratiebewegung?

          Für Peter Reif-Spierek von der Landeszentrale sind Gewerkschaften „die einzige zivilgesellschaftliche Organisation, die diese Gruppen überhaupt noch erreicht“. Bei der letzten Landtagswahl lag in den Villenvierteln der Landeshauptstadt Erfurt die Wahlbeteiligung bei 70, in den Arbeiterquartieren bei 25 Prozent. Er versteht die neuen Auftritte von rechts als „paradoxe Demokratiebewegung“, Wiedereintritt ins demokratische Procedere.

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