25.05.2004 · Als der erste Band der Bibelübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig erschien, tadelte Siegfried Kracauer die Sprache, deren gewollter Archaismus ihn an Richard Wagner erinnerte. Jenseits der Polemik liegt in diesem Hinweis ein Wahrheitskern.
Als der erste Band der Bibelübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig erschien, tadelte Siegfried Kracauer die Sprache, deren gewollter Archaismus ihn an Richard Wagner erinnerte. Jenseits der Polemik liegt in diesem Hinweis ein Wahrheitskern. "Am Sonntag sind die Meistersinger im Radio", schrieb Rosenzweig am 3. Juli 1925 an Buber, als die gemeinsame Arbeit an der Verdeutschung der Schrift gerade begonnen hatte: "Wenn Sie also nicht nur noch am Sonntag können, dann bitte lieber an einem andern Tag" (Christoph Nöthlings, "Gesamtkunstwerk und Weltendrama. Die Opernästhetik Richard Wagners als Vorbild für die Komposition des ,Stern der Erlösung'", in: Rosenzweig als Leser. Kontextuelle Kommentare zum "Stern der Erlösung", hrsg. von Martin Brasser. Max Niemeyer-Verlag, Tübingen 2004).
Nöthlings liest den "Stern der Erlösung", Rosenzweigs großes, während des Ersten Weltkriegs konzipiertes philosophisches Werk über das Judentum, gegen den Strich. Wo man bisher ein Programm der langfristigen christlich-jüdischen Koexistenz zu erkennen glaubte, das auf tragisch verspätete Weise die Gleichberechtigung der beiden Religionen behauptet habe, in dem Augenblick, als sie in der deutschen Wirklichkeit aufgekündigt wurde, sieht Nöthlings nun die kämpferischen, ja katastrophischen Bilder, die in der Rezeption kaum eine Rolle gespielt hatten. Wo man sich bisher am "Dialogiker" erbaute, findet er einen Denker der Verschärfung. Und während die vielen verdeckten und offenen Hinweise des "Sterns" auf Goethe, ja auf die gesamte deutsche Literatur bis zum Märchen vom Froschkönig dem Leser sofort ins Auge fallen, blieb der Wagner-Einfluß meist unterbelichtet.
Aber gibt es diesen Einfluß denn überhaupt? Wenn Nöthlings von den drei Teilen des "Sterns" spricht, deren äußere Gestalt den drei Aufzügen von Wagners Musikdramen entspreche, dann möchte man ein erstes Fragezeichen setzen - denn näher lag für Rosenzweig, der das "Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus" aufgefunden und ediert hatte, sicher die Orientierung an der philosophischen Systemarchitektur nach Kant, die, nach dem Vorbild der Kritik der reinen und der praktischen Vernunft und der Kritik der Urteilskraft, drei kanonische Teile annahm. Allerdings ist der Systemgedanke bei Rosenzweig - und hier trifft die Wagner-Analogie durchaus - so sehr durch innere, die Teile verbindende, gleichsam leitmotivische Assoziationen gesteigert wie in keinem philosophischen Entwurf vor ihm.
Gewichtiger ist das Argument, das eine ähnliche Bewertung der Wirkung des Kunstwerkes in Wagners Programmschriften und in der Ästhetik Rosenzweigs behauptet. Wie Wagner habe sich der Philosoph vom Kunstwerk eine große gesellschaftliche Wirkung versprochen, für die die Musikdramen das Modell waren: "Nicht Bayreuth bezeugt die Lebendigkeit Wagners und seines Werks", heißt es im "Stern der Erlösung" einmal, "sondern die Tatsache, daß die Namen Elsa und Eva Modenamen wurden und daß der Gedanke des Weibs als Erlöserin die Form der männlichen Erotik in Deutschland jahrzehntelang stark gefärbt hat."
Wichtig sind auch Nöthlings Hinweise auf die ungeheure Schärfe, mit der Rosenzweig in der Epoche des Krieges, in einer Gemengelage von Konversionen im Familienkreis und neu erwachter jüdischer Selbstbehauptung das Judentum weniger als "Konfession" denn als Volk, als "Blutsgemeinschaft" zur Geltung brachte. Im Herbst 1916 schrieb er an Eugen Rosenstock, der als Achtzehnjähriger zum Protestantismus übergetreten war: "Sie wissen so gut wie ich, daß wir" - die Juden - "die weltüberwindende Fiktion des christlichen Dogmas nicht mitmachen, gebildet formuliert: daß wir die Grundlage der gegenwärtigen Kultur verleugnen und ungebildet formuliert: daß wir Christus gekreuzigt haben und es, glauben Sie mir, jederzeit wieder tun würden, wir allein auf der weiten Welt."
Auch die Stellen im "Stern der Erlösung" über das "Gericht", das der "Heilige des Herrn" über seine Feinde vollzieht, indem er sie als "Feinde Gottes" erkennt, haben einen unheimlichen, der radikalisierten Epoche angehörigen Klang. Dennoch ist die These Nöthlings überzogen, Rosenzweig phantasiere sich in den Schlußabsätzen des "Stern" in ein Feuer-Strafgericht gegen die gesamte Christenheit hinein, ja dieses vernichtende Feuer sei, in der Parallele zum Weltbrand der "Götterdämmerung", die eigentliche Pointe des Buches. Diese Diagnose ist durch den Text nicht gedeckt. Die Stelle, die Nöthlings als Beleg anführt, lautet: "Der Weg ist zu Ende, wo die Heimat erreicht ist. Denn er ist zwar ewig, da sein Ende in der Ewigkeit ist, aber gleichwohl endlich, denn die Ewigkeit ist sein Ende. Wo alles brennt, da gibt es keine Strahlen mehr. Da ist alles Licht."
Nur mit enormer hermeneutischer Akrobatik gelingt es Nöthlings, indem er die "Strahlen" und den "Weg" in Rosenzweigs Buch als Metaphern der Christenheit und das "Feuer" als Bild des Judentums liest, den Schluß des Buches als vernichtendes "Strafgericht" der Juden über die Christenheit zu deuten. These und Text stehen hier in keinem redlichen Verhältnis zueinander. Sicher ist es ein Verdienst, neben dem Thema des christlichen Antijudaismus nun einmal die andere Seite, die nicht wegzudisputierende Fremdheit, ja Feindschaft des Judentums gegenüber dem Christlichen, ins Auge zu fassen. Auch die Tatsache, daß es Ideen vom "Rassenkampf" eben nicht nur in der völkischen Rechten, sondern auch im frühen Zionismus gab oder schon bei Moses Heß, sollte man nicht verleugnen. Aber man kann sich dem Eindruck nicht verschließen, daß Nöthlings die sinnvolle Frage nach dem Einfluß Wagners auf Rosenzweig am Ende in einer Weise zuspitzt, die jedes Maß verliert. Lorenz Jäger