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Was „Babylon Berlin“ lehrt : So kommt der Untergang der Weimarer Republik auf den Schirm

  • -Aktualisiert am

So oder so, der Bildschirm wird rot: Die verbotene Maidemonstration 1929 ging als „Blutmai“ in die Geschichte ein. Bild: Degeto

Die Fernsehserie „Babylon Berlin“ soll vor einer Wiederkehr Weimarer Verhältnisse warnen. Was damit gemeint sein könnte, ist eine Frage für das neue Studienfach „Public History“.

          Schon in einer der ersten Szenen von „Babylon Berlin“ merkt man, wie sehr sich die Macher bemüht haben, Anleihen in der Zeit zu finden, die sie behandeln. Eine Dampflokomotive, 1496 Kilometer von Berlin entfernt, ist zu sehen – mit einem solchen Zugfahrzeug beginnt auch Walter Ruttmanns „Berlin – Sinfonie der Großstadt“ von 1927.

          Die Serie, die derzeit bei Sky Deutschland zu sehen ist und Ende 2018 auch in der ARD gezeigt werden wird, spielt im Berlin des Jahres 1929. In den bislang gezeigten Folgen entsteht eine Stadt, die einlöst, was die umfangreiche Werbekampagne verspricht. Die Hauptstadt der Sünde, beworben mit Plakaten, die „24/7 Opium Hour“ verheißen – von einem Tanzlokal ins nächste. Die Hauptfigur, der Kölner Kommissar Gereon Rath, ist als Sonderermittler bei der Sitte auf der Suche nach den Drahtziehern einer vermeintlichen Erpressung Konrad Adenauers und lernt so die Berliner Unterwelt kennen. Aber ist es auch das historische Berlin von 1929? Gibt es überhaupt ein einziges historisches Berlin von 1929?

          In der Serie sieht man unterschiedliche Blickwinkel auf Berlin in diesem Jahr. Sie entsprechen den Perspektiven der Protagonisten. Vom Leben der Familie der Stenotypistin und Gelegenheitsprostituierten Charlotte Ritter in einer Mietskaserne bis zum Schloss des Industriellen Nyssen. Und hier werden auf historische Akkuratesse Bedachte die Stirn runzeln. Nyssens Schloss steht keineswegs im Berliner Umland: Es ist die Drachenburg bei Bonn. In den opulenten Landschaftsaufnahmen der Burg sieht man im Hintergrund gelegentlich den Petersberg, einen Erinnerungsort der Bundesrepublik.

          Nicht nur Serien arbeiten mit Fiktionen

          Das ist nun auch der leichteste Vorwurf, den man historischen Serien machen kann: Ihre Authentizität enthält immer Momente von Erfindung, Verschiebung und Collage. Wie authentisch das Material ist – diese Frage kann man an jede Beschäftigung mit der Vergangenheit stellen. Durch den Boom erzählerisch komplexer Serien, von denen viele in der Vergangenheit spielen, sind aber die Erwartungen auch an die historische Glaubwürdigkeit gestiegen. „Mad Men“ oder „Downton Abbey“ sind nur die bekanntesten Vertreter dieses Genres.

          Für die Geschichtswissenschaft interessant ist vor allem das Geschichtsbild, das solche Serien vermitteln. Im Sommersemester 2017 hielten die Kirchenhistorikerin Barbara Müller und der Mediävist Christoph Dartmann an der Hamburger Universität ein Hauptseminar zu „Game of Thrones“ ab. Verbindungen zwischen Themen der Serie und wissenschaftlichen Erkenntnissen sollten Vielfalt und Dynamik des Mittelalters illustrieren

          Im „Geschichtstalk im Super7000“ der Gerda Henkel Stiftung und der Pädagogischen Hochschule FHNW Basel war diese Serie ebenfalls Thema. Die Talkgäste ernteten auf Twitter prompt Kritik, weil sich die Runde nur mit der ersten Staffel beschäftigte, was für eine Einordnung der Serie unzureichend sei. Aber auch die Frage nach der Authentizität von fiktionalisierten Geschichtsdarstellungen begleitete die Runde und wird noch immer im begleitenden Blog unter gts7000.hypotheses.org diskutiert.

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