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Veröffentlicht: 21.03.2006, 15:05 Uhr

Stimmungen Klimasturz der Vernunft

Zynische und lustvolle Selbstverkleinerung als hohe Kunst betrachtet: Goethe hatte Diderots Dialog übersetzt, Hegel sah in „Rameaus Neffe“ die Doppelgestalt des modernen Bewußtseins. Er war zerrissen und vernüntig zugleich.

von Hans Ulrich Gumbrecht

Es gibt Städteansichten aus dem achtzehnten Jahrhundert und Stiche von Gebäuden, deren makellose Geometrie den abgebildeten Menschen ihre eigene Dimension zu verweigern scheint. Die Gestalten wirken verloren im hellen Raum vernünftiger Monumentalität, wie zufällig und überflüssig. Dingen hingegen gibt die Perspektive solcher Blätter stets den Platz, sich zu entfalten, nirgends wohl mit so fast heiterer Gelassenheit des Zeigens wie in den Tafelbänden der Enzyklopädie von d'Alembert und Diderot.

Als eine marginale Gestalt in jenem Raum der Dinge mag sich der Leser von Denis Diderots Dialog „Le Neveu de Rameau“ den „Ich“ genannten Gesprächspartner und Erzähler zunächst vorstellen, wenn er mit dem Verweis auf seine Gewohnheit, „bei gutem wie schlechtem Wetter gegen fünf Uhr nachmittags im Palais Royal spazierenzugehen“, auftritt. Während das Palais Royal heute ein stiller Platz hinter der Comedie Francaise im Zentrum von Paris ist, der die Zeit, seit Diderot mit einer ihm sonst fremden Verschwiegenheit am Manuskript des „Neveu“ arbeitete, fast unverändert überdauert hat, gaben sich dort vor der großen Revolution die von politischem und ökonomischem Ehrgeiz besessenen Künstler und Schriftsteller mit den schönsten Frauen von Paris ihr Stelldichein unter freiem Himmel, in den neuen Cafes und an den Tischen der damals aufblühenden Restaurants.

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Dieses Milieu fasziniert Diderots Ich-Erzähler, der freilich auch ein Intellektueller sein will - damals hieß das Wort: „philosophe“ - und deshalb zugleich die Distanz seiner Gedanken und Bewegungen zur Welt des Palais Royal betont: „Ich sitze allein auf einer Bank, lasse meinen Gedanken freien Lauf, und wenn es kalt oder regnerisch ist, dann gehe ich ins Cafe de la Regence, um den Schachspielern zuzuschauen.“ Eben im Cafe de la Regence trifft er Jean-Francois Rameau, den Neffen des berühmten Komponisten Jean-Philippe Rameau, ein den Parisern vertrautes „Original“, wie man damals Stadtstreicher der gehobenen Kategorie nannte, mit einem Temperament, so wechselhaft wie das Wetter. Man nannte Rameau einen „verwachsenen Riesen“, einen „Adler des Geistes mit der praktischen Veranlagung einer Schildkröte“, und stadtbekannt war sein hervorstehender Kiefer, der wie das Emblem einer auf alles Genießbare konzentrierten Weltanschauung aussah.

Sich selbst beschreibt Rameau scheinbar noch viel gnadenloser als seine Zeitgenossen, aber doch auch mit dem spürbaren Gefallen an der unüberbietbaren Provokation, als „Abschaum“ und „verwöhntes Mittelmaß“, er nennt sich „Speichellecker“, „Lügner“, „Dieb“, vor allem aber immer wieder „prinzipienlos“ und „bettelarm“. Alles werde er tun, um „guten Wein zu trinken, opulente Gerichte zu verschlingen, sich an hübschen Frauen zu räkeln und in weichen Betten zu schlafen“ - so Rameaus Lebensphilosophie, die ihn zu einem „wesentlichen Geist“ seiner Zeit erhebe. Mehr noch als seine Überzeugungen aber drängt das gewaltsame Tempo seiner Rede den Philosophen-Erzähler an den Rand des Gesprächs.

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