Home
http://www.faz.net/-gso-u8t7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Sternenkrieger in der Renaissance

Panikzeichnungen: Michelangelos Befestigungsentwürfe in kunstpsychologischer Deutung

Michelangelo geriet in schwere Bedrängnis, als 1527 in Florenz wieder ein Aufstand gegen die Medici ausbrach. Er fühlte sich der Stadt und der Republik Florenz verbunden, und war zugleich mit großen Aufträgen der Medici-Familie, der Biblioteca Laurenziana und der Medici-Kapelle in San Lorenzo, beschäftigt. Der Medici-Papst Klemens VII. drängte ihn, seine Verpflichtungen zu erfüllen und lockte mit zusätzlichen Honoraren. Als Michelangelo sich auf die Seite der Papstgegner schlug und in die Dienste der Republik trat, war auch dies nicht ohne Zusammenhang mit seinem Werk. Er galt als Experte für Fortifikationen und war als Miiltärarchitekt für den Papst tätig gewesen. So war es konsequent, wenn er am 6. April 1529 für die bedrängte Republik Florenz den Posten des Oberbefehlshabers sämtlicher Befestigungsanlagen der Stadt übernahm.

Ein Konvolut von zwanzig Zeichnungen Michelangelos mit Befestigungsentwürfen gibt dem Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp Gelegenheit, die fortifikatorischen Gedanken des Künstlers nach Spuren seiner psychologischen Konfliktlage zu durchmustern (Horst Bredekamp, "Im Zustand der Belagerung. Michelangelos Prinzip der Kompilation", in: Das Modell in der bildenden Kunst des Mittelalters. Festschrift Herbert Beck, Verlag Michael Imhof, Petersberg 2006). Ein Symptom für die Schwierigkeit der Lage, in der sich Michelangelo befand, war im Juli 1529 seine zeitweise Flucht nach Venedig, in der Bredekamp den "unlösbaren Zwiespalt" virulent sieht, "im Sinne seiner Heimatstadt richtig gehandelt, gegenüber den Medici aber einen persönlichen Verrrat begangen zu haben".

Dieser Zwiespalt konnte nicht gelöst sein, als Michelangelo sich schließlich mit dreitausend Mann an die Befestigung sämtlicher Tore der Stadt machte. Ob seine Zurüstungen in der letzten Auseinandersetzung standgehalten hätten, läßt sich nicht ausmachen, da die Stadt durch Seuchen, Hunger und Verrat fiel. Auch läßt sich nicht mehr feststellen, in welchem Ausmaß seine Zeichnungen von Befestigungswerken für die Verteidigung der Stadt umgesetzt wurden, da die damals errichteten Befestigungen beseitigt wurden.

Die Zeichnungen sprechen eine eigene Sprache. Daß sie phantastisch anmuten wie Entwürfen für Sternenkriege, hat einen handfesten Grund darin, daß die spektakuläre Erhöhung der Feuerkraft seit dem Fall Konstantinopels 1453 zum Umdenken zwang, von der flächigen Ummauerung zu einem System vorgeschobener und in sich vielfach gebrochener kristalliner Strukturen. Im Zeichen der neuen Artillerie war hier alles neu zu denken. Michelangelos Zeichnungen geben dem einen fast hysterischen Ausdruck. Bredekamp spricht von einem "vitalistischen Expressionismus" , einem "Gestus wie von einem andern Stern", von "zuckenden" Außenmauern oder auch von einer "Panikzeichnung, die im Ausnahmezustand eines unlösbaren Loyalitätskonfliktes und einer unterschwellig existenten Todesangst" geschaffen zu sein scheine.

Die Chance dafür, daß psychologische Motive sich so intensiv mit technischen Erwägungen mischen konnten, lag freilich nicht nur in Michelangelos Konflikt begründet. Die neue Fortifikationstechnik forderte von ihr selbst her die Einbeziehung psychologischer Wirkungen auf den Feind. In der dynamisierten Form der Befestigungen, die zum Feind hin ausgriffen und ihn in die Verteidigungsanlagen hineinlockten, nahm die Freund-Feind-Konstellation sichtbare Gestalt an. Die Feinde standen einander nicht mehr nur gegenüber, sondern wurden von vornherein als ineinander verkeilt vorgestellt. Die spitz ausgreifenden und eng umklammernden Mauern waren eine dramatische Antizipation des Belagerungszustands. Dessen Psychologie kam der persönlichen Spannung Michelangelos entgegen. Er nahm in seinen Zeichnungen das Extrem des Ineinanders von Angriff und Verteidigung, das die neue Befestigungsarchitektur in ständigem Hin und Her imaginierte, vorweg.

Die Aufnahmefähigkeit der Befestigungsentwürfe für Michelangelos persönliches Drama ist wohl kaum als Phantasma des Betrachters anzusehen: "Die Zeichnungen", erläutert Horst Bredekamp seinen gewagten Deutungsversuch, "leben von der Verschmelzung ihrer Funktion mit einer Formpsychologie, die von Michelangelos Bedrängnis geprägt erscheint. Der Loyalitätskonflikt, der in ihm geschwelt haben muß, sowie das Gefühl tödlicher Bedrohung werden zu jener Verfassung beigetragen haben, in der Michelangelo seine Skizzen zu Papier brachte." Durch diese persönliche Konstellation machen sie aber auch darauf aufmerksam, daß die Befestigungslehren und ihre bauliche Realisierung Gedanken über den Feind enthalten, die entschlüsselt werden wollen. Henning Ritter

Quelle:

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Außenpolitik Auch Seehofer für stärkere Rolle Deutschlands in der Welt

Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer spricht sich für ein stärkeres Engagement Deutschlands in den aktuellen Konflikten aus. Er hat damit aber nicht nur eine neue Außenpolitik im Blick. Mehr

18.10.2014, 11:50 Uhr | Politik
Symbol für Luxus und Gewalt

Das Gebäude des früheren Holiday-Inn-Hotels in Beirut steht seit fast 40 Jahren leer. Gerade mal zwei Jahre war die luxuriöseste Herberge der libanesischen Hauptstadt in Betrieb, als 1975 ein blutiger Bürgerkrieg ausbrach. Das Hotel wurde zum Symbol und Orientierungspunkt einer zwischen Christen und Muslimen geteilten Stadt. Mehr

07.05.2014, 16:02 Uhr | Politik
Bayerischer Ministerpräsident Seehofer ärgert potentielle Nachfolger

CSU-Chef Horst Seehofer hat sich für eine abermalige Kandidatur für den bayerischen Ministerpräsidentenposten ins Spiel gebracht, falls es keinen geeigneten Nachfolger gibt. Außerdem will er Steuersenkungen bis 2017. Mehr

26.10.2014, 13:48 Uhr | Politik
Comic-Con in San Diego

Elfen, Superhelden und Sternenkrieger treffen ihresgleichen im amerikanischen San Diego. Was in den 70ern mit einem kleinen Kreis an Fans begann, hat sich zur weltgrößten Comic-Messe entwickelt. Mehr

25.07.2014, 16:54 Uhr | Wirtschaft
Nachbarstädte Frankfurt und Offenbach wachsen zusammen

Frankfurts Planungsdezernent Cunitz und Offenbachs Oberbürgermeister Schneider loben überschwänglich die Kooperation ihrer Städte. Sie gilt angeblich auch für die Multifunktionshalle im Kaiserlei-Gebiet. Mehr Von Anton Jakob Weinberger, Offenbach

29.10.2014, 08:00 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.01.2007, 13:46 Uhr

Warhol mit Zeitungsbeilage

Von Patrick Bahners

Wie kann man Leser noch schockieren, die man an optische Sensationen gewöhnt hat? Mit der Mittwochsausgabe dieser Woche gelang der „New York Times“ das Kunststück: Die Zeitung wurde in eine Anzeige verpackt. Mehr 1