27.08.2009 · Ich geh Schule: In der Linguistik gibt es einen Exotismus der grammatischen Fehler. Die Erwartung, Regeln sollten eingehalten werden, wird als Diskriminierung von Unterschichten und Migranten betrachtet.
Von Wolfgang KrischkeIm Unterbau der deutschen Sprache knirscht es. Nicht nur im Umgangsdeutsch, sondern auch in formelleren Texten kommt die Grammatik immer stärker ins Rutschen. Da „bedarf es einem präzisen Regulierungsapparat“, man hat „Vertrauen für den Lehrer“, es gibt „Streit mit den Nachbar“, man „ratet ab“, Gebühren „werden erhebt“, und abends „gehn wir Disko“ - vertauschte Fälle, verbeugte Verben, falsche Präpositionen und andere Irrläufer scheinen ein Symptom für die langsame Erosion des gesamten Systems zu sein.
Journalistische Sprachkritiker geißeln eine zunehmende „Verlotterung“ der Sprache und erfreuen sich mit ihren Ratschlägen für richtiges Deutsch größter Beliebtheit. Die zünftige Sprachwissenschaft hält das zwar für Alarmismus und halbgebildete Schulmeisterei. Aber auch sie konstatiert, dass der permanent stattfindende Sprachwandel sein früheres Schneckentempo abgelegt und Fahrt aufgenommen hat. Viele der aktuellen Regelverstöße machen einen Trend sichtbar, der schon seit Jahrhunderten schleichend wirkt: die Verschleifung und Vereinfachung der indogermanischen Sprachen. Schritt für Schritt wechseln sie vom „synthetischen“ zum „analytischen“ Sprachtyp. Grammatische Bedeutungen werden zunehmend nicht mehr durch Endungen direkt im Wort ausgedrückt, sondern durch Umschreibungen und Hilfswörter. Aus dem „Haus meines Vaters“ wird das „Haus von meinem Vater“ und schließlich das „Haus von mein Vater“. Das Englische ist hier dem Deutschen weit voraus.
Warum verstärken sich solche Tendenzen gerade jetzt? Zum Bündel der Ursachen gehört der Einfluss des Englischen ebenso wie das „Schreibsprechen“ in den E-Mails und Chat-Foren mit seiner Durchmischung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Hinzu kommt eine allgemeine „Destandardisierung“. Während auf der einen Seite die Dialekte zunehmend einem regional gefärbten Umgangsdeutsch weichen, büßen andererseits die Normen der Hoch- und Bildungssprache zumindest in der mündlichen Kommunikation ihre Geltung ein. Wer auf ihnen beharrt, gilt leicht als verspannter Spießer. In einem gesellschaftlichen Klima obligatorischer Lockerheit, geprägt durch das Geschwätz der Talk- und Casting-Shows, kommt man umgangssprachlich einfach „besser rüber“.
Gehst Du Schule?
Doch die wichtigste Triebkraft des sprachlichen Umbruchs wird bislang häufig übersehen, meint der Leipziger Sprachwissenschaftler Uwe Hinrichs: Es sind die vielfältigen Sprachmischungen, die das Einwanderungsland Deutschland mittlerweile prägen („Sprachwandel oder Sprachverfall?“ in: Muttersprache 1/2009). Viele Einwanderer springen zwischen einem nur bruchstückhaft gelernten Deutsch und ihrer türkischen, arabischen oder russischen Muttersprache hin und her. Sie schleifen Endungen ab und vereinfachen Satzstrukturen. Entscheidend ist, dass die elementare Verständigung funktioniert, für Feinheiten bleibt wenig Raum. Diese Muster, so die Prognose, werden sich auch jenseits der Immi-grantenmilieus immer weiter ausbreiten.
Zwar beschäftigen sich Linguisten mittlerweile intensiv mit der „Kanak-Sprak“ („Ich geh Schule“, „Üsch hab müde“) und anderen ethnolektalen Mischformen. Aber für Hinrichs werden sie in ihrer Bedeutung für die gesamte deutsche Sprachgemeinschaft noch nicht erkannt. Danach steht nicht weniger als die radikale Simplifizierung des gesamten grammatischen Systems bevor. Hinrichs ruft die linguistischen Datensammler zur Eile. Der Prozess könnte schon in ein, zwei Generationen so weit fortgeschritten sein, dass sich seine Anfänge kaum noch rekonstruieren ließen. Als Slawist beobachtet er ähnliche Entwicklungen schon seit längerem im Russischen und in den Balkansprachen. Dass seine germanistischen Kollegen die Dynamik des Wandels und seine Ursachen bislang übersehen haben, zeuge von einem blinden Fleck, der auf einer „subtilen politischen Korrektheit“ beruhe.
Vieles in diesem Bereich ist noch Spekulation, aber die These, dass die intensiven Sprachkontakte nachhaltige Spuren im Deutschen hinterlassen werden, ist plausibel. Und man wird Hinrichs auch zustimmen, wenn er sagt, dass die Öffentlichkeit ein berechtigtes Interesse daran habe, über Art und Ursachen der immer sichtbarer werdenden Veränderungen aufgeklärt zu werden. Noch viel lieber allerdings wüsste die Öffentlichkeit wohl, welche Auswirkungen all die Verschleifungen, Umstellungen und Normlockerungen denn auf die Qualität der Hochsprache haben werden.
Hierauf bleibt Hinrichs die Antwort schuldig, denn wie die große Mehrheit seiner Kollegen bekennt er sich zu einer prinzipiellen Bewertungsabstinenz. Urteile über richtiges und falsches, besseres und schlechteres Deutsch sind als „unwissenschaftlich“ verpönt. Publizistische Sprachkritiker wie Bastian Sick, die eben das zu ihrem Kerngeschäft machen, gelten in der Linguistenzunft als populistische und ignorante Besserwisser, die nur die jahrhundertealten Tiraden über den Sprachverfall variieren.
Hab ich krassen Sprachtrend!
Im Detail trifft diese Kritik der Sprachkritik oft zu, aber der indignierte Ton der Linguisten klingt trotzdem hohl. Denn ihre Wertfreiheit entpuppt sich bei näherem Hinsehen als bloßer Schein. Viele Linguisten urteilen nämlich durchaus, nur mit vertauschten Maßstäben: Neue Sprachtrends werden grundsätzlich begrüßt, ihr schöpferisches Potential oder ihr ökonomischer Minimalismus wortreich gelobt. Diese hegelianische Apologetik - Wie gesprochen wird, ist gut, sonst würde nicht so gesprochen - setzt allerdings aus, sobald es um die Hochsprache geht. Ihrer bedienen sich zwar auch die Linguisten - oft in der geschraubtesten akademischen Form -, aber das hindert sie nicht, den Verteidigern der Hochsprache vorzuwerfen, sie konservierten nur überflüssig komplizierte Regeln, um die bildungsfernen Schichten zu diskriminieren. Waren es in den siebziger Jahren noch „die Arbeiter“, denen man solche Barrieren aus dem Weg räumen wollte, so erstreckt sich die Fürsorge jetzt auch auf „die Immigranten“. Es sei ihnen „nicht zuzumuten“, die Flexionsformen des Deutschen zu lernen, findet Uwe Hinrichs, als handle es sich um schikanöse Auflagen der Einwanderungsbehörden, die schleunigst zu kassieren sind.
In dieselbe Kerbe haut der Spracherwerbsforscher Raphael Berthele aus Fribourg: Auch für ihn sind solche hochsprachlichen Regeln überflüssiger „Luxus“ und Instrumente „symbolischer Gewalt“, mit der eine „Bildungselite“ die Ungebildeten und Zugewanderten unterjocht. Auf die Frage, was die Linguistik denn den Lehrern angesichts der neuen Unübersichtlichkeit raten könne, antwortet Berthele mit der Abgeklärtheit des Elfenbeinturmbewohners im Angesicht eines übermächtigen Hochsprachfeudalismus: „Überlegungen zur quasi totalen, aber vollkommen normalen Nutzlosigkeit sprachwissenschaftlicher Forschung für die Unterrichtspraxis“ (in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Heft 153, 2009).
Schwergewicht auf der Hochsprache
Andere Sprachforscher allerdings glauben durchaus an den Nutzen ihres Tuns für die Klassenzimmer. In ihrer Mehrheit empfehlen sie den Lehrern, die verschiedenen Kommunikationswelten im Unterricht zu thematisieren und den Schülern deutlich zu machen, welche sprachlichen Formen in welchen Situationen angemessen sind. Das klingt vernünftig, aber bei Lichte besehen sollte das Schwergewicht wohl doch auf der Hochsprache liegen. Denn wie man in der Disko flirtet, im Internet chattet oder SMS-Botschaften tippt, müssen die Jugendlichen nicht von ihren Lehrern beigebracht bekommen - eher verhält es sich umgekehrt. Die Schule sollte das vermitteln, was sich nicht von selbst versteht - die Hochsprache gehört dazu.
Und vielleicht gäbe es in einer Deutschstunde auch einmal Gelegenheit, zu erklären, woher das Hochdeutsche in seiner heutigen Form eigentlich kommt. Viele seiner Grundlagen wurden im Zeitalter der Aufklärung gelegt, von Schriftstellern und Sprachgelehrten. Ihnen war durchaus klar, dass der Sinn standardisierender Normen nicht darin besteht, den Sprachwandel aufzuhalten, wohl aber darin, ihn zu verlangsamen und sinnvoll zu kanalisieren. Sie wollten mit ihren Grammatiken und Wörterbüchern die dialektale und orthographische Zersplitterung der frühen Neuzeit überwinden, die die überregionale Kommunikation erschwerte. Und sie wollten das Deutsche zu einem differenzierten und kultivierten Medium ausbauen, in dem auch über anspruchsvolle Themen der Wissenschaft, Kunst und Philosophie gedacht, gesprochen und geschrieben werden konnte. Zuvor war das denjenigen vorbehalten geblieben, die Latein und Französisch konnten. Nun sollten auch die „Unstudierten, der größte und edelste Theil eines Volkes“, wie Johann Christoph Gottsched sie nannte, eingeschlossen werden.
Das Projekt der Hochsprache war also durchaus emanzipatorisch, allerdings auch „bürgerlich“, denn es setzte eine Bildungsanstrengung voraus. Sie möglichst vielen - ob Immigranten oder Deutschstämmigen - zu ermöglichen und abzuverlangen könnte wohl auch heutzutage noch als fortschrittliche Bildungspolitik gelten. Fortschrittlicher jedenfalls, als sich wie Raphael Berthele und viele seiner Kollegen mit eigener Arroganz zu konstatieren, dass man doch in vielen Berufen „mit einem restringierten Code bestens durchs Leben komme“.
Die "sprachliche Durchlässigkeit" von "Oben" nach "Unten" ist feststellbar,
Frank Seidel (WehrDich)
- 26.08.2009, 16:13 Uhr
@Frank Seidel (WehrDich) - Exakt und auf den Punkte gebracht! Danke!
Alfons Crocusé (ALCR)
- 26.08.2009, 17:46 Uhr
2006 sah das etwas ander aus
B. Trughasser (Truss)
- 27.08.2009, 10:26 Uhr
Differenzierte Sprache ist nötig
Hannes Mayer (hotzen)
- 27.08.2009, 11:16 Uhr
Isolation entsteht nach Außen, nach Innen entsteht ein Konflikt
Frank Seidel (WehrDich)
- 27.08.2009, 11:38 Uhr