04.03.2010 · Das klassische Arabisch ist die Sprache des Korans. Dem traditionellen Verständnis gilt es als transzendente, fast magische Sprache von zeitloser Autorität. Die Imamausbildung in einer pluralen Gesellschaft muss die Abstraktion von diesem dogmatischen Verständnis lehren.
Von Tilman NagelEin Studium der katholischen oder evangelischen Theologie ohne Grundkenntnisse des Griechischen und Hebräischen ist nur schwer vorstellbar. Die Bibel muss nicht von jedem Studenten im Urtext gelesen werden. Aber jegliche Exegese, auch wenn sie von den drängenden Fragen der Gegenwart ihren Ausgang nimmt, muss sich des ursprünglich in der Heiligen Schrift Gemeinten vergewissern, wenn sie sich nicht zu haltloser Spekulation verflüchtigen will. Die wissenschaftliche Diskussion selbst erfolgt jedoch in den zeitgenössischen Nationalsprachen. Ganz anders liegen die Verhältnisse im Islam, wo sich die Dominanz des Arabischen, der Sprache des Korans, mit einer den Europäer erstaunenden Beständigkeit erhalten hat. Sie wird in den letzten Jahrzehnten allenfalls durch das Englische angefochten, doch wird es nicht das Arabische beerben können. Warum ist das so?
Der uneinholbare Vorrang des Arabischen beruht spätestens seit dem 11. Jahrhundert auf der Vorstellung, die im Koran zu Buche geschlagene Rede Allahs gehöre nicht dem diesseitigen, geschaffenen Sein an, sondern dem transzendenten des Schöpfers, weshalb ihr übrigens bis heute oftmals geradezu magische Qualitäten zugeschrieben werden. Vor allem die im Sunnitentum und weithin auch von den Schiiten vertretene Auffassung, die arabischen Wörter des Korans könnten auf keinen Fall durch gleichbedeutende einer anderen Sprache ersetzt werden, wurzelt in dieser Vorstellung. Und für den Vollzug der Ritualpflichten ist der Gebrauch des Arabischen unabdingbar.
Die Lehre von der Unersetzbarkeit und daher Unübersetzbarkeit des arabischen Korans hat dazu geführt, dass bis in die Gegenwart sich das islamische gelehrte Schrifttum, das dem Koran und seiner Auslegung sowie seiner Nutzbarmachung in der Schariawissenschaft gewidmet ist, nahezu ausschließlich des klassischen Arabisch bedient. Mit geringen Abstrichen gilt dies auch für das Hadith und die mit ihm befasste Literatur. Da diese Gegenstände auch die Ausgangsstufe für eine Beschäftigung mit Metaphysik und Philosophie bilden, behauptet das Arabische auch hier seine Vorherrschaft. Eine Imamausbildung ohne einen Rückbezug auf das Arabische wäre also gänzlich bodenlos.
Liberalisierung im Dialog
Der Hinweis auf die ritualpraktische Bedeutung des Arabischen und auf dessen unangefochtene Dominanz in der theologischen und schariatischen wissenschaftlichen Literatur sollte also schon genügen, um es in einer akademischen Imamausbildung an deutschen Universitäten zu verankern. Ein weiterer Gesichtspunkt ist jedoch mindestens ebenso wichtig. Es gilt für die akademische Imamausbildung als ausgemacht, dass die von Muslimen für Muslime zu betreibende Islamlehre und -forschung ein wissenschaftliches Reflexionsniveau erreichen sollen, das für die christlich-theologischen Fakultäten selbstverständlich ist.
In diesem Sinne äußerte sich zum Beispiel jüngst auch der Chef der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet, Ali Bardakoglu, in Frankfurt. Der Deutsche Wissenschaftsrat schlägt ebenfalls vor, an einigen Universitäten Islamstudien in Verbindung mit den einschlägigen orientalistischen Fächern einzurichten, um „eine reflexive Selbstvergewisserung der pluralen islamischen Tradition im Dialog mit den anderen Universitätsdisziplinen zu fördern“. Der Wissenschaftsrat setzt mit dieser Empfehlung stillschweigend voraus, dass die an einem solchen Dialog beteiligten Muslime den gerade auch die weltlichen Dinge umfassenden absoluten Wahrheits- und Überlegenheitsanspruch ihrer Religion aufgeben: dass nämlich die Worte des Korans nicht a priori die Lösung eines interdisziplinär debattierten Problems sind.
Die Fesseln zeitenthobener Texte
Hier kommt nun wieder das Arabische ins Spiel. „Bei Ihnen lesen wir, was wir in Damaskus auf keinen Fall lesen durften!“ Mit diesen Worten bedankte sich bei mir ein vom Amselfeld stammender albanischer Imam, nachdem er an einem Hauptseminar teilgenommen hatte. An der Scharia-Fakultät in Damaskus, wo er sein Studium absolviert hatte, war die Lektüre des mu'tazilitischen Schrifttums streng verpönt gewesen. Der „Mughni“ des Abd al-Dschabbar (gest. 1025), eine enzyklopädische Übersicht über das mu'tazilitische Denken und zugleich eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit dem zu Lebzeiten des Verfassers zur Mehrheitsrichtung aufsteigenden Sunnitentum, hatte uns ein Semester lang beschäftigt, in Sonderheit die ausführliche Passage über die Rede Allahs. Von Rede, auch von der koranischen Rede Allahs, kann man nur sprechen, so Abd al-Dschabbar, wenn ein als Person gedachter Angeredeter da ist. Rede ist das Übermitteln einer Botschaft - Nasr Hamid Abu Zaid, der sich vermutlich von diesem mu'tazilitischen Gedankengut anregen ließ, spricht gemäß heutiger Terminologie von Information -, und das erfolgt nur dann, wenn der von seinem Lebensmilieu geprägte Angeredete diese Botschaft auch begreifen kann. Anderenfalls handelte es sich um eine sinnlose Aneinanderreihung von Lauten, also nicht um Rede.
So lautete, grob vereinfacht, die mu'tazilitische Theorie, die, wie im „Mughni“ auch verdeutlicht wird, schroff die sunnitische These zurückwies, der zufolge Allahs Rede überzeitlich ist, also dem Inhalte nach unabhängig von irdischen, historischen Umständen und ewig gleich und wahr. Die Gelehrten hätten demnach nur die Aufgabe, diesen Text in seinem autoritativen Geltungsanspruch zu bewahren. Darum ist es gängige Praxis bis heute, dass man vor sunnitischen Studenten die mu'tazilitische Lehre vom zeit- und ortsgebundenen Charakter der Rede Allahs sorgsam verborgen hält; allenfalls teilt man sie ihnen zusammen mit den „richtigen“, den sunnitischen Widerlegungen mit, gleichsam als eine verdammenswerte Häresie. Das verhindert jedoch die Befreiung des muslimischen Denkens aus den Fesseln der autoritativen Texte. An diesem Beispiel wird auch sichtbar, warum der Zugang zu einem seit Jahrhunderten marginalisierten arabisch-islamischen Schrifttum das Potential für eine schöpferische Revision der als unveränderlich geltenden Glaubenswahrheiten in sich birgt.
Relativierung ewiger Wahrheiten
Eine Ausbildung von Imamen, die in einer pluralistischen, säkularisierten Gesellschaft tätig werden, muss sie aber befähigen, selbständig den Koran und das Prophetenhadith einer Exegese zu unterziehen. Die künftigen Imame müssen ihren Gemeindemitgliedern auseinandersetzen können, warum innerhalb einer gesellschaftlichen und politischen Praxis, die weder der Religion an sich noch gar einer bestimmten Religion eine exklusive Deutungshoheit zuerkennt, den vermeintlich ewigen Wahrheiten des Islams nur eine relative Gültigkeit zukommt. Sie müssen ferner begreiflich machen, dass diese Relativierung der islamischen Glaubenswahrheit auf das Alltagsleben durchschlägt: Das ist in einem säkularisierten Gemeinwesen von Normen bestimmt, deren Entstehung sich oft zwar religiösen Geboten verdanken mag, die heute aber als auf allgemeinen Menschenrechten fußend verstanden werden. Und sie sind ohne einen Rückbezug auf die Religion oder eine spezifische Religion anzuerkennen.
Nur in Ansätzen - ich denke an die sogenannte Ankaraer Schule, deren Vertreter selbst im eigenen Lande vielfach angefeindet werden - erfolgte in der Türkei seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem islamischen Erbe, jedoch in Rücksicht auf ein nur dem Scheine nach laizistisches Gemeinwesen, dessen staatliche Religionsbehörde seit 1924 über die Wahrung seines sunnitischen Charakters wacht. Daher können denn auch die Ansätze der Ankaraer Schule nicht unmittelbar ein Vorbild sein für die von einer akademischen Imamausbildung in Deutschland zu leistende Pionierarbeit. Denn auch in Ankara lehrt und forscht man eben unter der in Deutschland nicht gegebenen Voraussetzung, dass der sunnitische Islam der Bezugsrahmen aller Überlegungen ist.
Vielfalt eines Erbes
Die Imamausbildung in einem säkularen Staat wie Deutschland mag sich in Einzelheiten von moderner türkischer Islamliteratur anregen lassen, ihr Leitstern kann das türkische Schrifttum auf keinen Fall sein. Sie hat sich an alle hier lebenden Muslime zu wenden, ohne Ansehen ihrer ethnischen Herkunft. Das ist neben dem religions- und kulturgeschichtlichen Argument ein gewichtiges realpolitisches beziehungsweise gesellschaftliches dafür, die akademische Imamausbildung auf das arabischsprachige Erbe des Islams zu gründen. Sowohl in der Quantität als auch in der Qualität stellt es das Hauptstück der intellektuellen und spirituellen Leistungen der Muslime dar, und - wichtiger noch - es birgt in sich manche kostbaren Keime eines wider die gegenwärtig vorherrschende geistige Erstarrung aufbegehrenden subversiven Denkens.
Der Weg zu einer Imamausbildung, deren Absolventen die Vielfältigkeit des eigenen, in arabischer Sprache auf uns gekommenen Erbes kennen und sich darum als kompetente Gesprächspartner in den brennenden Fragen der Zeit beweisen könnten, ist noch weit. Gleichwohl sollte er beschritten werden. Dass man die Muslime dabei wie unmündige Kinder an die Hand nehmen und - vorerst? - gegen den üblichen wissenschaftlichen Diskurs abschirmen will, wie im Wissenschaftsrat anscheinend auch erörtert wurde, zeugt freilich von einem peinlichen Paternalismus, den man sich schleunigst abgewöhnen sollte.
Sehr guter Artikel - ich hätte mir noch den Bezug auf Mohammad Kalisch gewünscht
Martin Klocke (mampo)
- 04.03.2010, 18:29 Uhr
Ich bin ein Muslim,
Mustafa Aydoğdu (maydogdu01)
- 05.03.2010, 08:45 Uhr
Voltaire darf bei dieser Debatte natürlich nicht fehlen...
Harry LeRoy (Cimon)
- 06.03.2010, 04:33 Uhr