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Spiritismus und Technik Wir sind nur Medien von Medien

 ·  Woher kommt die Rede von der Magie der Medien? Und was hat der Spiritismus damit zu tun? Inmitten der selbstgesteuerten Technik scheint das Ohnmachtsgefühl spiritistischer Séancen wieder auf.

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© INTERFOTO So schön war Mediumismus: Materialisierung eines Geistwesens mit dem Seher Eglinton, 1886

Man spricht heute von einer Wiederverzauberung der Welt und sieht sie ausgerechnet von jener Macht ausgehen, die schon für ihren Auraverlust verantwortlich war: der modernen Technik. Man hat es hier mit einem durch und durch rationalen Typ von Magie zu tun. Weil im Zusammenspiel berechneter Prozesse aber unvorhergesehene Effekte entstehen und moderne Animationen jenen Effekt der Unheimlichkeit wachrufen, der nach Freud entsteht, wenn das Künstliche dem Natürlichen fast, aber nur fast deckungsgleich ist, kommt die Rede von der neuen Magie nicht von ungefähr. In der Algorithmenwelt hat man nicht selten das Gefühl, als griffe Technik wie eine überpersönliche Macht direkt ins Leben.

Es scheint zunächst abwegig, in dieser Renaissance ein Erbe all jener heute ins Fach der Esoterik eingestuften Strömungen zu sehen, die im neunzehnten Jahrhundert unter dem Begriff Mediumismus den Kontakt mit dem Übersinnlichen durch ein Trancemedium suchten. Die Wissenschaftsgeschichte scheidet diese Formen normalerweise als archaische Vorläufer funktionaler Technik aus. Technik meint rationale Mittel zur Bemächtigung der Natur, Mediumismus ohnmächtige Hingabe an übersinnliche Mächte. Von Telegraphie zu Telepathie führt kein direkter Weg. Der Siegener Medienwissenschaftler Erhard Schüttpelz holt die Geister aber wieder aus der Flasche (“Mediumismus und moderne Medien - Die Prüfung des europäischen Medienbegriffs“, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Jg. 86, Heft 1, 2012).

Eine Verbindung von Medien mit Trancezuständen

Das magische Erbe, so seine These, klingt bis heute nach, wenn von Medien die Rede ist, es ist sogar prägend für den modernen Medienbegriff. Mit der raunenden Prosa heutiger Medienwissenschaftler im Ohr fällt es schwer zu widersprechen. Zur Rekonstruktion dieses latenten Einflusses geht Schüttpelz einen Schritt zurück. Von Medien ist seit Aristoteles die Rede, der erkannte, dass bei der Wahrnehmung das Licht durch die Luft, das medium diaphane, gebrochen wird. Das Medium rückte in die metaphysische Mitte zwischen Mensch und Gott. Die Neuzeit weitete den Medienbegriff auf alle Naturkräfte aus. Die Mechanisierung des Weltbilds erzwang die Annahme feinstofflicher Fluida, die zwischen Psyche und Physis vermitteln. Imponderable Kräfte wie Elektrizität, Magnetismus, Äther wurden als Medien göttlichen Wirkens in der Natur verstanden.

Mit dem Mediumismus rückte der Mensch in diese Mitte ein. In seinen Spielarten Mesmerismus, Spiritismus und Hypnose wurde der mediumistische Komplex von 1784 bis 1890 an zentralen Orten in einer langen Serie auf seine Wissenschaftlichkeit geprüft. Obwohl das Ergebnis jeweils negativ war, hat der öffentlichkeitswirksame Prozess, so Schüttpelz, eine bleibende Wirkung auf die Semantik des Medialen hinterlassen. Was durch den Mediumismus geprägt wurde, war die bis heute nicht verlorene Verbindung von Medien mit Trancezuständen und einem Gefühl der Ohnmacht. Eine besondere Bedeutung kam dabei dem Mesmerismus zu. Mit der Behauptung eines animalischen Magnetismus wahrte er die Kontinuität zu den imponderablen Naturkräften und provozierte gleichzeitig eine somnambule Wirkung beim Patienten. Der „andere Zustand“ wanderte in den Begriff des Mediums ein.

Zwischen Macht und Ohnmacht

Aus dem Bündel esoterischer Praktiken wurde keine Einheit. Weil die moderne Physik keine Funktionsstelle mehr für die imponderablen Kräfte hatte, verschwanden die Geister aus der Naturforschung. Der Mediumismus lebte in Spaltprodukten wie Psychotherapie, Parapsychologie und Psychoanalyse fort, die auf einige seiner Konzepte zurückgriffen, aber andere Ziele verfolgten. Auch die künstlerischen Avantgarden übernahmen Inspirationstechniken. Ein zentrales Merkmal des Mediumismus ging nach Schüttpelz in all diesen Spaltlinien verloren: die Passivität des Mediums. Die neuen Bewegungen waren auf Beherrschung aus. Psychoanalytiker suchten die Kontrolle des Unbewussten, Künstler die schöpferische Stimulation.

Die Geister des Spiritismus kamen im zwanzigsten Jahrhunderts auf anderen Wegen zurück. Über Begriffe wie Suggestibilität und Hysterie hielten sie Einzug in Massenpsychologie und Medienwirkungsforschung und formten den modernen Medienbegriff. Auch das alte metaphysische Verständnis vom Medium als Agenten einer fremden Macht blieb erhalten. Schüttpelz nennt als Beleg Marshal McLuhans Slogan „Das Medium ist die Botschaft“. Im Grunde feiert McLuhans ganze Theorie die magische Durchdringung der Sinne durch elektrifizierte Umwelten, wie es in der Rede von der mystischen Gemeinschaft des globalen Dorfes zum Ausdruck kommt.

Ist es berechtigt, hier Wiedergänger spiritistischer Trance zu sehen - angesichts der Verschiedenheit der Ziele, Stimmungen und Weltanschauungen? Die strukturelle Analogie ist zumindest plausibel. Die moderne Technik, schreibt Schüttpelz, „bewahrt eine Ahnung von der Gespaltenheit menschlicher Personalität zwischen subjektiver Macht und überpersönlichen Kräften“, wie sie auch in den spiritistischen Séancen zum Tragen komme. Wo sie zur eigengesetzlichen Macht aufsteigt, wird diese Spaltung als Ohnmacht erlebt. Vor dem selbständigen Prozedieren der Algorithmen scheint die Passivität des Mediums wieder auf.

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Jahrgang 1975, Redakteur im Feuilleton.

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