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Veröffentlicht: 30.07.2016, 22:26 Uhr

Kirchenmusik in Sowjetrussland Die Gläubigen machten aus dem Kerker einen Tempel

Späte Blüten und die Krone der Märtyrer: Die Musikwissenschaftlerin Marina Rachmanowa dokumentiert die Geschichte der russischen Kirchenmusik unter der Sowjetmacht.

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© Archiv Unterm Damoklesschwert: Anatoli Sergejewitsch Prawdoljubow (Mitte) und sein kirchliches Gesangsensemble zu Beginn der dreißiger Jahre

Die Geschichte der russischen Kirchenmusik unter der Sowjetmacht war dramatisch, blieb aber weitgehend unterbelichtet. Die Leistung der Moskauer Musikwissenschaftlerin Marina Rachmanowa, die dieses kulturhistorische Kapitel jetzt in einer kommentierten Materialsammlung erschließt, steht als monumentaler Solitär da. Seit drei Jahren sammle sie Memoiren von Kirchenmusikern, Noten von Sakralmusik, Briefe und Prozessakten aus dem Moskauer Literatur- und Kunstarchiv, dem Glinka-Musikmuseum, der Petersburger Bibliothek der Akademie der Wissenschaften, aber auch aus dem Internet, berichtet Frau Rachmanowa.

Kerstin Holm Folgen:

Zunächst habe sie gedacht, die gesamte Epoche zwischen 1917 und 1991 ergäbe ein kleines Buch. Doch schon ihre Publikation „Der russisch-orthodoxe Kirchengesang in sowjetischer Zeit“ (Russkoe pravoslavnoe cerkovnoe penie v XX veke, sovetskij period), die dieses Jahr im Moskauer Verlag Jazyki slavjanskoj kul’tury herauskam, ist zwei Bände und mehr als tausend Seiten stark geworden, obwohl sie nur die zwanziger und dreißiger Jahre umfasst.

Was viele erstaunen dürfte: In den zwanziger Jahren erlebte die russisch-orthodoxe Kirchenmusik eine späte, aber prächtige Blüte. Denn die Entmachtung der Kirche als Institution befreite Komponisten und Sänger auch von den strengen kanonischen Regeln. So wie Kunsthistoriker erst nach dem bolschewistischen Staatsstreich auf Andrej Rubljows Dreifaltigkeitsikone spätere Übermalungen entfernen und das strahlende Original freilegen konnten, so fiel von den Sakralmusikern die kanonische Pflicht ab, Psalmen und die Liturgie leidenschaftslos, linear, gleichsam abstrakt zu intonieren.

Sakralmusik ist Opium

Eine mehr expressive, klangsinnliche Darbietung geistlicher Werke war schon vor der Revolution von Chor- und Solosängern, die in Gottesdiensten und bei weltlichen Konzerten gleichermaßen auftraten, favorisiert worden. In den zwanziger Jahren entwickelte sich daraus ein vom italienischen Operngesang beeinflusster Darbietungsstil, der geistlichen Werken der Klassiker Dmitri Bortnjanski und Peter Tschaikowski, aber auch des Zeitgenossen Pawel Tschesnokow und des emigrierten Sergej Rachmaninow große Publikumserfolge bescherte.

Kirchenmusikalische Puristen, zu der auch die strenggläubige Leningrader Pianistin Maria Judina (1899 bis 1970) gehörte, tadelten diesen Schönklang als gefällig-selbstgefälligen „NEP-Stil“. Das bezog sich auf die „Neue Ökonomische Politik“ unter Lenin, die manche Neureichen begünstigt hatte. Freilich, der eine Generation ältere Orientalist Sergej Kosin (1879 bis 1956), ebenfalls ein orthodoxer Christ, hielt Judina entgegen, jegliche Schönheit sei gottgefällig, und auch eine italienisch anmutende könne eine russische Kirche schmücken.

Während Kirchen geschlossen wurden, waren dafür in Konzertsälen häufig geistliche Chorwerke zu hören. Pawel Tschesnokow, der auch als Chorleiter und Konservatoriumsprofessor tätig war, führte im großen Saal des Hauses regelmäßig Sakralmusik von Alexander Kastalski, Alexander Gretschaninow und Rachmaninow auf, womit er freilich auch den Zorn der Revolutionäre auf sich zog. Als 1926 zweimal nacheinander Rachmaninows Vespermesse erklungen war, kritisierte die Zeitschrift „Musik und Oktober“, das sei eine Überdosis, denn selbst Opium werde ja nur auf ärztliches Rezept in kleinen Mengen verabreicht. Kurz darauf wurde Tschesnokows Chor aufgelöst.

„Kriminelle lauschten andächtig“

Der junge Sowjetstaat versuchte, die religiöse Musikkultur durch Besteuerung zugleich zu nutzen und zurückzudrängen. Das Volkskommissariat für Aufklärung erweiterte die staatliche Agentur für Autorenrechte, Dramsojus, um eine Chorsektion, die bei allen Aufführungen geistlicher Musik sowohl von historischen wie von lebenden russischen Komponisten fünf Prozent von den Verdiensten der Aufführenden beanspruchte. Dramsojus-Agenten erhoben die Gebühr auch von Einnahmen in Naturalien. Viele Kirchengemeinden versuchten, sich den Steuerforderungen zu entziehen.

Einige behaupteten, ihre Chöre wüssten gar nicht, wer ihre Musik geschrieben habe, andere verwiesen auf die Autorlosigkeit der traditionellen Gesänge. Unterdessen setzten militante Atheisten und proletarische Musiker die Agentur unter Druck. Sie warfen ihr vor, geistliche Musik zu protegieren und Einnahmen zurückzuhalten. 1930 wurde die Chorsektion geschlossen.

Viele Kirchenmusiker kamen ins Straflager. Auf den Solowezki-Inseln, wo schon in den zwanziger Jahren zahlreiche Opern- und geistliche Sänger sowie Priester inhaftiert waren, wurden deshalb besonders grandiose, inbrünstige Gottesdienste abgehalten, wie ein Überlebender des Lagers bezeugte. Ein Ex-Häftling in Nischni Nowgorod schilderte, dass dort in verschiedenen Zellen bis zu dreißig Geistliche einsaßen, die oft gemeinsam mit inhaftierten Laien die Messe sangen und so den Kerker in einen Tempel verwandelten. Die Kriminellen und Wächter hätten, so versichert der Zeitzeuge, andächtig der Musik gelauscht.

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Am Ende stand oft das Martyrium. Der inzwischen heiliggesprochene Rjasaner Erzpriester und Kirchenmusiker Anatoli Awdejewitsch Prawdoljubow (1862 bis 1937), der wegen „konterrevolutionärer Umtriebe“ erschossen wurde, ist nur ein Beispiel. Prawdoljubow repräsentierte eine Priesterdynastie. Auch drei seiner Söhne, die Priester und Kirchenmusiker waren, fielen dem Terror zum Opfer. Sein Enkel Anatoli Sergejewitsch Prawdoljubow (1914 bis 1981) wurde 1935 verhaftet, kam ins Straflager auf den Solowezki-Inseln und dann nach Medweschegorsk ans Weiße Meer, bevor er im Zweiten Weltkrieg an die Front zog und schwer verwundet wurde. 1947 wurde er Priester. Der Komponist und Priester Georgi Iswekow (1874 bis 1937) erklärte, als er 1931 verhaftet wurde, er sei darüber froh. Es sei ihm unangenehm gewesen, dass es ihm an nichts fehlte, während viele Menschen für ihren Glauben litten. Die Vorwürfe, er agitiere gegen die Sowjetmacht, wies er zurück. Iswekow wurde 1937 erschossen und 2004 heiliggesprochen.

Glosse

Kollegah

Von Thomas Thiel

Wer Hip-Hop nicht mag, soll seine Stimme erheben. Da steigen wir doch gern in den Ring. Mehr 0

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