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Der Sound des Jahrhunderts : Als der Lärm den Laut verschluckte

Die erste Jahrhunderthälfte hat relativ klare akustische Konturen. Sie ist von den Hörstürzen der Weltkriege gekennzeichnet, dazwischen liegt der großstädtische Verkehrslärm und der Variétéklang der zwanziger Jahre. War der Erste Weltkrieg noch auf die Schlachtfelder begrenzt, so wurde der Zweite zu einer breitflächigen Belagerung des Trommelfells. Lärm war eine doppelte Waffe: als Soundverstärker der Fliegerschwadronen und als Propagandainstrument, das die Massen über Mikrofon und Lautsprecher synchronisierte.

Filmplakat zu Walther Ruttmanns „Sinfonie der Großstadt“ vom 1927

Das Buch zieht der auditiven Manipulation durch das NS-Regime aber Grenzen: Flächendeckend kam die Lautsprechertechnik nicht zum Einsatz. Und das Radio wurde weniger zur Indoktrinierung als zur Unterhaltung genutzt.

Von der Schallplatte zum Digitalzeitalter

Schwerer lässt sich der Kalte Krieg auf den Begriff bringen. Zu den akustischen Erinnerungsmarken zählt das Buch Kennedys Berliner Rede, den Schlagersound der Fünfziger, die Sprechchöre der Studentenrevolte und die politischen Lieder der Bürgerrechtsbewegung. Als paradigmatisches Hörerlebnis des Kalten Krieges gilt die amerikanische Popmusik, die auch im Osten Gehör fand. Die sechziger Jahre gelten als besonders laute Dekade. Das Düsenzeitalter beginnt, der Verkehr wird größer, die Motoren und Triebwerke aber bald schon wieder leiser. Dauerbeschallung gibt es schon seit den dreißiger Jahren, als die amerikanische Firma Muzak die verkaufssteigernde Wirkung von Hintergrundmusik erkannte. Markensounds und Soundlogos tragen sich später auf der kommerziellen Klangtapete ein. Gleichzeitig wird das Hörerlebnis durch die tragbaren Musikgeräte individuell. Das macht die Besonderheit des Stadiongesangs aus, eines der wenigen Refugien des akustischen Kollektivs.

Besonders im zwanzigsten Jahrhundert ist Soundgeschichte auch Mediengeschichte. Das Buch ist nicht in erster Linie vom technischen Fortschritt inspiriert, zeichnet die entscheidenden Etappen aber übersichtlich nach: wie Carusos Klangaufnahmen der Schallplatte zum Durchbruch verhalfen, wie mit der Elektronenröhre die Unterhaltungsindustrie aufkam oder High Fidelity die Gegenkulturen stimulierte. Musik wird körperlicher. Politische Rebellion und sexuelle Emanzipation lassen sich rein akustisch formulieren.

Mit der Rockmusik betritt die industrialisierte Welt die große Bühne - während sie in der E-Musik schon wieder abtritt, wo sich das industrielle Geräusch, von der Neuen Musik kunstfähig gemacht, zu Tode emanzipiert hatte. Besondere Stärken hat das Buch, wo es den Reflex neuer Klänge in der Kunst beschreibt, wie die Literarisierung der akustischen Gewalt des Weltkrieges durch die Lautpoesie (etwa Jandls „Schtzngrmm“ als poetisches Destillat des Schützengräben-Akustik).

Gibt es einen charakteristischen Klang des Digitalzeitalters? Es wäre auf jeden Fall ein synthetischer, errechneter Sound, vielleicht aus dem Schattenreich der Telefonwarteschleifen, der GPS-Kommandos und Klingeltöne oder das Hintergrundklappern der Tastaturen. Wie tief der künstliche Klang ins Leben eindringt, zeigt sich am Dauerton, der auf den Intensivstationen das Ableben verkündet. Legion sind die Abgesänge auf den kaputtgerechneten MP3-Sound, der die Musik um Höhen und Tiefen beschneidet. Die Beiträge zum digitalen Klang sind etwas spröde. Die Technobewegung fehlt ganz. Das ist aber einer der wenigen Mängel eines Buches, das seine methodisch Offenheit für eine vibrierende Collage nutzt - und für die noch junge Soundgeschichte einen Standard setzt.

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