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Tagung zum „Common Ground“ : Ästhetische Querfronten

  • -Aktualisiert am

Morius Enden und Jenni Moli, Mitglieder des Künstlerkollektivs Zentrum für Politische Schönheit, in Björn Höckes Nachbarschaft. Bild: dpa

Soll man mit Rechten reden? Auf einer Tagung in Siegen warnten Diedrich Diederichsen und Wolfgang Ullrich vor den ästhetischen Strategien der Provokation.

          Mit Rechten zu reden ist keineswegs voraussetzungslos. Was sind, vom guten Willen zum Spiel abgesehen, die Voraussetzungen für ein solches Gespräch? Welche Annahmen teilen die Mitspieler? Gibt es noch Bindungen, die alle Teilnehmer dieses Gesprächs akzeptieren? Daran gibt es Zweifel. Sie nährte jetzt Diedrich Diederichsen auf einer Tagung der Forschungsstelle Populäre Kulturen in Siegen, deren Gegenstand die Begriffsfigur des „Common Ground“ war.

          Diederichsen erinnerte an einen Begriff Theodor W. Adornos: den Materialstand. Keineswegs sei es mit der Verbindlichkeit der Materialien dahin. Wer den historischen Materialstand ignoriert, etwa mit dem Argument, den überschaue ohnehin keiner mehr, macht es sich in der Unaufgeräumtheit gemütlich, fällt hinter ein Denken zurück, das zumindest den Anspruch erhebt, das Wissen der Welt nicht preiszugeben, auch wenn es auf dem Weg zu diesem Wissen immer wieder einmal, wie etwa derzeit in Amerika, Unterbrechungen gegeben hat.

          Die Linken sollten ihren Job machen

          Diederichsen sieht in den Vordenkern der Rechten historisch überholte Ideen am Werk. Bedrückend findet er, wie die liberale und die linke Öffentlichkeit mit Angstlust rechte Intellektuelle beraune und bestaune, statt ihren Job zu machen und erledigte Fälle erledigte Fälle sein zu lassen. Der Neo-Traditionalismus will etwas (wieder) herstellen, was es gegeben haben soll. Dieses Merkmal verbindet Salafisten mit Evangelikalen, Identitäre mit Islamisten.

          Mit dem politisch gewendeten ästhetischen Begriff des Materialstands soll es einer progressiven Politik möglich werden, darauf nicht mit den Formeln des naiven Progressivismus zu reagieren. „Der Begriff des Materialstands ist nicht so sehr die Konstruktion, die es einem erlaubt zu sagen, das oder das kann man doch heute nicht mehr machen, sondern die das, was machbar ist oder gemacht werden sollte, auch danach bewertet, wie es unter bestimmten geschichtlichen Bedingungen zu Material werden konnte.“

          Der Nichtfortschritt im Fortschritt

          Anders gesagt: Unter dem Begriff des Materialstands wird der Nichtfortschritt in den Fortschritt inkorporiert. Zur Selbstreflexion gehört es für Diederichsen, dass Akteure sich von der Idee zu verabschieden haben, von außen auf die Gesellschaft einwirken zu können, deren Teil sie doch sind. „Wenn wir nicht als Traditionalisten und Nostalgiker argumentieren wollen, aber auch nicht als Avantgarde und Top-down-Erzieher, können wir den gemeinsamen Boden nur beschreiben als eine gemeinsame Entwicklung, etwas, das schon begonnen hat, Kräfte entfaltet, Wissen generiert, auf einem Weg ist.“

          Etwas melancholisch charakterisierte Diederichsen beim Thema des Rassismus den Materialstand als ein Stehen in der Bewegung. Die Dialektik aus Stillstand und Beschleunigung, aus Manöver und Konsequenz, aus Material und Norm scheint an Grenzen zu stoßen. Die Beharrungskräfte haben das Momentum von Bewegung adaptiert.

          Wie lässt sich Rassismus bekämpfen? In alltagsvergiftenden Formen ist er auf weiche sozialwissenschaftliche Daten angewiesen, wie sie etwa die AfD-Spitzenpolitikerin Alice Weidel in Talkshows verwendet, die Volks- und Betriebswirtschaft studiert hat, aber bedenkenlos Korrelationen als Kausalitäten bezeichnet und geringe absolute Zahlen zu Trends hochrechnet. Wie lassen sich angemessen ernüchternde Gegenbeschreibungen entwickeln?

          Diederichsen konzedierte, dass die rechten Gegenspieler zumindest so tun, als ließen sie sich ein auf die Idee eines Common Ground. Die von linksrechten Querfronten ausgehende Verwirrung sei Teil ihres Spiels. Was die Rechten zu sagen haben, ist nach Diederichsens Überzeugung bereits historisch erledigt. Wer auf sie dennoch eingeht, macht sich zur Figur ihres Spiels und verschafft ihnen unnötige Aufmerksamkeit.

          Die Stoßwirkung der Kunst

          Der Konflikt mit altneuen Rechten lässt kein Feld unberührt, auch die Idee der Schönheit nicht. Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich beschrieb in Siegen erstaunliche Parallelen zwischen alten und neuen Rechten einerseits und Aktivisten, die sich selbst bisher auf der Seite der Linken lokalisieren, andererseits. Was bringt den Philosophen Byung-Chul Han auf die Idee einer „Stoßwirkung der Kunst“? Ullrich ordnet Hans Denken einer Tradition von Gemeinschaftskonstitution durch Überwältigung zu. Wer sich von Schönheit schlagen lasse, ruft die Rutenbündel (fasces) der römischen Liktoren in Erinnerung, eine Machtinsignie, die auf Linie bringt.

          Han findet in Philipp Ruch, dem Gründer des „Zentrums für politische Schönheit“, einen seltsamen Kollaborateur. Ruchs Metaphern und seine Vorstellung von Schönheit als „Erdbeben unserer Existenz“ sind purer Kitsch. Als Aufgabe seines Kunstaktionismus initiiert er „Handlungen mit moralischer Lichtintensität“ und versucht, die Erfahrung der „Schlagkraft von Schönheit“ zu vermitteln, sei sie doch „für den Reichtum der Seele unabdingbar“.

          Ullrich zieht von Han und Ruch Linien zur Identitären Bewegung. In wechselseitiger Imitation formen sie ein popkulturelles Segment, was nicht nur die Medien, sondern besonders die Sicherheitsdienste vor hermeneutische Herausforderungen stellt, denen sie nicht gewachsen scheinen. Es graut Ullrich vor dem Moment, in dem sich die immersive Ästhetik Ruchs mit essentialistisch-völkischen Angstszenarien der Identitären am rechten Rand verbindet. Ihr gemeinsamer Grund sei ein Sumpf, aus dem das Völkische auferstehen werde.

          Quelle: F.A.Z.

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