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Veröffentlicht: 27.10.2012, 09:00 Uhr

Sigmund Neumann Ein vergessener Lehrer der Demokratie

Sigmund Neumann war einer der Gründer der Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Heute ist er jedoch weitestgehend in Vergessenheit geraten.

von Michael Kunze
© Sigmund-Neumann-Institut Sigmund Neumann (1904-1962)

Als Sigmund Neumann 1933 Deutschland aufgrund seiner jüdischen Herkunft verlassen musste, war er als Wissenschaftler keineswegs schon ein „gemachter Mann“. Er hatte in Leipzig, Grenoble und Heidelberg Geschichte, Nationalökonomie und Sozialwissenschaften studiert. Im Mai 1904 hineingeboren in eine jüdische Leipziger Kaufmannsfamilie, hatte er aber doch mit zwei Büchern in Wissenschaftskreisen für Aufmerksamkeit gesorgt.

Über „Die Stufen des preußischen Konservatismus“, eine Arbeit, deren Idee auf Alfred Weber zurückging, war Neumann 1927 bei Hans Freyer promoviert worden. Er ging darin der Frage nach, wie sich die Entstehung des Kapitalismus auf die Stellung des Adels in der preußischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ausgewirkt hatte. Der Adel habe - unumkehrbare - Phasen durchlaufen, nach einer „romantischen“ eine „liberale“ und schließlich eine „realistische“. Der Soziologe Herbert Sultan sah die Untersuchung „mit allen soziologischen Wassern gewaschen“, auch wenn es sich in erster Linie noch um eine ideengeschichtliche Arbeit handelte.

Ein Klassiker der Parteienforschung

Jene frühe akademische Qualifizierungsschrift gab dabei methodisch einen Tenor vor, der, weiterentwickelt, Neumanns gesamtes wissenschaftliches Arbeiten prägen sollte: Er emanzipierte sich von den seit etwa 1900 sich ausdifferenzierenden Forschungstraditionen der Ereignis-, der später folgenden Volks- und der früheren Staatengeschichte. Als „historisch orientierter Sozialwissenschaftler“ verbindet Neumann die „Methoden der komparativ arbeitenden Politikwissenschaft und Soziologie mit denen der Sozial-, Wirtschafts- und Geistesgeschichte“, schrieb der Politologe Peter Lösche.

Nach Neumanns Wechsel von Leipzig an die Deutsche Hochschule für Politik in Berlin rief er 1931 mit Albert Salomon und Alfred von Martin die Schriftenreihe „Soziologische Gegenwartsfragen“ ins Leben. Mit „Die deutschen Parteien. Wesen und Wandel nach dem Kriege“ legte er ein Jahr später seine bis heute bedeutendste Untersuchung vor. Sie hob Neumann in eine Reihe mit anerkannten Soziologen wie Arthur Rosenberg, schrieb Karl Dietrich Bracher - obwohl dem Buch durch den Nationalsozialismus zunächst seine Wirkung versagt blieb. Bracher gab es nach dem Krieg lediglich mit neuem Titel in vier Auflagen neu heraus - und die Arbeit gilt noch immer als Klassiker der frühen Parteienforschung: „Zeitgenössische Studien von solchem Rang besitzen ohnehin Seltenheitswert“ (Horst Möller). Sigmund Neumann lieferte darin nicht nur eine konzise Parteiengeschichte der Weimarer Republik, die abgesehen von Neugründungen wie der NSDAP eine große organisatorische und personelle Kontinuität zum Kaiserreich aufgewiesen habe, sondern er entwickelt auch eine Typologie moderner Parteien. Aus der „nachliberalen Integrationspartei“ (Otto Heinrich von der Gablentz) sei eine „absolutistische“ Variante hervorgegangen. Während zum ersten Typ Parteien wie das Zentrum oder die SPD zu zählen seien, rechnet Neumann zum zweiten geradezu idealtypisch die NSDAP, deren Entstehen ebenso wie das der KPD vom „Unvermögen“ der etablierten Parteien zeuge, die Fragen der Zeit zu beantworten. Neumann geht in seinem Urteil noch weiter: „Was als Parteienkrisis erscheint, ist vielmehr die Krise der Demokratie, der ökonomisch-sozialen Welt, des europäischen Menschen überhaupt“, schreibt er.

Merkmale von Diktaturen

Mit seinem Studium der Parteien, die zwar nach Macht strebten, aber auch den „chaotischen Einzelwillen“ zu personellen und inhaltlichen Alternativen bündelten, wies er ihnen nicht nur einen bedeutsamen Platz in der Demokratie zu, sondern er trug dazu bei, dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Parteienforschung als eigenständige Disziplin der Politikwissenschaft etablierte.

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