Home
http://www.faz.net/-gqz-olz3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Schwerter, bei der Hochzeit gezogen

Fechtmeister Lew: Bewaffnete Juden in der Antike und im Mittelalter

Manch ein Vorurteil hält sich hartnäckig selbst in Wissensbereichen, von denen man annehmen möchte, daß sie von der historischen Forschung längst erschlossen seien. Ein solches war bis vor kurzem die Annahme, Europas Juden seien im Mittelalter zu passivem Opferverhalten auch deshalb gezwungen gewesen, weil ihnen der Gebrauch von Waffen verwehrt war. Daß dieses Vorurteil nicht zuletzt auch eine Nachwirkung der nationalsozialistischen Propaganda war, die den Juden "Kampfunfähigkeit" unterstellt hatte, ist nicht auszuschließen. Nun hat man die Frage nach dem Waffengebrauch von Juden im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Deutschland neu gestellt. Die Ergebnisse präsentiert die Zeitschrift "Aschkenas" in ihrer jüngsten Ausgabe mit dem Schwerpunkt "Juden und Waffen" (Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden, Jg. 13, Heft 1. Max Niemeyer Verlag, Tübingen, 2003).

Schon im römischen Imperium klafften, wie Helmut Castritius schildert, die Gesetzgebung, die den Militärdienst von Juden einschränken sollte, und die Praxis auseinander. So dienten Juden nicht nur im römischen Heer. Vor allem in spätrömischer Zeit gab es ganze Einheiten, die nur aus jüdischen Soldaten bestanden, die innerhalb der Städte zur Abwehr der Germanenüberfälle eingezogen wurden. Im Mittelalter war der Waffengebrauch von Juden rechtlich ähnlich geregelt. Landfriedensordnungen und Gesetzesfixierungen des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts versuchten zwar, Juden aus dem Kreis Waffen tragender Personen auszuschließen.

Doch auch hier sah der Alltag anders aus. In den Städten war es selbstverständlich, daß Juden Waffen besaßen und mit diesen umzugehen wußten. Denn in Kriegszeiten mußten sich auch die Juden an der Verteidigung der Stadtanlagen beteiligen. Die zahlreichen Quellen, die Christine Magin und Markus J. Wenninger in Stichproben ausgewertet haben, werfen ein völlig neues Licht auf die Integration der Juden in das städtisch-christliche Umfeld. Jüdische Waffenträger finden sich allenthalben, ob als Ritter, Söldner, bewaffnete Reisende, Angehörige der städtischen Milizen oder als Waffenhändler und -produzenten, sogar in einem Bereich also, aus dem sie laut der mittelalterlichen Gesetzgeber eigentlich ausgeschlossen waren.

Der Mediävist Wenniger weist darauf hin, daß die dokumentierten rechtlichen Versuche, den Waffenbesitz bei Juden einzuschränken, keineswegs in einem militärischen, sondern in einem gesellschaftlichen Kontext zu betrachten sind. Das Tragen von Waffen war ein Statussymbol der gehobenen Schicht, auch innerhalb der Städte. Der soziale Aufstieg der Juden versetzte sie in die Lage, Waffen zu erwerben. Von der gehobenen städtischen Schicht und dem Adel als mehr oder minder gleichrangig toleriert, scheint es gang und gäbe gewesen zu sein, daß auch Juden in der Öffentlichkeit Schwerter zu tragen pflegten. Versuche, das Waffentragen in einem engen Rahmen zu halten, muß man, so Wenninger, als Ausdruck von städtischen Machtkämpfen verstehen, die nicht den Waffenbesitz an sich betrafen, sondern eher seine Funktion als Statussymbol.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Makkabispiele eröffnet Zeichen der Versöhnung in Berlin

In Berlin sind die jüdischen Sportwettkämpfe offiziell eröffnet worden. Erstmals überhaupt werden die Europäischen Makkabispiele in Deutschland ausgetragen – unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Mehr

28.07.2015, 14:41 Uhr | Sport
Frankreich Hunderte jüdische Gräber geschändet

Auf einem Friedhof im Ort Sarre-Union im französischen Elsass sind hunderte jüdische Gräber geschändet worden. In Frankreich leben die größten Gemeinschaften von Juden und Muslimen in Westeuropa. Mehr

16.02.2015, 17:40 Uhr | Gesellschaft
Siedler zünden Haus an Israel entsetzt über Tod eines Kleinkindes

Bei einem Brandanschlag auf ein palästinensisches Haus ist ein Kleinkind in den Flammen umgekommen. Die Täter, mutmaßlich jüdische Siedler, handelten wahrscheinlich aus Rache. Mehr Von Hans Christian Rößler, Jerusalem

31.07.2015, 09:04 Uhr | Politik
Nach Anschlägen Juden in Kopenhagen: Bleiben oder gehen?

Die jüdische Gemeinde in Kopenhagen ist nach den islamistischen Anschlägen auf einen jüdischen Wachmann und einen Filmemacher erschüttert. Immer mehr Gemeindemitglieder spielen mit dem Gedanken, ihre Zelte in Europa abzubrechen. Mehr

26.02.2015, 11:03 Uhr | Gesellschaft
Israelis in Deutschland Was soll die israelische Begeisterung für Berlin?

Israelis in Berlin: Die deutsche Hauptstadt ist ein Magnet für jüdische Besucher, gerade auch aus Israel selbst. Daraus wird ein Mythos gemacht, der nichts mit der Realität zu tun hat. Ein Gastbeitrag. Mehr Von James Kirchick

29.07.2015, 14:29 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 01.01.2004, 21:44 Uhr

Glosse

Das ist Köttelbecke

Von Andreas Rossmann

Von der Kloake zum Lebensraum: Deutschlands schmutzigster Fluss, die Emscher, soll bis 2020 renaturiert werden. Eine Köttelbecke allerdings soll als olfaktorisches Mahnmal bleiben. Mehr 4 8