http://www.faz.net/-gqz-olz3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.01.2004, 21:44 Uhr

Schwerter, bei der Hochzeit gezogen

Fechtmeister Lew: Bewaffnete Juden in der Antike und im Mittelalter

Manch ein Vorurteil hält sich hartnäckig selbst in Wissensbereichen, von denen man annehmen möchte, daß sie von der historischen Forschung längst erschlossen seien. Ein solches war bis vor kurzem die Annahme, Europas Juden seien im Mittelalter zu passivem Opferverhalten auch deshalb gezwungen gewesen, weil ihnen der Gebrauch von Waffen verwehrt war. Daß dieses Vorurteil nicht zuletzt auch eine Nachwirkung der nationalsozialistischen Propaganda war, die den Juden "Kampfunfähigkeit" unterstellt hatte, ist nicht auszuschließen. Nun hat man die Frage nach dem Waffengebrauch von Juden im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Deutschland neu gestellt. Die Ergebnisse präsentiert die Zeitschrift "Aschkenas" in ihrer jüngsten Ausgabe mit dem Schwerpunkt "Juden und Waffen" (Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden, Jg. 13, Heft 1. Max Niemeyer Verlag, Tübingen, 2003).

Schon im römischen Imperium klafften, wie Helmut Castritius schildert, die Gesetzgebung, die den Militärdienst von Juden einschränken sollte, und die Praxis auseinander. So dienten Juden nicht nur im römischen Heer. Vor allem in spätrömischer Zeit gab es ganze Einheiten, die nur aus jüdischen Soldaten bestanden, die innerhalb der Städte zur Abwehr der Germanenüberfälle eingezogen wurden. Im Mittelalter war der Waffengebrauch von Juden rechtlich ähnlich geregelt. Landfriedensordnungen und Gesetzesfixierungen des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts versuchten zwar, Juden aus dem Kreis Waffen tragender Personen auszuschließen.

Doch auch hier sah der Alltag anders aus. In den Städten war es selbstverständlich, daß Juden Waffen besaßen und mit diesen umzugehen wußten. Denn in Kriegszeiten mußten sich auch die Juden an der Verteidigung der Stadtanlagen beteiligen. Die zahlreichen Quellen, die Christine Magin und Markus J. Wenninger in Stichproben ausgewertet haben, werfen ein völlig neues Licht auf die Integration der Juden in das städtisch-christliche Umfeld. Jüdische Waffenträger finden sich allenthalben, ob als Ritter, Söldner, bewaffnete Reisende, Angehörige der städtischen Milizen oder als Waffenhändler und -produzenten, sogar in einem Bereich also, aus dem sie laut der mittelalterlichen Gesetzgeber eigentlich ausgeschlossen waren.

Der Mediävist Wenniger weist darauf hin, daß die dokumentierten rechtlichen Versuche, den Waffenbesitz bei Juden einzuschränken, keineswegs in einem militärischen, sondern in einem gesellschaftlichen Kontext zu betrachten sind. Das Tragen von Waffen war ein Statussymbol der gehobenen Schicht, auch innerhalb der Städte. Der soziale Aufstieg der Juden versetzte sie in die Lage, Waffen zu erwerben. Von der gehobenen städtischen Schicht und dem Adel als mehr oder minder gleichrangig toleriert, scheint es gang und gäbe gewesen zu sein, daß auch Juden in der Öffentlichkeit Schwerter zu tragen pflegten. Versuche, das Waffentragen in einem engen Rahmen zu halten, muß man, so Wenninger, als Ausdruck von städtischen Machtkämpfen verstehen, die nicht den Waffenbesitz an sich betrafen, sondern eher seine Funktion als Statussymbol.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Parallele zu 1933? Juden in Europa besorgt über AfD-Erfolge

Nicht nur Vertreter der Muslime fühlen sich angesichts wachsender Zustimmung für die AfD an finstere Zeiten in Deutschland erinnert. Auch der Verband der Juden Europas zieht einen Vergleich zum Aufstieg der NSDAP und fordert die Kanzlerin zum Eingreifen auf. Mehr

02.05.2016, 14:43 Uhr | Politik
Die Juden und das Bier Münchner Schau zeigt Braugeschichte

Mit der Ausstellung Bier ist der Wein dieses Landes geht das Jüdische Museum in München der langen jüdischen Braugeschichte nach. Schließlich begannen die Israeliten bereits vor 5000 Jahren mit dem Biertrinken. Damals war es sogar für rituelle Speisen gestattet. Mehr

13.04.2016, 15:33 Uhr | Gesellschaft
Jerusalem Wie ultraorthodoxe Juden sich auf Pessach vorbereiten

Die Küche schrubben, das Geschirr mit einem Ritual reinigen, ungesäuertes Brot backen: Die Vorbereitung auf das Pessach-Fest kostet ultraorthodoxe Juden in Jerusalem mehrere Wochen. Mehr Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem

22.04.2016, 13:52 Uhr | Gesellschaft
Rassismus zum Aufkleben Ausstellung zeigt Hass-Sticker

Von Kauft nicht bei Juden zu Nein zum Heim: Eine Ausstellung in Deutschen Historischen Museum in Berlin widmet sich antisemitischen und rassistischen Aufklebern seit 1880. Mehr

19.04.2016, 16:18 Uhr | Gesellschaft
Religionsverständnis der AfD Die AfD legt sich den Islam zurecht, wie sie ihn braucht

Gemäßigte Töne zum Islam sind aus dem Programm der AfD am Wochenende weggefallen. Doch es hätte noch viel schlimmer kommen können. Mehr Von Jasper von Altenbockum

03.05.2016, 15:14 Uhr | Politik
Glosse

Nach Himmelfahrt

Von Jürgen Kaube

In diesem Jahr fallen zu viele Feiertage auf Sonntage, und im nächsten wird es richtig schlimm. Muss das Konzept der Feier- und Brückentage neu überdacht werden? Mehr 7

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“