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Rückkehr des Abenteuerromans : Die schöne Ferne der Literaten

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„Mit Karl May um die Welt“ heißt die Ausstellung, die in Hannover noch bis zum 13. Oktober geöffnet ist. Die Abenteuerlust der Autoren und der Leser dürfte über diesen Termin hinaus anhalten Bild: dpa

Eine Form des Romans kann sich neuer Beliebtheit erfreuen: Der Abenteuerschmöker, ob intellektualisiert oder offen eskapistisch. Wo bleibt die Theorie dazu?

          Er habe eindeutig zu viel gesehen, resümiert der weitgereiste Georg Forster in Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ (2005), selbst als „Davongekommener erhole man sich nicht von der Nähe des Fremden“. Heute, da das Fremde vom Aussterben bedroht ist, mutet dieses Geständnis selbst fremd und verschroben an. Ortskenntnisse des entlegensten Bergdorfes können wir uns inzwischen mit ein paar Mausklicks verschaffen. Es ist nicht zu leugnen: Das Fremde schwindet.

          Jedenfalls in der Wirklichkeit. In der Literatur liegt der Fall anders. Drei der erfolgreichsten und besten deutschsprachigen Romane jüngerer Zeit thematisieren den Aufbruch in die Fremde und die Konfrontation mit gefährlichen Situationen. In Kehlmanns Buch unternehmen Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland eine Entdeckungsreise ins unerforschte Lateinamerika, während der Mathematiker Carl Friedrich Gauß am heimischen Schreibtisch geistige Eskapaden veranstaltet.

          Unterschiedliche Abenteuerlichkeitsgrade

          Ganz anders Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ (2010). Der Roman handelt von zwei tatendurstigen Jungen, die in den Sommerferien einen Lada klauen und durch eine exotisch anmutende ostdeutsche Provinz juckeln. In Christian Krachts „Imperium“ (2012) geht es um den Aussteiger August Engelhardt, der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nach Deutsch-Neuguinea reiste, um dort einen skurrilen Kokosnusskult zu etablieren. Bei allen Unterschieden teilen diese herausragenden Bücher eines - in ihrer Mitte steht das Abenteuer.

          Damit sind sie nicht allein. Vielmehr bilden sie bloß die Spitze des Eisbergs, denn dem Abenteuer widmen sich etliche neuere Romane und Erzählungen - man denke an Raoul Schrotts „Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde“ (2003), Alex Capus’ „Eine Frage der Zeit“ (2007) oder Karl Heinz Bohrers „Granatsplitter“ (2012). In diesem Jahr sind mit Rainer Merkels „Bo“ und Thomas Glavinics „Das größere Wunder“ gleich zwei schwergewichtige Bücher zum Thema erschienen. Freilich mit unterschiedlichen Graden an Abenteuersättigung: Mal poltert der Plot mit Schmackes von Fährnis zu Fährnis, mal geht es eher behutsam zu, mal sucht der Held unkalkulierbare Risiken, mal sehnt er sich nach einer Pause, mal ist der Ton ernst, mal ironisch. Was aber macht das Abenteuer in der Literatur grundsätzlich aus?

          Die Bewegungen des Abenteuerhelden

          Einen guten Hinweis gibt das „Deutsche Wörterbuch“ von Jacob und Wilhelm Grimm, wo nachzulesen ist, das Abenteuer sei verknüpft mit der Vorstellung eines „ungewöhnlichen, seltsamen, unsichern Ereignisses oder Wagnisses“. Und eines wissen Autoren seit jeher: Ungewöhnliches erlebt man ausschließlich in der Fremde. Odysseus, Iwein, Robinson Crusoe - zu Hause geblieben sind sie nicht. Dafür laden sie alle Zuhausegebliebenen zu einer vermeintlich unerwachsenen, ja durch und durch kindlichen Feststellung ein: Das bin ja ich, dem da Waghalsiges zustößt! Wer liest schon Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“, ohne sich vorzustellen, er selbst sei der tollkühne Jim Hawkins?

          Der Abenteuerheld ist kein feinfühliger Zauderer, sondern ein resoluter Zupacker. Er hält sich nicht mit mäandernden und komplexen Reflexionen auf; er liefert keine Gesellschaftsporträts oder Herzensergießungen; ihm geht es nicht darum, sein seelisches Befinden mitzuteilen oder ein großes Drama zu veranstalten. Obwohl er spitzfindig und gewitzt ist, zählt hauptsächlich seine Bewegung durch den Raum. Sie mündet zuverlässig in brenzlige Bewährungsepisoden, die durch körperlichen Einsatz bestanden werden.

          „Das Abenteuerliche“ bei Hegel

          Dass das Abenteuergenre derzeit einen Aufschwung verzeichnet, sollte nicht verwundern. Schon immer hat die Literatur sensibel auf den Fortschritt der Lebenswelt reagiert und sich zu ihr in ein ästhetisches Verhältnis gesetzt. Gerade jetzt, wo man dank GPS und Google Maps über globale Orientierung verfügt, ist das Bedürfnis nach unabsehbaren Verhältnissen, Nervenkitzel und einzigartigen Erfahrungen so groß wie nie.

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