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Veröffentlicht: 22.02.2017, 12:40 Uhr

Forscher klagt gegen Rezension Angriff ist nicht die beste Verteidigung

Den eigenen Ruf verschlimmbessern: Ein rezensierter Wissenschaftler klagt gegen seinen Rezensenten und liefert ein Paradebeispiel dafür, wie man Kritik erst so richtig in Umlauf bringt.

von Birte Förster
© Picture-Alliance Mit Wucht geworfen, mit Wucht zurückgekehrt: Manche Klagen funktionieren wie ein Bumerang.

Prominent rezensiert zu werden ist eigentlich der Wunsch eines jeden Autors, einer jeden Wissenschaftlerin. Promotions- und Habilitationsordnungen, aber auch stillschweigende Vereinbarungen der Wissenschaftsgemeinschaft verlangen, dass publizierte Schriften fachlicher Überprüfung standhalten. Da die Bewertung der Wissenschaftlichkeit so eine große Bedeutung für akademische Karrieren hat, gilt dies auch für Rezensionen. Deshalb ist Sachlichkeit ebenso geboten wie die Einordnung in den Forschungskontext, deshalb suchen Rezensionsorgane nach Expertinnen und Experten, deshalb werden Rezensionen sorgfältig lektoriert. Die rezensierte Autorin wie der Leser müssen sich auf gute wissenschaftliche Praxis verlassen können. Als Servicegenre bietet die Rezension einen Inhaltsüberblick, Einordnung und Bewertung, kurzum Orientierung für Forschung und Lehre.

All diesen Kriterien genügt eine von Sören Flachowsky, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Berliner Humboldt-Universität, verfasste Rezension, die am 14. Juni 2016 bei H-Soz-und-Kult veröffentlicht wurde, einer an der Humboldt-Universität angesiedelten Online-Plattform, die sich in Konkurrenz zu gedruckten Fachzeitschriften als wichtiges Medium für geschichtswissenschaftliche Besprechungen etabliert hat. Gegenstand der Rezension ist Julien Reitzensteins bei Schöningh verlegtes Buch „Himmlers Forscher“ über das „Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung“ (IWZ), eine Ausgründung des Ahnenerbes der SS. Was die Form angeht, hätte der Rezensent Inhaltsreferat und Bewertung noch etwas stärker trennen können, doch seine Einwände sind sachlich formuliert und gut begründet. Er übt Kritik an einer gewissen Überbewertung der Bedeutung des IWZ und vermisst Stringenz in der Bewertung der Handlungen des Institutsgeschäftsführers Wolfram Sievers.

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Vor der Veröffentlichung hatte die Kritik vor den Augen des zuständigen Fachredakteurs Michael Wildt bestanden, eines ausgewiesenen Experten für den Nationalsozialismus. Unglücklich ist der Umstand, dass Wildt an der Humboldt-Universität just den Lehrstuhl innehat, an dem Flachowsky beschäftigt ist. Immerhin bleibt diese institutionelle Verbindung von Redakteur und Rezensent nicht intransparent, denn bei H-Soz-und-Kult wird stets ausgewiesen, wer eine Rezension redaktionell betreut hat.

Der traditionelle Weg der Replik hätte es auch getan

Dass sich Reitzenstein mit dem Urteil über seine Düsseldorfer Doktorarbeit nicht abfinden wollte, ist legitim. Dazu hätte er den von der Redaktion angebotenen fachlichen Weg einer Replik wählen können; dass rezensierte Autoren eine Widerrede publizieren, ist bei H-Soz-und-Kult regelmäßige Übung. Stattdessen schlug Reitzenstein den juristischen Weg ein und klagte gegen Flachowsky vor dem Landgericht Hamburg, das am 27. Juli 2016 in einem ohne mündliche Verhandlung erlassenen Unterlassungsbeschluss das Streichen eines Halbsatzes verfügte. Der Text der Rezension wurde entsprechend bereinigt. Im November legten Reitzensteins Anwälte mit weiteren Unterlassungsforderungen nach. Mit Bezug auf zwei Sätze gab Flachowsky eine Unterlassungserklärung ab. Rüdiger Hohls, Projektleiter von H-Soz-und-Kult, lehnte es ab, eine auf die redaktionelle Kommentierung bezogene Unterlassungserklärung abzugeben. Gleichwohl löschte die Redaktion am Montag dieser Woche unter Verweis auf die Kosten einer Fortsetzung der juristischen Auseinandersetzung die Rezension von der Plattform.

44926403 © dpa Vergrößern Steinportal des Landgerichts Hamburg: Hier wurde ein schneller Unterlassungsbeschluss erwirkt.

Damit hat Reitzenstein nun ein Höchstmaß negativer Aufmerksamkeit für seine Dissertation erreicht. Welche Zeitschriftenredaktion wird sich künftig an seinen Büchern die Finger verbrennen wollen? Seine Klage ist nicht die erste dieser Sorte. Der 1946 gegründete „Göttinger Arbeitskreis“, der die Revision der Ostgrenze betrieb, verklagte 1960 nicht nur den Rezensenten Hartmut Jäckel, sondern auch die Redaktion der „Neuen Politischen Literatur“ wegen übler Nachrede und Beleidigung. Für Jäckel sowie die Herausgeber Erwin Stein und Waldemar Besson war dies eine Chance, den Göttinger Arbeitskreis vor Gericht unter die Lupe nehmen zu können. Die Auseinandersetzungen zogen sich über Jahre hin, erst 1968 kam es zu einem außergerichtlichen Vergleich.

Es ist bedauerlich, dass H-Soz-und-Kult dem juristischen Druck nachgegeben hat und nur diesen Ausweg sah, den Rezensenten schützen zu können. Doch die Organisatoren der Plattform beugen sich nur juristisch und bleiben ihrer Maxime treu, den Streit wissenschaftlich zu klären. Dazu haben sie Reitzenstein mit feiner Finte erneut aufgefordert: Michael Wildt und Rüdiger Hohls haben „eine eigenständige Bewertung des Buchs“ veröffentlicht, die Flachowskys Kritik über weite Strecken paraphrasiert.

Mehr Prominenz für eine Rezension ist kaum zu erreichen, und die Zirkulation des Originalbeitrags, den H-Soz-und-Kult zwar von der eigenen Seite, nicht aber von den Festplatten der Wissenschaftsgemeinschaft löschen konnte, wird ihr Übriges tun. So ist Reitzensteins Vorgehen ein Paradebeispiel dafür, wie man Kritik nicht widerlegt, sondern in Umlauf bringt.

Glosse

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