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Protest gegen AfD-Philosophen : Ohne Rechte reden

Dieser Redner macht berühmtere Philosophen zornig: Marc Jongen, Bundestagsabgeordneter der AfD und Schüler von Peter Sloterdijk. Bild: dpa

Marc Jongen, Bundestagsabgeordneter und Parteiphilosoph, durfte in einem angesehenen amerikanischen College sprechen. Professoren protestieren dagegen.

          Marc Jongen, Bundestagsabgeordneter und so etwas wie der Parteiphilosoph der Alternative für Deutschland, hielt am 12. Oktober einen Vortrag am Bard College im amerikanischen Bundesstaat New York. Auf Einladung von Roger Berkowitz, dem Direktor des Hannah Arendt Center for Politics and Humanities, sprach Jongen auf der Jahrestagung des Zentrums mit dem Generalthema „Die Krisen der Demokratie“ zwanzig Minuten lang über die Frage: „Muss die Demokratie populistischer sein?“ Im Anschluss an den Vortrag diskutierte Jongen mit Ian Buruma, dem Chefredakteur der „New York Review of Books“, und beantwortete ein paar Fragen aus dem Publikum.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Er führte sich ein mit Worten des Danks an die Vereinigten Staaten als das Land der freien Rede. In Deutschland, berichtete er, würden seine Vorträge gestört und verhindert. Mehrere hundert Intellektuelle und Kulturschaffende hätten gegen seine Einladung in ein Züricher Theater und damit gegen die Redefreiheit protestiert.

          Ein offener Brief bekannter Unterzeichner

          Einige Tage nach der Tagung erschien im „Chronicle of Higher Education“ ein offener Brief, dessen Unterzeichner gegen die Einladung an Jongen Protest einlegten. Die Bereitstellung des Tagungsrednerpults für den gescheiterten Habilitanden von Peter Sloterdijk wurde von Gelehrten der prestigereichsten Lehranstalten der Welt als Verletzung der „Verantwortung“ des Bard College gegenüber dem Erbe Hannah Arendts getadelt. Es unterschrieben Professoren aus Yale, Harvard, Berkeley und Columbia sowie gleich zwei Forscher aus dem exklusiven Zirkel der Dauerstelleninhaber am Institute for Advanced Study in Princeton, die Historikerin Joan Scott und der Anthropologe Didier Fassin. Der offene Brief löste eine Debatte in der amerikanischen Presse aus, in der auch eine Rednerin der Tagung, Masha Gessen, Jongens Anwesenheit kritisierte, während Suzanne Nossel, die Direktorin des amerikanischen PEN, die Partei des Bard College ergriff.

          Die Jongen-Affäre liefert ein Musterbeispiel für den Automatismus missglückender öffentlicher Kommunikation, mit dessen Analyse Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn in ihrem vieldiskutierten Buch „Mit Rechten reden“ einsetzen. Vertreter von Positionen des rechten Randes verstehen und inszenieren sich als Opfer herrschender Meinungsmacht. Leo, Steinbeis und Zorn halten eine Boykottstrategie von Gatekeepern öffentlicher Foren für kontraproduktiv: Sie beglaubigt die Opferpose.

          Ein Fall für Leo, Steinbeis, Zorn

          Den drei redegewandten Autoren ist die Überschätzung des Diskurses vorgeworfen worden. Aber sie setzen nicht darauf, das Ressentiment rechter Strategen zu entkräften, die sehr wohl wissen, dass sie einstweilen nur für eine Minderheit sprechen, und immer einen Anlass finden werden, über ihre Marginalisierung zu jammern. Masha Gessen bemerkte kühl, dass man über Jongens Ansichten auch in dessen Abwesenheit hätte diskutieren können. Gefährlich ist eine solche Politik des vor die Tür gesetzten Stuhls mit Blick auf ein neutrales Publikum, das sich sein Urteil vorbehält und höchst empfindlich auf alle Andeutungen vorsorglicher Einschränkungen des freien Meinungsaustauschs reagiert.

          Unterlief Berkowitz ein Kategorienfehler, als er den Parteifunktionär Jongen in ein akademisches Setting einlud? Der Politologe und Schriftsteller Hannes Bajohr gab in der „Zeit“ die Bewertung ab, der Vortragende Jongen sei „wissenschaftlich nicht satisfaktionsfähig“ gewesen. Wer hofft, den Wortführern des neuesten Nationalismus wegen intellektueller Insuffizienz die Saaltür weisen zu können, begibt sich auf dünnstes Eis. Jongens Ausführungen über Angela Merkel, die in der Euro-Krise einen permanenten Ausnahmezustand hergestellt und in der Flüchtlingsfrage dann vollends als Souverän im Sinne Carl Schmitts gehandelt habe, waren philosophisch dürftig. Aber unterbot er wirklich das Niveau aller Agamben-Paraphrasen, die man auf universitären Konferenzen über das Regime der europäischen Migrationspolitik hören kann?

          Die Verfasser des offenen Briefs begründen ihren Standpunkt, dass Jongen im Bard College nicht hätte sprechen dürfen, mit dem Inhalt des Vortrags. Auf „Normalisierung und Legitimierung der AfD“ lautet ihr Vorwurf an die Veranstalter. Jongen sagte, die unkontrollierte Zuwanderung muslimischer junger Männer sei ein „Akt der Gewalt“ gewesen

          Was heißt Normalisierung?

          Diese Ansicht ist in Deutschland sicher nicht normal im Sinne von allgemein verbreitet oder fraglos akzeptiert. Unfreiwillig gestand Jongen selbst das in der Passage seines Vortrags zu, in der er sich auf seine philosophische Kompetenz im Karlsruher Zuchtwahlfach Volksstimmungskunde berief: Die Aufhebung der Grenzkontrollen sei ein Trauma im klinischen Sinne gewesen, ein Schock, der erst allmählich ins Bewusstsein trete und die Gesellschaft komplett verändern werde – also offenkundig noch nicht genug verändert hat.

          Dass sich Jongen mit dieser verräterischen Aussage entzaubert habe, kann man so einfach nicht sagen. Doch auf so einfache Effekte darf man im politischen Streit auch nicht hoffen. Unter dem offenen Brief stehen die Namen berühmter Spezialisten für Anerkennung, Toleranz und das Handeln mit Worten: Judith Butler, Rainer Forst, Axel Honneth. Eine akademische Elite, die nicht an Gründen und Gegengründen interessiert ist, sondern die Legitimität von Argumenten bewirtschaften will, untergräbt die Legitimität ihrer Institutionen.

          Quelle: F.A.Z.

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