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Philosophische Neurokritik Wider die Übervorsicht

27.07.2011 ·  Die Hirnforschung formuliert ihr Deutungsmonopol nicht von einem enthobenen Aussichtspunkt aus, sondern von einem konkreten Standpunkt in der Welt mit all seinen Beschränkungen. Das Ziel der neuro-kritischen Philosophie ist es, ihr einen weiteren Horizont zu geben.

Von Christian Geyer
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Eine Verschärfung des Tons gegenüber den Stilisierungen und Übertreibungen der Neurowissenschaften kündigt sich in der Philosophie an. Der Berliner Philosoph Jan Slaby, einer der Initiatoren des Projektverbunds „Kritische Neurowissenschaft“ (www.critical-neuroscience.org), warnt seine Disziplin davor, in der Auseinandersetzung mit Hirnforschern „in übervorsichtiger Professionalisierung zu erstarren. Ein übersteigertes akademisch-redliches Streben nach Differenziertheit träte nicht zum ersten Mal als Feind der kritischen Einsicht und des nötigen Veränderungsdrucks auf“ („Perspektiven einer kritischen Philosophie der Neurowissenschaften“, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Jg. 59, Heft 3. Akademie Verlag, Berlin 2011).

Dass dies nicht etwa als Aufruf zu wissenschaftlicher Unredlichkeit missverstanden werden kann, stellt der Autor sogleich klar. Keinesfalls dürfe es den philosophischen Kritikern an neurowissenschaftlichen Darstellungen darum gehen, „dem marktschreierischen Enthusiasmus der Popularisierer einen spiegelbildlichen Alarmismus der ethisch Besorgten entgegenzusetzen“. Ein solcher Diskurs hätte nur die Verstärkung des zweifelhaften Eindrucks zur Folge, dass eine tiefgreifende wissenschaftliche und gesellschaftliche „Neuro-Revolution“ bevorstehe - und laufe auf eine unfreiwillige Werbekampagne für die kritisierten Slogans hinaus. Interessant in diesem Zusammenhang der Hinweis Slabys, dass manche der aktuellen Debatten zur „Neuroethik“ auf „Ablenkungsmanöver“ der Hirnforschung hinauslaufen: „Phantomdebatten, etwa über (unwahrscheinliche) Radikalformen von Neuro-Enhancement, lenken von den eigentlich problematischen strukturellen Entwicklungen geschickt ab.“

Weitere Horizonte

Nein, nicht einem wissenschaftlich verbrämten Pamphletismus redet Slaby das Wort, wenn er strategische Überlegungen für eine wirksame philosophische Kritik der Neurowissenschaften anstellt. Er wirbt vielmehr um die Bereitschaft, sich verstärkt den großen methodischen Linien und kulturellen Prämissen der als Leitwissenschaft auftretenden Hirnforschung zuzuwenden. Den Philosophen sollte es vermehrt darum gehen, die breiteren Horizonte freizulegen, in welche die neurowissenschaftlichen Denkstile und Praxisformen eingebettet sind: „Welche für selbstverständlich gehaltenen Vorgaben gehen auf diesem Wege in die Gegenstandskonstitution, die Erklärungsmuster, die Interpretationen von Versuchsergebnissen, die sinnstiftenden back stories ein? Welches Verständnis des Menschen, des Lebens, der Gesellschaft, der Wissenschaft liegt dem neurowissenschaftlichen Gegenstandsverständnis zugrunde; welche impliziten Zielvorgaben sind für die Forschung und ihre projektierten Anwendungen leitend?“

Vor solchen genuin philosophischen und wissenschaftstheoretischen Fragen muss sich eine Hirnforschung ausweisen, wenn sie die Bedeutung für das Selbstverständnis des Menschen nicht nur behaupten, sondern begründen möchte. Insofern versteht sich Slabys neurokritischer Zugriff auch nicht als philosophische Abgrenzung, sondern als Angebot einer vertieften, auf die anthropologischen Maßstäbe der Hirnforschung gerichteten Auseinandersetzung.

Messung gegen Interpretation

Ein kritisches Augenmerk gilt dabei dem „Verheißungscharakter“ der Neurowissenschaften: „Bahnbrechende Resultate“ werden unter Verweis auf die zwar bereits sehr fortschrittliche, aber noch nicht voll ausgereifte Technologie stets für eine nicht mehr ganz so ferne Zukunft in Aussicht gestellt. Das beflügelt futuristische Phantasien und setzt „spektakulär das ,ganz Andere' der ewig-mühsamen Deutungsroutinen der hermeneutischen Geisteswissenschaften in Szene“. So kommt es zu der Erwartung, Messdaten und Abbildungen könnten an die Stelle rivalisierender Erzählungen und Interpretationen treten, die zur Deutung der menschlichen Natur aufgeboten werden.

Für Slaby eine irrige Erwartung. Denn die Stilisierung der Hirnforschung zur Leitdisziplin übersieht eine Reihe unzureichender Voraussetzungen. Etwa, „dass die Neurowissenschaften selbst von Grund auf in die Spannungsfelder mannigfacher Diskurse und kultureller Praktiken eingelassen sind, dass ihre bisherigen provisorischen Resultate hochumstritten sind, dass oft mit gleich guten Belegen und Argumenten von verschiedenen Vertretern exakt gegenteilige Positionen vertreten werden“. Slaby macht schließlich auf das „immense Ausmaß“ aufmerksam, in welchem die aktuelle Hirnforschung dann doch Hypotheken aus dem neunzehnten Jahrhundert fortschreibt: „Ein weltanschaulich ausgeweiteter Evolutionismus als universales Deutungsmuster; das triumphale Verkünden eines freiheitsverhindernden Determinismus; plumpe Argumentationsfiguren zum Geist-Materie-Verhältnis; Typisierungen von Menschen anhand normaler oder abnormaler physiologischer Strukturen und dergleichen mehr“.

Sieht man recht, zeigt sich die Philosophie bei diesem forschen neuro-kritischen Programm auf der Höhe ihrer Möglichkeiten.

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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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