http://www.faz.net/-gqz-8xift
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 05.05.2017, 11:46 Uhr

Robert Spaemann wird neunzig Das Beste haben wir nicht selbst gemacht

Er stellt sich gegen technische Hybris, die Behandlung von Personen als Sachen und Ich-Verpanzerung und weiß, der Mensch hat nicht alles geschaffen: Zum neunzigsten Geburtstag des Philosophen Robert Spaemann.

von
© Helmut Fricke Der unnachgiebige Philosoph: Robert Spaemann.

Robert Spaemann ist ein unnachgiebiger Philosoph. Die Moderne ist ihm im Grunde ein Greuel. Ihr zieht er vor, was er die „altmenschheitliche Welt“ nennt, die er in seine Jugend im katholischen Westfalen und Rheinland noch hineinragen sah, eine Welt, in der „jeder seinen Platz“ hatte. Demgegenüber charakterisieren für ihn technische Hybris, die Behandlung von Personen als Sachen, Utilitarismus und Ich-Verpanzerung die Epoche. Unter allen Philosophen erscheint ihm David Hume der verheerendste, weil der den Satz geschrieben hatte: „Wir tun niemals einen Schritt über uns hinaus.“ Spaemann aber misstraut Leuten, die sich das zu eigen machen, Leuten ohne Sinn für das, was über uns hinausführt: Liebe, Kinder, Kunst, Natur, Wohlwollen.

Jürgen Kaube Folgen:

Die Schriften Robert Spaemanns, der in Stuttgart, Heidelberg und schließlich bis zu seiner Emeritierung 1992 in München Philosophie lehrte, entfalten in großer Konsequenz diesen Vorbehalt gegen moderne Ideale der Selbstverwirklichung im privaten wie im öffentlichen Bereich. Gegen Tierversuche – „Was sollte eigentlich sonst ein Verbrechen sein?“ – schrieb er ebenso wie gegen die Atomenergie, die Stammzellforschung und Liveübertragungen aus Gotteshäusern. Spaemann widerstrebt eine Welt, in der alles nur für unmittelbare Bequemlichkeits- und Genussbedürfnisse eingerichtet werden soll.

Prämissen europäischen Denkens

Doch Spaemann artikuliert dieses Widerstreben nicht in Form einer kulturkritischen Meinung, er argumentiert. Seine Bücher über „Glück und Wohlwollen“ (1989), „Personen“ (1996) und „Grenzen“ (2001) versuchen, die Prämissen des alten europäischen Denkens, in dem man von den Dingen durch Nachdenken herausfinden kann, wohin sie gehören, als nach wie vor lebendig zu behaupten und verständlich zu machen. Danach gibt es eine natürliche Ordnung auch für das Soziale, danach ist Natur Schöpfung und insofern gut, danach hat auch das Handeln wahrheitsfähige Ziele, von denen abzuweichen nicht nur unmoralisch, sondern ein Irrtum ist.

Spaemanns Sympathien lagen früh bei konservativen Gegnern einer Epoche, der dies alles nicht mehr einleuchtete. 1952 wurde er in Münster, bei Joachim Ritter, über den französischen Gegenrevolutionär Louis-Gabriel-Ambroise de Bonald promoviert, den heute nur noch die Ideengeschichtler kennen; wenn überhaupt. Dieser hatte, wie andere Konservative auch, die Moderne verständlicherweise viel klarer gesehen als ihre Verfechter. Wer ein Schloss zerstören will, studiert nicht seine Architektur. Also entwickelte sich so etwas wie Soziologie mehr bei den Verteidigern der bestehenden Strukturen als bei den Angreifern.

Mehr zum Thema

Der Mensch hat weder die Gesellschaft gemacht (sie war immer schon da) noch die Sprache (in welcher hätte man sich auf sie einigen können?) noch überhaupt etwas im strikten Sinne geschaffen. Für Robert Spaemann folgte daraus, dass alles Notwendige immer schon da war und das Wirklichste zugleich auch dasjenige ist, was sich nicht ersetzen lässt. Sogar einen eigenen Gottesbeweis hat er aus dieser Überzeugung abgeleitet. Wir können, so das Argument, nicht anders, als ein Bewusstsein anzunehmen, dem alles, was einst wirklich war, auch dann noch präsent ist, wenn alles vergangen sein wird. Zu jeder Vergangenheit gehört eine Gegenwart, für die sie Vergangenheit ist. Und also müsse es, wenn alles das Zeitliche gesegnet hat, noch jemanden geben, der das feststellt.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Eine merkwürdige Schlussfolgerung, gewiss, vielleicht mehr ein Wunsch, also das Gegenteil von einem Beweis. Doch man kommt um Robert Spaemanns Schriften nicht herum, indem man betont, was an ihnen Wunschdenken ist. „Sittliche Vernunft gibt es nur als erinnerte Natur“, hat er einmal gesagt, einen Satz, der klingt, als stünde er bei Theodor W. Adorno. Das Gute, heißt das, hat Unterstützung in dem, was uns vorgegeben ist. Dagegen lässt sich leicht einwenden, dass das Sollen nicht aus dem Sein abgeleitet werden kann. Doch das läuft auf die Tautologie hinaus, dass für Moral nichts anderes spricht als sie selbst, bloßes Sollen. So verzweifelt hat Robert Spaemann niemals denken wollen. Heute wird der Philosoph neunzig Jahre alt.

Glosse

Arbeitsvergeudung

Von Dietmar Dath

Der Fleiß der Bienen ist sprichwörtlich. Wenn ihrem Eifer etwas in die Quere kommt, hat das handfeste gesundheitliche Gründe. Ganz anders hingegen die Fleißbienchen des modernen Arbeitslebens: ihnen steht die Ahnungslosigkeit ihrer Kollegen im Weg. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“

Zur Homepage