27.01.2010 · Der Mann, der nicht Iwan der Schreckliche war: Der israelische Zeithistoriker Tom Segev sprach in Frankfurt über Rechtsstaatlichkeit, Moral und ein aufgehobenes Todesurteil.
Von Thomas ThielDer erste Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk, der 1987 in Jerusalem begann und nach einem vorläufigen Todesurteil fünf Jahre später mit dem Freispruch des Ukrainers endete, hinterließ in Israel das bedrückende Gefühl, dass die Spielregeln der liberalen Rechtsordnung keine effektive Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen zulassen. Es blieb der Eindruck, dass Demjanjuk zwar nicht, wie man vermutet hatte, jener „Iwan der Schreckliche“ gewesen ist, der im Konzentrationslager Treblinka Zehntausende Juden in die Todeskammer getrieben hatte.
Dass er jedoch keinesfalls unschuldig gewesen sei und seiner gerechten Bestrafung entkommen sei, weil formale Korrektheit über das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden siegte - dieses schale Gefühl stellte sich ein, so dass man im Nachhinein lieber auf das gesamte Verfahren verzichtet hätte. Dennoch sei die Einhaltung des rechtsstaatlichen Rahmens wichtiger als die Bestrafung Demjanjuks gewesen.
Selbstvergewisserung einer Nation
Diese Bilanz zog der israelische Zeithistoriker Tom Segev, einer der profiliertesten Publizisten seines Landes. Segev hat den Fall Demjanjuk von Beginn an für die liberale israelische Presse kommentiert und ist ihm bis zur derzeitigen Neuverhandlung am Amtsgericht München gefolgt. Er sprach an der Frankfurter Universität mit ruhiger, melodiöser Stimme über das Verfahren als wichtige Etappe bei der Selbstvergewisserung einer Nation.
Demjanjuk wurde in Jerusalem auf der Grundlage von Augenzeugenberichten vorgeworfen, im Vernichtungslager Treblinka Tausende Juden mit besonderer Perfidität in den Tod getrieben zu haben, was ihm dort den Beinamen „Iwan der Schreckliche“ eingebracht haben sollte. Der in der Sowjetunion aufgefundene SS-Dienstausweis, der Grund für seine Ausweisung aus den Vereinigten Staaten gewesen war, wies ihn hingegen als Trawniki, als hilfswilligen ukrainischen Wachmann im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen aus, wo er eine weniger bedeutende Rolle gespielt hätte, für die ihm jetzt in München der Prozess gemacht wird. In Jerusalem blieb diese Spur unbeachtet.
Scham der Überlebenden
Segev, prominentester Vertreter jener „neuen Geschichtsschreibung“, die den Gründungsmythos Israels einer Revision unterzieht, bezeichnete den Prozess als wichtige Station bei der Herausbildung des israelischen Nationalbewusstseins, die den Holocaust erst zum wesentlichen Bestandteil israelischer Identität gemacht habe. Sei die juristische Verfolgung von NS-Tätern schon in Deutschland zahlenmäßig gering und die Strafen milde ausgefallen, so liege die Ironie darin, dass es in Israel nicht anders gewesen sei. Auch im neuen Staat Israel war die Schoa ein lange Zeit beschwiegenes Thema. Die aufstrebende, zukunftsgerichtete Nation hatte kein Interesse, die Schatten der Vergangenheit hervorzuholen. Hinzu kam die Scham der Überlebenden, auf denen der stille Vorwurf lastete, sich gefügig gemacht zu haben.
Die Täterverfolgung kam daher nur schleppend in Gang. Neben dem Schamgefühl stand die Machtlosigkeit der israelischen Rechtsprechung gegen Kollaborateure. Ein Gesetz gegen jüdische Straftäter etablierte schließlich 1950 eine eigene Form der Rechtsprechung. Kam es zu Prozessen, so fanden sie abseits der Öffentlichkeit statt, die Presse schwieg sie tot.
Exemplarisches Verfahren
Erst mit dem Eichmann-Prozess wurde der Holocaust zum nationalen Identifikationsmoment. In diese Linie ordnete Segev auch den Demjanjuk-Prozess ein, was erklärt, warum ein Verfahren um ein kleineres Rädchen des Terrorapparats, das als Ukrainer nicht einmal das Bild des typischen NS-Täters abgeben konnte, so viel Aufsehen erregte. Die israelische Öffentlichkeit habe sich in dem Verfahren bewusst die Aufgabe gesetzt, an die Schoa zu erinnern. Zeichen des außerordentlichen, exemplarischen Charakters war die große öffentliche Resonanz. Das Verfahren wurde in einen Kinosaal verlegt, der schnell überfüllt war. Erstmals wurde ein Gerichtsverfahren in Israel live im Fernsehen übertragen. Es ging darum, die nationalen Lehren, die Israel aus der Vernichtungspolitik zog, zu vergegenwärtigen: das Existenzrecht Israels und die Notwendigkeit seiner Verteidigung.
Die Richter nahmen den öffentlichen Anspruch auf und schraubten ihn noch höher, indem sie den Prozess zu einem philosophischen Lehrstück über Schuld und Massenmord ausweiteten. Der feierliche, poetische Duktus ihres Urteilsspruches, der in „heiliger Ehrfurcht“ historische Wahrheiten aus „den finsteren Tagen der grauenhaften Schoa zu untersuchen“ sich vornimmt, ging über das juristische Register hinaus und nahm Anleihen bei religiöser Sprache. Das Verfahren war hoch angesetzt, um im Banalen zu enden.
Gewissenspflichten
Es war in den Worten Segevs kein Schauprozess, alles sei rechtmäßig abgelaufen, auch wenn das Vorurteil von Demjanjuks Schuld die Presse und das Verfahren selbst beherrschte. Die Strategie der Verteidigung zielte darauf ab, die Echtheit des SS-Dienstausweises zu bestreiten, der Demjanjuks Tätigkeit in Sobibor belegte. Über die formalen Streitigkeiten geriet die überwölbende Dimension der Schoa aus dem Blick. Wochenlang drehte sich die Verhandlung um Papiersorte, Schreibmaschinenmodell, Tinte, Klebstoff und Stempel des umstrittenen SS-Ausweises. Das öffentliche Interesse erlahmte, der Gerichtssaal leerte sich. Der Prozess endete 1988 mit dem Todesurteil, dem automatisch der Einspruch folgte. Was Demjanjuk das Leben rettete, war der Fall des Sowjetreiches, der neue Akten zutage förderte, auch die Erkenntnis, dass der ominöse „Iwan der Schreckliche“ ein anderer war. 1993 wurde Demjanjuk freigesprochen, obwohl sich der Verdacht, dass er in Sobibor gedient hatte, eher erhärtet hatte.
Angetreten, die allgemeinmenschlichen Lehren hervorzukehren, die sich aus dem Nationalsozialismus ergeben, verfehlte der Prozess sein Ziel, die Pflicht des Soldaten zur Verweigerung eines rechtswidrigen Befehls im nationalen Bewusstsein zu verankern. Wenn Demjanjuk jetzt in München erneut der Prozess gemacht wird, ist der Eindruck ein anderer. Ein alter, hinfälliger Mann im Bett wird gerichtet, nicht mehr der furchterregende, grobschlächtige Kerl von damals. Dennoch sei der Prozess wichtig, so Segev, weil Antisemitismus und Rassismus noch immer keine überwundenen Phänomene seien. Was man in Jerusalem verpasste - das individuelle Gewissen als Vermittlungsinstanz zwischen Befehl und Gehorsam in Erinnerung zu rufen -, das steht nun in München hinter dem Prozessgeschehen.