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Neue Serie: Das Digitale denken : Das Denken muss nun auch den Daten folgen

  • -Aktualisiert am

Bild: Wahl, Lucas

Die Geisteswissenschaften reagieren ratlos auf die digitale Revolution. Doch die verändert die Welt und die Art, wie wir uns selbst erleben, dramatisch. Es ist überlebenswichtig, diesen Wandel mit neuen Begriffen fassen und beeinflussen zu können.

          Entgegen einem frommen intellektuellen Glauben ereignen sich Entdeckungen und Erfindungen nicht prinzipiell dann, wenn Menschen auf sie angewiesen sind - und beinahe unsinnig wirkt heute die Unterstellung, dass wir ihre Folgen und Herausforderungen stets unter Kontrolle haben. Rückblickend sieht man, wie Erneuerungen uns oft einfach zustoßen. Besonders deutlich erscheint dies hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen technischen Innovationen und den vielfachen Bedingungen der Produktion, der Entwicklung und des Gebrauchs von Wissen.

          Beständig formt Technik unsere Epistemologien um, nicht nur die Strukturen des Wissens, sondern auch die Modalitäten seines Entstehens aus den Reaktionen des Bewusstseins auf die uns umgebende Welt. Einfacher und zugleich radikaler gesagt: Technische Innovationen verändern - oft gleichsam hinter unserem Rücken, manchmal sogar gegen unsere Absichten - das Denken und über das Denken die Grundlagen der menschlichen Existenz.

          Doch nun ist das Denken mit einer für das Überleben der Menschheit möglicherweise entscheidenden und bis vor kurzem kaum geahnten Herausforderung konfrontiert. Denn die elektronischen Technologien, die man lange als eine bloße Optimierungsform herkömmlicher Aufschreibesysteme unterschätzt hatte, transformieren nicht allein die Institutionen unserer Kommunikation in grundlegender und nicht vorhersehbarer Weise, sie bewirken über den Wandel der Kommunikationsformen nicht allein vielfache Veränderungen in den Strukturen von Gesellschaft und Politik: Deutlich wird nun auch und vor allem, dass sie sich unseren traditionellen Begriffen und Denkstrukturen sperren - was bedeutet, dass ihre Entwicklung und ihr Einfluss fürs Erste aus der Reichweite intellektueller und wissenschaftlicher Analyse gedriftet sind.

          Wir stehen wieder an einem Anfang

          Erst in dieser gesellschaftlichen und intellektuellen Konstellation zeigt sich die ganze Signifikanz eines Motivs, von dem große Denker der vorigen Generation, Jacques Derrida etwa oder Friedrich Kittler in Deutschland, besessen waren. Sie hatten immer wieder darauf hingewiesen, wie das klassische westliche Denken (und die Wissenschaft als sein Produkt) seit den griechisch-antiken Ursprüngen vom strukturellen Impuls der linearen Schrift ermöglicht und zugleich limitiert worden war. Vieles spricht dafür, dass die Entfaltung dieser Möglichkeiten um 1900 ein Ende und ein Stadium der Ermüdung erreicht hatte, so dass sich die Philosophie und die Geisteswissenschaften im zwanzigsten Jahrhundert mit der Produktion von Alternativen und Varianten am Leben gehalten hatten.

          Jetzt stehen wir - als Intellektuelle und Wissenschaftler - wieder an einem Anfang, der als Herausforderung durchaus mit dem Anfang des fünften vorchristlichen Jahrhunderts zu vergleichen ist, aber aufgrund der demographischen, ökologischen und auch politischen Bedingungen, unter denen wir mit ihm konfrontiert sind, eine ganz andere Dimension der Dringlichkeit und vor allem des Risikos mit sich bringt.

          Bevor wir davon träumen dürfen, die Folgen der elektronischen Revolution zu steuern oder wenigstens abzufedern, müssen wir neue Instrumente der Analyse erfinden, um ihre Strukturen und Prozesse überhaupt zu erfassen - früh genug, um zu vermeiden, dass die wachsende Unabhängigkeit und Eigengesetzlichkeit dieser neuen Welt unumkehrbar wird.

          Eine von Begriffen noch unmarkierte Zone des Erlebens

          Bisher haben die Geisteswissenschaften auf diese Situation - von wenigen Ausnahmen abgesehen - in geradezu peinlich harmloser Weise reagiert. Denn während sie auf der einen Seite kaum Anstalten machen, ihre überkommenen Begriffe zu verändern, wollen sie auf der anderen Seite unter dem Programmtitel der „Digital Humanities“ zeigen, dass sie offen sind, elektronische Technologie zur Beförderung eigener Forschungsprozesse einzusetzen - und dabei vielleicht noch einige magere Drittmittel zu ergattern.

          Gewiss lassen sich mit elektronischen Instrumenten größere Quantitäten von Dokumenten als bisher analysieren und manche Fragen beantworten, die lange offengeblieben sind. Doch darin liegt nicht mehr als ein beschränktes Potential von kleinen Fortschritten, an denen außerhalb der Geisteswissenschaften niemandem liegt. Was das Denken unserer Gegenwart schuldet, sind erste entschlossene Schritte in eine noch gar nicht von Begriffen markierte Zone des Erlebens - mit dem Ziel, ein sich unter elektronischen Bedingungen über unser Bewusstsein herausbildendes neues Verhältnis zur Welt und zu uns selbst zu begreifen.

          Die Milchstraße am Sternenhimmel ist eine gute Metapher für den Aufbruch der Denkens in eine neue Dimension
          Die Milchstraße am Sternenhimmel ist eine gute Metapher für den Aufbruch der Denkens in eine neue Dimension : Bild: picture alliance / WaterFrame

          Und genau um ein Begleiten und Begreifen dieses Prozesses in intellektueller Nüchternheit muss es gehen, jenseits von Fortschritts-Euphorie und kulturkritischem Gejammer.

          Vier Bereiche als ein erstes Grundriss

          Für einen solchen ernsthaft-nüchternen Denk-Anfang möchte ich vier Bereiche als einen ersten Grundriss abstecken, der während der kommenden Wochen in dieser Zeitung durch neue Ansätze der Reflexion ausgefüllt, differenziert und verschoben werden soll.

          Die lineare Schrift war der Ausgangspunkt für eine mehr als zweieinhalbtausend Jahre dauernde Epoche, welche wir die „Zeit des Textes“ nennen können. Aus der Dominanz ihrer epistemologischen Prämissen wird klar, warum Philologie, die Kunst der Textbewahrung und Textpflege, als Grundlage des intellektuellen Lebens und später auch der verschiedenen geisteswissenschaftlich-akademischen Disziplinen eine so wichtige Rolle spielte.

          Doch während auf Stein, Papyrus, Pergament und Papier festgehaltene Texte immer „stabile“ Texte sind, haben elektronisch produzierte und aufbewahrte Texte (vielleicht sollten wir eher von „elektronischen Wissensaggregaten“ reden) eine spezifische Plastizität.

          Sie sind - im konkretesten und bis vor kurzem kaum vorstellbaren Sinn - nie abgeschlossen. Das heißt, man kann solche Wissensaggregate zu jedem Augenblick ausdehnen oder verkürzen, komplexer oder schlanker machen. Zugleich widerstehen sie dem Verfall in der Zeit und ohne Abstriche auch dem Vergessen.

          Alles verfügbare Wissen ist auf jedem Laptop zugänglich

          Traditionelle Aufgaben der Philologie sind obsolet geworden, doch erstaunlicherweise hat ihr Verlust der Philologie einen neuen Status und eine neue Aura gegeben. Vor allem aber steckt in den elektronischen Medien das Potential, alles uns verfügbare Wissen auf jedem Laptop zugänglich zu machen, so dass der klassische Wissensbesitz über das Gedächtnis viel von seinem Prestige verloren hat.

          Ein Verhältnis der „Klassizität“ im Umgang mit Texten und Kunstwerken der Vergangenheit, das heißt: ein Gefühl direkten Zugangs trotz zeitlicher und kultureller Distanz, ist unter elektronischen Bedingungen keine Ausnahme mehr. Um die Geschwindigkeit des Zugangs geht es jetzt, wichtiger noch, um die Fähigkeit, in Konfrontation mit beständiger Überkomplexität aus vorhandenem Wissen in prägnanter Weise zu selegieren - und am Ende vielleicht vor allem um eine neue Gelassenheit gegenüber jenen Datenströmen, die beständig auf elektronischen Wegen fließen, ohne sich je an uns zu richten.

          Shoshana Zuboff lehrt an der Havard University und wurde durch ihre Untersuchungen über den Einfluss der neuen Technologien auf die Arbeitssituation bekannt
          Shoshana Zuboff lehrt an der Havard University und wurde durch ihre Untersuchungen über den Einfluss der neuen Technologien auf die Arbeitssituation bekannt : Bild: Russ Schleipman

          Im Zeitalter des Textes ist auch eine Grenze zwischen „privat“ und „öffentlich“ als zentrale soziale Unterscheidung entstanden, die wesentlich von Formen der Kommunikation abhing. Abgesehen von institutionell markierten Ausnahmen sollten geschriebene Texte in der Öffentlichkeit zirkulieren, während die Sphäre des Privaten aus mündlicher Kommunikation hervorging und sich in ihr vollzog.

          Wahrhaft unendliche Datenmengen

          Heute machen die sogenannten „Social Networks“ uns vertraulich erscheinende Inhalte und Gefühle einer potentiell unendlichen Leserschaft zugänglich, während auf der anderen Seite nicht wenige der klassischen (und manchmal öffentlich subventionierten) Buchpublikationen weniger als zehn Leser finden und der in seinem Selbstverständnis „für die Menschheit“ schreibende, aber ungelesene Blogger, ohne es zu wissen, sogar neue Dimensionen absoluter Einsamkeit erschließt.

          Solche technologisch bedingten Verschiebungen haben traditionelle juristische Begriffe wie „Autorschaft“ oder „Copyright“ obsolet gemacht, ohne dass es den Rechtssystemen bisher gelungen wäre, sie durch neue Konzepte oder gar neue Rechtsverfahren zu ersetzen.

          Vor allem aber werden in der elektronischen Gegenwart wahrhaft unendliche Datenmengen aus der Welt der Privatheit für die klassischen „Geheimdienste“, für die vor allem im neunzehnten Jahrhundert ausgebildeten Überwachungsinstrumente des Staates, zugänglich - einschließlich der privaten Kommunikation ihrer Arbeitgeber aus der Politik. Dabei gelangt ein enormes Macht- und Nötigungspotential in die Hände der Geheimdienste.

          Kollektive Bewegungen ohne individuelle Intention

          Doch die Frage ist nicht allein, ob der Staat als Auftraggeber, ob die Geheimdienste selbst und ob ihre Agenten das kontrollierte Wissen als Schlüssel zur Macht missbrauchen würden und zu missbrauchen verstünden. Denkbar wäre ja auch, dass der Wert privater Daten unter elektronischen Bedingungen bald schon einem schnellen und dramatischen Kursverfall ausgesetzt wäre, mit dem sich das Problem der „Überwachung“ selbst beseitigte.

          Elektronische Kommunikation verschiebt nicht allein soziale Unterscheidungen und Grenzen, sie verändert auch die Bedingungen der Zeitlichkeit, unter der wir handeln. In vielfachen Kontexten des Handelns nach klassischer Definition (das heißt: bei der Verwirklichung gegenwärtiger Vorstellungen von zukünftigen Situationen) werden diese Handlungen neuerdings als „Trends“ - oft über Visualisierungen auf Bildschirmen - anderen potentiell Handelnden zugänglich. Zum Beispiel bei der morgendlichen Wahl des Wegs zur Arbeitsstätte. Innerhalb kurzer Zeitspannen reagieren Handlungen dann auf vorausgehende Handlungen anderer und bringen so kollektive Bewegungen hervor, die nicht mehr irgendeiner individuellen Intention entsprechen können.

          „Plug and Play“ - zu Deutsch: anschließen und loslegen - ist eine typische Silicon-Valley-Formel. Im übertragenen Sinne gilt sie auch als Appell an die Geisteswissenschaften
          „Plug and Play“ - zu Deutsch: anschließen und loslegen - ist eine typische Silicon-Valley-Formel. Im übertragenen Sinne gilt sie auch als Appell an die Geisteswissenschaften : Bild: AFP

          Ein in seinem reduzierten Zeitlichkeitshorizont und vor allem seinen Auswirkungen weit dramatischerer Fall ist die Börse der Gegenwart. In Sekundenbruchteilen können sich dort heute Konvergenzen der Investition und Reinvestition als finanzielle Bewegungen zeigen, denen sich andere Investoren anschließen oder von denen sie abweichen wollen. Die handlungsrelevante Zukunftsmarge der Wirtschaft ist - in diesem Bereich zumindest - von Wochen oder Tagen auf Sekundenbruchteile heruntergefahren, ja möglicherweise zu einem Teil der Gegenwart geworden.

          Damit hat sich auch der Begriff des Handelns, vor allem im Hinblick auf das Selbstverständnis der Handelnden, grundlegend verändert: Man plant nicht mehr im Voraus, als ob man einen Text schriebe, sondern reagiert schnell und fortgesetzt auf die Umwelt im Vertrauen auf die eigenen Intuitionen.

          Weder Erfolg noch Scheitern sind zu erklären

          Aus dem auf Jahrzehnte vorausschauenden „Wirtschaftskapitän“ ist also ein „Investment-Spieler“ mit starken Instinkten geworden, der - wenigstens derzeit noch - weder seinen Erfolg noch sein Scheitern wirklich erklären kann. Analog versuchen auch Unternehmen langfristige strategische Festlegungen zu vermeiden - vor allem, trotz aller Erfolge, in der Elektronik-Industrie.

          Sollten solche Transformationen in der Zeitlichkeit des Handelns tatsächlich zu unserer historischen Gegenwart gehören, dann ist es auch an der Zeit, uns von all jenen - besonders den Intellektuellen so lieben - Verschwörungstheorien zu befreien, nach denen wir die Rolle von Opfern in Drehbüchern der Macht spielen, die für uns nicht lesbar sind. Vielleicht ist ironischerweise aus dem vor allem vom Sozialismus so hochgehaltenen Begriff eines politisch revolutionären „kollektiven Handelns“ eine ganz andere Konzeption von Handeln geworden, in der wir alle - einschließlich der Google-Gründer, der Mega-Investoren und unserer Politiker - kurzfristig in immer weiter zirkulierenden Schleifen und blinder, als wir dies uns selbst zugeben möchten, jenen Trends folgen, an deren Emergenz wir selbst beteiligt waren. Ein eigenartig kopflos-demokratischer Impuls wäre das.

          Immer wieder werden wir daran erinnert, dass der größere Teil der Menschheit heute - ganz anders noch als während des frühen zwanzigsten Jahrhunderts - in Städten lebt, während unerwähnt bleibt, dass seit den achtziger Jahren zahlreiche früher den Körper in Anspruch nehmende Arbeiterberufe abgelöst worden sind von Situationen der Interaktion mit Computern. Diese Entwicklung ist Teil einer globalen Homogenisierung der Arbeitsbedingungen, an deren Horizont wohl auch grundlegende Unterschiede zwischen Arbeitszeit und Freizeit verschwinden könnten.

          Ein Trend zu Eindimensionalität und Zufälligkeit

          In all diesen neuen Szenarien der Anbindung an elektronische Systeme, deren Erscheinungsformen immer menschlicher werden („Her“, der neueste Film mit Joaquin Phoenix, rechnet gerade diese Entwicklung in eine nicht allzu ferne Zukunft hoch), in all unseren Anbindungen an elektronische Systeme fungieren wir innerhalb verschiedener Modalitäten der Fusion von Bewusstsein und Software: Deutlicher und zentraler als je zuvor hängt unsere Existenz vom Bewusstsein ab, sind wir zu einem kaum mehr überbietbaren Grad „cartesianisch“ geworden.

          Hans Ulrich Gumbrecht, Literaturprofessor in Stanford, eröffnet die Serie über die Konsequenzen des digitalen Zeitalters für die Geisteswissenschaften
          Hans Ulrich Gumbrecht, Literaturprofessor in Stanford, eröffnet die Serie über die Konsequenzen des digitalen Zeitalters für die Geisteswissenschaften : Bild: Pilar, Daniel

          Zugleich stoßen wir allenthalben nicht nur auf eine neue Sehnsucht, den eigenen Körper zu spüren, zu trainieren und zu kultivieren, sondern, allgemeiner noch, auf eine Begierde nach epistemologischem Realismus. Wir wollen unsere Welt über die Sinne wahrnehmen, gleichsam „unterhalb“ aller Zweifel an der Erkenntnisgewissheit. Solche Tendenzen könnten eine Reaktion auf den Alltags-Cartesianismus und auf die Virtualisierung des Lebens unter elektronischen Bedingungen sein.

          Vielleicht haben sie auch zu tun mit einem Trend zur Eindimensionalität und Zufälligkeit in der Welterschließung unter elektronischen Bedingungen. Vorerst können wir nur die Gleichzeitigkeit konstatieren zwischen der Emergenz der elektronischen Welt und der Emergenz eines epistemologischen Realismus, einer Sehnsucht nach Intensität, Stimmung und sinnlicher Weltwahrnehmung, einer allgemeinen Mobilisierung ohne Richtung (vieles davon lässt sich als „ästhetische Erfahrung“ beschreiben) - und uns selbst diese Gleichzeitigkeit zum Denken aufgeben.

          Zu neuen Gesten des Denkens

          Mit einer Serie von Essays will diese Zeitung in den kommenden Wochen den Impuls zu einem Denken der elektronischen Welt verstärken, welcher die Selbstbescheidung der „Digital Humanities“ und die Selbstzufriedenheit der Medienwissenschaft vermeiden soll, aber auch kulturpessimistische Depression, fortschrittsfreudige Euphorie und den kurzfristigen Spaß an geistreichen Thesen. Die elektronische Welt unter ihren eigenen Bedingungen zu denken schließt langfristig die Herausforderung ein, neue Begriffe, Formen der Argumentation und Gesten des Denkens entstehen zu lassen, die - anders als die von uns ererbten intellektuellen Strukturen - Teil einer veränderten Epistemologie der elektronischen Zeit werden könnten.

          Auf ganz verschiedenen Ebenen und in nicht notwendig konvergierenden Richtungen haben sich unsere Autoren in ihrer Arbeit gerade solchen Aufgaben gestellt.

          Evgeny Morozov hat durch seine Interventionen in der „New Republic“, der „New York Times“ oder dem „Economist“ die intellektuelle Behäbigkeit von zahlreichen Ansätzen aufgestört, welche Politik in unserer elektronischen Gegenwart ausgehend von überkommenen Begriffen und Werten analysieren.

          Claus Pias leitet an der Universität Lüneburg ein Forschungszentrum, das die spezifische deutsche Tradition der „Medienwissenschaft“ für die Probleme der Gegenwart und einer noch nicht abzusehenden epistemologischen Zukunft offenhalten soll.

          Shoshana Zuboff von der Harvard University wurde weltweit berühmt, weil sie den Einfluss der neuen Technologien auf Situationen der Arbeit in aller Komplexität zu erforschen begann, als deren nachhaltige Auswirkungen noch generell unterschätzt wurden.

          Evgeny Morozov, der Netztheoretiker und Internetkritiker, hat immer wieder Impulse für ein neues Denken der elektronischen Welt gesetzt
          Evgeny Morozov, der Netztheoretiker und Internetkritiker, hat immer wieder Impulse für ein neues Denken der elektronischen Welt gesetzt : Bild: Gyarmaty, Jens

          Peter Galison, ebenfalls von der Harvard University, gilt als einer der großen Historiker der Naturwissenschaften und diskutiert - oft in innovativen medialen Formen - ihren gewandelten Stellenwert unter elektronischen Bedingungen.

          Philip Mirowski von der Notre Dame University hat aus historischer Perspektive ein neues Verstehen des Einflusses elektronischer Kommunikation auf die Wirtschaft erschlossen.

          Terry Winograd von der Stanford University gilt als einer der Begründer von „Computer Science“ als akademischer Disziplin und ist bis heute zugleich ein Vordenker von Silicon Valley geblieben.

          John Hennessy schließlich hat nicht nur das unter Spezialisten als entscheidend geltende wissenschaftliche Buch über Strukturen und Funktionen der Chips geschrieben, er war nicht allein an der Software-Entwicklung für die heute unter dem Namen „Nintendo“ so populären Computerspiele beteiligt und als Professor für „Electrical Engineering“ der akademische Mentor für die beiden Google-Gründer; als Rektor von Stanford, jener Institution, von der die elektronische Technologie ihren Ausgang nahm, hat er einen singulären Einfluss auf das intellektuelle Zentrum von Silicon Valley und auf seine Produktionswelt.

          Die Herausforderung ist unser Schicksal

          Unsere in programmatischer Absicht zugleich publizistische und akademische Initiative schließt in drei Hinsichten an eine von Martin Heidegger freigesetzte Dynamik an. Sie unterstellt, dass das Denken der Gegenwart in einer Öffnung auf die neueste Technik seine Bewährung finden muss; dass davon tatsächlich das Überleben der Menschheit abhängen könnte; und dass das Denken der Gegenwart seine entscheidenden Fragen und Perspektiven noch immer zu identifizieren hat.

          Anders als Heidegger aber glauben wir nicht, dass die Lösung dieser Probleme in der Dimension eines vorintellektuellen, gerade wegen seiner Unterkomplexität zu feiernden Denkens gelingen kann. Nicht ausgeschlossen, dass die überlebensnotwendigen Analysen und Antworten gar nicht in Reichweite des menschlichen Bewusstseins sind - in diesem Fall könnten wir uns mit dem an Gewissheit grenzenden Eindruck trösten, dass möglicherweise alle anderen Gattungen des Lebens ohne reflexive Erfassung ihrer Situation problemlos existieren.

          Das, worauf Intellektuelle meiner Generation lange als einen „politischen“ Kampf gewartet haben, ist also in der Gegenwart dieser Zukunft zu einer Herausforderung des Denkens geworden, die zu ignorieren wir uns nicht leisten können. Diese Herausforderung ist unser Schicksal - und unsere Chance auf intellektuelle Bewährung und auf Überleben.

          Quelle: F.A.Z.

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