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Veröffentlicht: 02.12.2012, 21:17 Uhr

Napoleon Des Kaisers fließendes Verhängnis

In der Schlacht an der Beresina konnte Napoleon den Kern seines Heeres retten, doch in den Fluten des Dnjepr-Nebenflusses fielen Tausende französischer Soldaten, Frauen und Kinder der russischen Artillerie zum Opfer.

von Thomas Schuler
© Historisches Museum Luzern Heute ist an der Beresina nichts mehr von den dramatischen Szenen zu erahnen, die sich vor 200 Jahren dort abspielten.

„Dann ist es eine Beresina“, gilt heute in Frankreich als Sprichwort für ein beispielloses Debakel, das zuletzt im Präsidentenwahlkampf 2012 schlagkräftige Verwendung fand. Seinen Ursprung hat das geflügelte Wort inmitten der größten humanitären Katastrophe des neunzehnten Jahrhunderts, des Russland-Kriegs Napoleons. Nachdem es dem französischen Kaiser nicht gelungen war, die Armeen des Zaren entscheidend zu schlagen, hatte er am 19. Oktober 1812 den Rückzug aus Moskau angetreten. Mit aller Härte war bereits Ende des Monats der russische Winter hereingebrochen und hatte in Verbindung mit den unermüdlich angreifenden Kosaken der Grande Armée schwere Verluste zugefügt. Auf dem Weg nach Westen befand sich zudem ein natürliches Hindernis, dessen Brücken von den Russen wohlweislich zerstört worden waren: die Beresina, ein birkengesäumter Seitenfluss des Dnjepr.

„Wo und wie wir die Beresina passieren werden,“ schrieb ein Offizier aus Westphalen, „ist eine Frage, womit gewiß in diesem Augenblick sich ein jeder denkende Offizier beschäftigt, welche aber niemand, auch selbst Napoleon nicht, einigermaßen befriedigend zu beantworten imstande sein wird.“

In dieser ausweglosen Lage wandte Napoleon eine verwegene Kriegslist an, indem er bei Borissow demonstrativ Bäume fällen und einen Brückenbau vortäuschen ließ. Während auf diese Weise die gesamte Aufmerksamkeit der russischen Armeeführung auf Borissow gelenkt wurde, erfolgte der tatsächliche Brückenschlag vier Wegstunden weiter flussaufwärts bei dem kleinen Dorf Studjanka.

Frauen und Kinder werden mit Kolbenschlägen abgewiesen

Dort wurden auf mehreren, eilig gebauten Flößen 300 Jäger über den Fluss gebracht, um den Übergang am westlichen Ufer zu decken. Das Dorf Studjanka selbst wurde kurzerhand niedergerissen, um das notwendige Holz für den Brückenbau zu beschaffen. Dann stiegen 400 Pontoniere, nur mit ihren Unterhosen bekleidet, in die Beresina, die bis zu zwei Meter große, scharfkantige Eisschollen führte, und rammten bis an die nackten Oberkörper im eiskalten Wasser stehend die Brückenpfeiler in den schlammigen Flussgrund. „Während“, so ein Augenzeuge, „die Kälte Kristalle an ihren einzelnen Körperteilen bildete“, reichte den in der Flussmitte stehenden Männern das Wasser bis an den Mund. „Ihre Körper wurden von Eisschollen zerschnitten, aber sie arbeiteten weiter. Einige brachen leblos zusammen, andere verschwanden in der Strömung.“ Die Pontoniere durften jeweils nicht länger als 15 Minuten im Wasser bleiben; dann setzten sie sich ans Biwakfeuer am Ufer, wurden in Bärenfelle gehüllt und bekamen heißen Branntwein. Napoleon selbst sprach den Männern Mut zu und ließ ihnen aus seinen persönlichen Vorräten Stärkungen austeilen. Dennoch überlebten von den 400 Pontonieren nur etwas mehr als 20, die anderen starben an Unterkühlung oder wurden von der Strömung weggerissen.

Napoleon © Rainer Wohlfahrt Vergrößern Nachdem er Moskau nicht hatte einnehmen können, musste Napoleon am 19. Oktober 1812 den Rückzug aus Russland antreten. Damit geriet er mitten in den früh einsetzenden russischen Winter.

Am Nachmittag des 26. November geschah, was kaum jemand für möglich gehalten hätte: Wie eine Erscheinung erhoben sich die beiden Holzbrücken in der Beresina und bildeten für die französische Armee buchstäblich die Verbindung zwischen Leben und Tod. Während sogleich mit dem Übergang begonnen wurde und die dezimierten Truppen die Beresina überquerten, traf im Laufe der Nacht der gesamte, aus mehreren 10 000 Menschen und rund 3000 Wagen bestehende Tross der Armee am östlichen Ufer ein. Darunter waren viele Frauen und Kinder. Die Eingänge der beiden Brücken wurden von finster blickenden Gendarmen bewacht, die zunächst nur kampffähigen Truppen den Übergang erlaubten, alle anderen wurden mit Kolbenschlägen unerbittlich zurückgewiesen.

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