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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Nachruf auf Wilhelm Hennis Ein Mann direkter Worte – und Taten

 ·  Unbequem, kritisch, aufrecht: Der Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis war ein Kritiker der Parteien und ein Verteidiger der Abgeordneten – beides im Interesse einer lebendigen Demokratie.

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© Zeitenspiegel

Der erste Text von Wilhelm Hennis, den diese Zeitung druckte, war am 10.Juli 1956 ein Leserbrief. Die Überschrift lautete: Ist Parteidemokratie demokratisch? Ein halbes Jahrhundert lang, mit einer fast übermenschlichen Hartnäckigkeit, die sich nie durch Zynismus aushöhlen ließ, kam der Politologe auf das Thema zurück. Als er 1998 in die Sammlung handlicher Klassiker aufgenommen wurde, die in keinem bildungswilligen Haus fehlen darf, gab er dem Heft Nr.9724 von Reclams Universal-Bibliothek den Titel „Auf dem Weg in den Parteienstaat“. Im gleichen Jahr setzte die Abwahl des am längsten regierenden Kanzlers der Bundesrepublik die Ereignisse in Gang, die der von Hennis vorgetragenen Parteienkritik ihre größte Resonanz verschaffen sollten, als Helmut Kohl die Loyalität gegenüber Parteispendern über die Treue zum Gesetz stellte.

1956 setzte sich Hennis kritisch mit einem Antrag des SPD-Unterbezirks Frankfurt an den Bundesparteitag auseinander. Die Hessen wollten eine Bestimmung der Satzung aufgehoben wissen, nach der jedes zehnte Mitglied der Bundestagsfraktion Stimmrecht auf dem Parteitag hatte. Bekämpft wurde das Abgeordnetenprivileg im Namen der innerparteilichen Demokratie. Diese Losung kommt als Paraphrase von Artikel 21 des Grundgesetzes daher. Dort steht vor dem von Kohl in den Wind geschlagenen Satz, dass die Parteien über die Herkunft ihrer Mittel öffentlich Rechenschaft geben, die Bestimmung, dass ihre innere Ordnung demokratischen Grundsätzen zu entsprechen hat. Nie wieder sollte eine Partei nach dem Führerprinzip organisiert sein.

Regierungslehre

Wenn die Forderung der Harmonie von Parteisatzung und Staatsverfassung im Sinne eines Gebots der Demokratisierung ausgelegt wurde, dann drohte, wie Hennis voraussah, der Volksherrschaft Gefahr vom Parteivolk. Die Abgeordneten sind Träger einer ursprünglichen demokratischen Legitimität, für die Hennis ihnen eine innerparteiliche Prämie ausschütten wollte. An der Stelle der Parteimitglieder agieren im Parteiapparat die Funktionäre. Den Frankfurter Reformern machte Hennis den schlimmsten unter Sozialdemokraten denkbaren Vorwurf: Er stellte sie als rückständig hin. In England habe die Führung der Labour Party das Problem erkannt; mit dem „besten Kenner des britischen Parteiensystems“ nannte Hennis die Gegengewichte zur Parlamentsfraktion archaisch.

Das war ein wenig zu optimistisch; mit Tony Blair, der die Archaismen unter dem Beifall begriffsschwacher Hofpolitologen später gründlich beseitigte, wird Hennis nicht glücklich gewesen sein. Unvermeidlichen Idealisierungen zum Trotz legte Hennis durch Heranziehung englischer Usancen und Maximen ein empirisches Fundament für seine Version der Wissenschaft von der Politik, die in der jungen Bundesrepublik nach ihrer Identität als Fachdisziplin suchte. Der Vorschlag von Hennis, der in Göttingen bei Rudolf Smend zum Dr. jur. promoviert worden war, 1960 in Hannover die erste Professur und 1962 in Hamburg den ersten Lehrstuhl erhielt, lautete Regierungslehre und zog Neugier der Praktiker auf sich.

„Ein Mann von unbedingter Rigorosität“

Die Politiker waren es nicht gewohnt, dass ein Gelehrter die Politik so realistisch beschrieb, dass er etwa bei der Erörterung der Rolle des Abgeordneten nicht vom freien Mandat des Grundgesetzes ausging, sondern von der Langeweile des Sitzungsalltags. Friedrich Karl Fromme hat die belebende Wirkung festgehalten, die von der Erscheinung des Vortragsredners ausging: „Hennis, ein Mann von unbedingter Rigorosität, eher klein von Wuchs, gedrungen, Anfang der Vierzig, mit ergrauendem Haar, das das Motiv der Ungebärdigkeit fortsetzen zu wollen scheint, mit von der Stirn bedrängten eindringlichen dunklen Augen“ - so sprach er im Januar 1968 in Frankfurt über die Lage der Universitäten, jugendliches Ungestüm im Habitus konservierend just in dem Moment, da er als Widersacher der akademischen Jugendbewegung hervortreten sollte.

In den Überlegungen zur Hochschulverfassung bewährte sich der Realismus seiner Lehre: Wie Fromme notierte, interessierte ihn in der Krise „das Verschulden der Universitäten selbst“, und das hieß „der Machthaber in ihnen, der Professoren“. Wenn man das, was die Deutschen seit 1945 über die Politik gelernt haben, auf die Formel der Verwestlichung bringen möchte, wird man Hennis seinen Anteil am pädagogischen Erfolg zumessen. In seinem Fall nahm die Orientierung an England allerdings eine Vorliebe wieder auf, die bei den Deutschen schon einmal vorherrschend gewesen war.

Mit dem Blick nach England

Wilhelm Hennis, in Hildesheim am 18.Februar 1923 geboren, stammt aus einer Familie von Gärtnern, die weltweiten Handel betreibt. Er war stolz darauf, dass die heute von seinem Neffen geleitete Firma Wilhelm Hennis Orchideen alle Inflationen überlebt hat. Das norddeutsche Kaufmannserbe mag den Blick nach England gelenkt haben; dass Hennis im englischen politischen Leben die gedankliche Form historischer Erfahrungen suchte, weist ihn als Fortsetzer des klassischen Liberalismus aus. Wo aber die deutschen Zeitgenossen der Viktorianer die Bedeutung der lokalen Selbstverwaltung ebenso überschätzten wie die Offenheit parlamentarischer Diskussionen, da sah Hennis Westminster nicht als Gegenmodell zum Anstaltsstaat. Im Gegenteil hat das englische Regierungssystem die Konzentration der Entscheidungsmacht aufs höchste gesteigert.

Um den sachlichen Ertrag und die Grenzen der politischen Wirkung der Untersuchungen und Interventionen von Hennis zum Parlamentarismus der Bundesrepublik zu erkennen, muss man sich vor Augen führen, dass er die Parteien dazu erziehen wollte, die Machtchancen zu ergreifen, die aus der Legitimation von Regierungsmehrheiten durch Volkswahlen fließen. Hennis hat den Verfall des Amtsgedankens gerügt, ließ aber keinen Zweifel daran, dass politische Ämter von Parteimitgliedern wahrgenommen werden müssen. Es gibt weder ein Zurück zur Honoratiorenpolitik noch den Ausweg einer Herrschaft der Experten.

Hennis fand Gehör in der Politik

Sein eigenes politisches Handeln entsprach dieser Einsicht: Der Kritiker des Frankfurter Unterbezirks war selbst Frankfurter SPD-Mitglied und beriet als Universitätsassistent von Carlo Schmid seinen Chef in Fragen der Gremientaktik. Nach 1969 trat er zur CDU über und wurde (zunächst) nicht parteilos - weil politische Wirksamkeit, wie er in einem Interview sagte, heute an Parteimitgliedschaft gebunden sei. Sein Biograph Stephan Schlak schildert, wie Hennis das Ohr des neuen CDU-Vorsitzenden Kohl fand. Und tatsächlich hörte dieser Alexander der Innenpolitik auf seinen Aristoteles, als er 1976 nach Bonn ging - gemäß dem englischen Grundsatz der Einheit von Partei- und Fraktionsführung.

Wilhelm Hennis bewunderte Walter Bagehot, den Redakteur des „Economist“, der die englische Verfassung machtpositivistisch auslegte. Wo Bagehot die „effizienten“ und die „würdevollen“ Institutionen unterschied, sah Hennis sich genötigt, eine für die deutsche Verfassungstradition so charakteristische Institution wie den Bundesrat als ineffizient und würdelos zu kennzeichnen.

„Wir alle kommen hinunter zum Essen, aber jeder hat ein Zimmer für sich.“ Im Sinne dieses Satzes von Bagehot beruhte das Politikverständnis von Hennis auf dem bürgerlichen Grundgedanken, dass es für den einzelnen Menschen Wichtigeres gibt als die Politik. Dieselbe Frage, was für ein Mensch der Mensch sein will, entdeckte Hennis als das Problem Max Webers - mit revolutionären Folgen für die Weberforschung. Als Gelehrter und Publizist führte Hennis kein Doppelleben. Für ihn war auch die Zeitung eine Institution mit Verfassungszweck. In Freiburg, wo er von 1968 an eine beachtliche Zahl origineller Schüler für seine Wissenschaft von der Politik begeisterte, ist Wilhelm Hennis jetzt, drei Monate vor seinem neunzigsten Geburtstag, gestorben.

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Jahrgang 1967, Feuilletonkorrespondent in New York.

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