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Veröffentlicht: 10.07.2017, 23:26 Uhr

Nachruf auf Werner Hamacher Spurenlese im Bodenlosen

Freier Geist von immenser Flugkraft: Zum Tod von Werner Hamacher, der mit dem Poststrukturalismus die Kunst grenzenlosen Fragens nach Deutschland brachte.

von Christiaan Lucas Hart Nibbrig
© The European Graduate School EGS Geist in Bewegung: Werner Hamacher.

Unermüdlich, bis an die Ränder der Selbsterschöpfung, brach er früh schon auf, das Niemandsland zwischen Literatur und Philosophie zu erforschen und von Text zu Text aufs Neue das bewusste Sich-Verirren im Weglosen zu erproben. Dort, in der Bodenlosigkeit seines Fragens, war er zu Hause. Rückhaltlos risikobereit. Zwischen den Lehrstühlen. Im Freien. Ein mutiger Einzelgänger, der, zunehmend einsam, zum Schutz seiner Verletzbarkeit über Unverständnis oder beißende Ablehnung ebenso hinwegsehen konnte wie über blinde Anhängerschaft.

Werner Hamacher, emeritierter Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt und Emmanuel-Lévinas-Professor an der European Graduate School in Saas- Fee, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, Germanistik, Philosophie und Religionswissenschaft an der Freien Universität Berlin und an der École normale supérieure in Paris, wo Jacques Derrida sein Lehrer war. Schon „Pleroma“, seine Doktorarbeit über Hegels dialektische Hermeneutik, seinerzeit ein Geheimtipp, erregte mit der These Aufsehen, dass der Anspruch auf Vollendung von philosophischem System und Geschichte, zu Ende gedacht, ins Leere ausläuft und das letztlich Undenkbare, begriffsscheue Andere des Denkens einer anderen Zugangsweise bedarf. In seinen Essays wurde Hamacher nicht müde, jenes nicht stillzulegende Andere durch präzise Aussparung in seinem Sich-Entziehen freizusetzen.

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Neben seiner internationalen Vortragstätigkeit hat Hamacher mit der ihm eigenen charismatischen Verve an zahlreichen Orten unterrichtet: Freie Universität Berlin, Johns Hopkins University, New York University, Yale University, den Universitäten von Amsterdam und Jerusalem, École normale supérieure. Bei Stanford University Press hat er die Buchreihe „Meridian – Crossing Aesthetics“ herausgegeben. Mit Leidenschaft und Finesse übersetzte Hamacher Autoren, die ihm wichtig waren, von Derrida bis Paul de Man, und machte sie für die deutschsprachige Diskussion zugänglich.

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Die Sinn und Rede wendende Literatur war für ihn kein Gegenstand, über den sich problemlos sprechen ließe, als ob sie stillhielte gegenüber der Lektüre. Hamacher dachte sie als radikal unverfügbar, innerhalb einer Relation, in der das aufeinander Bezogene je als bewegter Teil einer gemeinsamen Bewegung wirksam ist und von dieser nicht einfach abgezogen werden kann. Denn „Verstehen will verstanden sein“, wie Hamacher in seinem Buch „Entferntes Verstehen“ (1998) schreibt, als die Bedingung seiner Möglichkeit und seiner Grenze. „Zur Philologie gehört“, so lautet die 57. seiner „95 Thesen zur Philologie“ von 2010, „ bei aller Neigung zu dem, was gesagt ist, der Mut zu dem, was es nicht ist“.

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Wer ihn bei Vorträgen erlebt hat, deren Skripte immer erst kurz vor dem Auftritt als rough text, wie er es nannte, fragmentarisch und versuchsweise zu einem offenen Ende gebracht wurden und die, aus Gründen der fortschreitenden Selbstbezweiflung, außer für die hartgesottenen Fans meistens viel zu lang gerieten, der wird sich jener charakteristischen Geste entsinnen, welche das folgernde Schließen begleitete, wenn’s ums Ganze ging, das für ihn des Teufels war: das beidseitige Öffnen der angewinkelten Arme und Hände. Da, bitte, es zeigt sich, wie von selber. Take it or leave it! Aristoteles hatte dafür ein Wort: „délon“. Hamacher liebte es, wie kaum ein anderes.

Die Autoren, die Hamacher teuer waren und denen sein bohrendes Nachdenken galt, wurden zu Mitarbeitern am hyperbolischen Wurf-Versuch, ihre Schreibbewegung gleichsam über sie selbst hinaus zu lesen: Euripides, Kant und Nietzsche, Friedrich Schlegel, Cervantes, Shakespeare, Kleist, Hölderlin, Baudelaire, Kafka, Benjamin, Ponge, Char, Celan und viele mehr.

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Die sogenannten Geisteswissenschaften verlieren mit Werner Hamacher, der am Mittwoch im Alter von 69 Jahren verstorben ist, einen freien Geist von immenser Flugkraft. Die Fragen, die er auf seine Weise zu stellen wagte – nach der Sprache und dem Sprechen über Sprache, das Sprechen über Geschichte, das Recht auf Recht, Streik, Zufall, ja, die Frage nach dem Fragen selbst und nach tiefsitzenden metaphysischen, kategorialen Glaubensbeständen – wie „telos“ im Gegensatz zum schlechthin Undienlichen und deshalb lebendig „Realen“, das sein Interesse so mächtig anzog –, sie sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Sie werden als Impulse überleben und weiter gären. „... und noch einmal, Verstehen ... ist wesentlich diese Zuwendung zum anderen – Zuwendung zu dem ..., was ungesagt ist, zum Schweigen wie zum Sprachlosen und Stummen ... Sprechen, das ist immer auch Mitteilung an die Toten und Teilung mit ihnen.“ Wer spricht, wer versteht, stirbt – und hört, prosaisch genug, zu sterben nicht auf. Mit einem Wort, das für Nietzsche, für Kafka und Benjamin wichtig war, kann man sagen: Er „überlebt“ und ist „überlebt“, wie er es in „Entferntes Verstehen“ selbst formuliert hat.

Ein letztes Wort, nachgerufen mit starkem Dank für ein lebenslanges Gespräch, in dem gelegentlich die Fetzen flogen: Du wirst uns schmerzlich fehlen, Werner! In diesem Fehlen bist Du da.

Glosse

Barfuß über das ganze Dach

Von Andreas Rossmann

Der Bahnhof von Syrakus sieht aus wie viele Bahnhöfe. Aber im Jahre 1927 hat sich hier eine Romanze zugetragen, die in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Mehr 4

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