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Nachruf auf Robert Bellah : Bergpredigt mit Lincoln

Robert Bellah 1927 - 2013 Bild: Archiv

Er deutete die republikanische Zivilreligion der Vereinigten Staaten als Konfession eigenen Rechts und wurde mit seinen Diagnosen zum nationalen Propheten: Zum Tod des amerikanischen Soziologen Robert Bellah.

          Als Barack Obama 2009 als 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt wurde, zitierte er in seiner Antrittsrede den elften Vers des dreizehnten Kapitels aus dem Ersten Korintherbrief. Amerika sei eine junge Nation, für die jetzt aber die Zeit gekommen sei, den kindlichen Habitus abzulegen. Den Grundsatz, dass alle Menschen gleich sind, frei sind und die Chance verdienen, ihr Glück zu machen, beschrieb der Präsident als ein von Gott gegebenes Versprechen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Als die Quelle der Zuversicht, dass die Wirtschaftskrise sich überwinden lasse, benannte er „das Wissen, dass Gott uns auffordert, einem unbestimmten Schicksal Form zu geben“. Und er forderte die Bürger zu einem gemeinschaftlichen Handeln auf, in dem man im Rückblick das Wirken von Gottes Gnade solle erkennen können.

          Wie viel Religion ist eine Zivilreligion?

          Handelt es sich bei diesen Formulierungen schlicht um Floskeln, die der Präsident nur deshalb verwendet, weil er sich bei der Gelegenheit seiner förmlichen Amtsübernahme so feierlich wie möglich ausdrücken will? Verbreitet ist die Meinung, die in der Verfassung garantierte Religionsfreiheit gebiete es, die frommen Worte unverbindlich auszulegen, als bloße Ornamente. Obama sagte schließlich in seiner Rede ausdrücklich, dass auch Ungläubige zur Nation gehören. Die Gegenthese, dass man die Anrufungen Gottes wörtlich zu nehmen hat, als Bekenntnis des Glaubens an eine höhere Macht und Bekräftigung eines Bundes mit ihr, stellte der Soziologe Robert Bellah in einem Aufsatz auf, der 1967 in der Zeitschrift der American Academy of Arts and Sciences erschien.

          Bellah führte Rousseaus Begriff der Zivilreligion in die amerikanische Verfassungsdebatte ein. Man kann die Wirkung seines Aufsatzes mit der Rezeption vergleichen, die in der Bundesrepublik der Sentenz Ernst-Wolfgang Böckenförde von den Voraussetzungen des säkularisierten Staates zuteil wurde. Mit dem Unterschied, dass Bellahs Konzept auch intensive empirische Forschungen über religiöse Prägungen des Staatsbewusstseins provozierte.
          Im allgemeinen Sprachgebrauch wird mit der Zivilreligion das Undogmatische verbunden: Zivilreligion ist ein Gegenbegriff zu Konfession. Eine Eigentümlichkeit der Bellah-These ist, dass ihr Urheber die amerikanische Form der Zivilreligion als vollgültige Religion deutete, die sich der Formen des Christentums bediene, aber neben dem Christentum stehe. Sie habe ihre eigene Eschatologie und in der Person von Abraham Lincoln ihre eigene Christusfigur.

          Eine republikanische Gotteslehre

          Just zu dem Zeitpunkt, da Theologen aller Konfessionen vom überlieferten Opferbegriff abrückten, stellte Bellah ihn ins Zentrum seiner republikanischen Gotteslehre. Er wehrte die von Christen wie von Atheisten vorgebrachte Kritik ab, dass die religiöse Sprache des amerikanischen Staatszeremoniells der Ausdruck nationalistischer Selbstvergötzung sei. Die Erinnerung daran, dass alle Präsidenten den Amerikanern den Auftrag zugewiesen hatten, Gottes Werke auf Erden zu tun, verstand Bellah im Vietnamkrieg als Aufforderung zur Umkehr.

          Bellah war 1967 noch kein Fachmann für die amerikanische Gesellschaft. Talcott Parsons, sein Lehrer in Harvard, hatte ihn überredet, den Vortrag zu halten, aus dem der Aufsatz hervorging - mit dem Argument, ein Soziologe müsse über alles schreiben können. Bellah war als Student Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen. Gegen den Protest von Parsons versuchte die Universitätsleitung, seine Anstellung von seiner Bereitschaft abhängig zu machen, die Namen ehemaliger Genossen zu verraten. Seine erste Forschungsarbeit behandelte Verwandtschaftsstrukturen bei den Apatschen - im Rückblick wollte er schon in dieser Themenwahl ein Indiz seiner Unzufriedenheit mit der nationalen Ideologie des Individualismus sehen.

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