Home
http://www.faz.net/-gqz-7460h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Nach dem Wirbelsturm Sandy überm Efeuturm

Die Hurrikane werden wiederkommen. Selbstversorgung in der Exzellenzzone und Gelehrte beim Generatorenkauf - ein Bericht aus der amerikanischen Universitätsstadt Princeton.

© ASSOCIATED PRESS So sah sie vor dem Wirbelstumr aus - die efeubewachsene Nassau Hall der Universität Princeton (hier auf einem Bild aus dem Jahr 2001).

Mein Vater hat den Zweiten Weltkrieg als Kind in Thüringen erlebt. Als junger Mann ist er aus der Ostzone nach Westdeutschland geflohen. Seitdem war er darauf gefasst, dass die Russen kommen. Wir hatten immer Vorräte im Haus.

Ich selbst bin vor sechs Jahren mit Mann und Kindern nach Princeton, New Jersey, ausgewandert, der dortigen Universität wegen. Anfang November tobte „Sandy“ über uns hinweg. Seitdem sind wir darauf gefasst, dass die Hurrikane kommen. Wir werden immer Vorräte im Haus haben.

Draußen ist es gefährlich

Dass es mit Sandy schlimm kommen würde, hatten die Meteorologen vorausgesagt. Bis abends um sieben gab es an jenem Sonntag noch Strom. Das war länger, als wir bei dem zwölfstündigen Inferno draußen zu hoffen gewagt hatten. Eine riesige Fichte im Nachbargarten stürzte um, nur knapp am Hausdach vorbei. Ab und zu flackerte es grünlich am Horizont. Kein Wetterleuchten: Da gingen Umspannwerke und Transformatoren in die Luft. Nur die angekündigten Rekordregenmengen warf „Sandy“ woanders nieder; von Überschwemmungen blieb Princeton, anders als bei „Irene“ im vergangenen Jahr, diesmal verschont.

Am Abend nach dem Hurrikan sind die trutzigen Gebäude der Universität eine hell erleuchtete Arche im Meer der Dunkelheit. In der Firestone-Zentralbibliothek ist fast jeder Arbeitsplatz besetzt. Es herrscht konzentrierte Ruhe, Tastaturen klicken. Nur die Eingangshalle ist voller als gewöhnlich. An jeder Steckdose hängt ein Laptop oder Smartphone zum Aufladen. Wer keine elektronischen Botschaften schickt oder Skype-Telefonate führt, liest die aktuellsten Meldungen über „Sandy“. Auf den Bildschirmen leuchten Bilder vom „Jersey Shore“, der Atlantikküste, die der Hurrikan verwüstet hat, oder von der überfluteten New Yorker U-Bahn. So gewinnt man wieder etwas Distanz zum Geschehenen. Licht, Wärme, Kommunikation - all das gibt es hier, gibt ein Gefühl von Normalität, das rund um die Universität zu diesem Zeitpunkt keiner mehr hat.

Wenige Meter hinter dem Campus ist der Gehsteig im Stockfinsteren kaum zu erkennen. Doch es sind ohnehin kaum Fußgänger unterwegs. Noch am Vorabend, kurz bevor auch das Festnetz zusammenbrach, hatten die städtischen Behörden per Telefonansage dringend davon abgeraten, die Häuser zu verlassen: Die abgerissenen Kabel seien lebensgefährlich. Viele Straßen waren durch umgestürzte Bäume und Strommasten bereits unpassierbar.

Studium trotz Sturm

Auch die Princeton University hat rund fünfzig große Bäume verloren. Aber hier gibt es keine abgeknickten Strommasten, kein Kabelgewirr. Wie alles an dieser Institution ist auch die - privat finanzierte - Infrastruktur auf Dauer angelegt. Die Kabel sind unterirdisch verlegt. Neue Gebäude werden nach strengen Energieeffizienzkriterien gebaut. Auch verlässt sich die Universität nicht allein auf den regionalen Versorger, Public Service Enterprise Group (PSE&G). Seit 1996 hat sie ihr eigenes, erdgasbetriebenes Kraft-Wärme-Kopplungs-Kraftwerk, das im Notfall ihren gesamten Energiebedarf deckt. Deshalb haben alle Studenten, die während der Herbstferien in ihren Wohnheimen geblieben sind, trotz des Hurrikans Strom und heißes Wasser.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Hells Angels Türkische Rocker haben starken Zulauf

Die türkische Fraktion der Hells Angels wächst an. Das macht sie intern zur Konkurrenz anderer Charter in Hessen. Der Kampf um die Vorherrschaft ist noch lange nicht beendet. Mehr Von Katharina Iskandar, Frankfurt

27.07.2015, 14:41 Uhr | Rhein-Main
Skype Translator Maurice Lenhard im Gespräch

Skype übersetzt jetzt auch in Deutsch. In Sprache und Text. Und zurück. Wir haben mit einem Franzosen die Übersetzungsfunktion ausprobiert. Mehr

29.06.2015, 17:57 Uhr | Technik-Motor
Al-Wazir zur Energiewende Ohne neue Netze wird es nicht funktionieren

Neue Netze, neue Lampen, neue Studie: Mit 15 Millionen Euro will Wirtschaftsminister Al-Wazir die Energiewende innerhalb von vier Jahren beschleunigen. Was Al-Wazir mit dem Geld genau vorhat. Mehr Von Ewald Hetrodt, Wiesbaden

29.07.2015, 06:19 Uhr | Rhein-Main
Peru Reißende Fluten zerstören Straßen und Häuser

In mehreren Regionen Perus haben starke Regenfälle Flüsse über ihre Ufer treten lassen. Heftige Schlammlawinen beschädigten Straßen und Häuser. Die Regierung rief den Notstand aus. Mehr

31.03.2015, 12:08 Uhr | Gesellschaft
Was Sie heute erwartet Mehr Geld für Straßen und Brücken

Mehr Geld für Straßen und Brücken. Endlich eine gute Nachricht. Mehr Geld hätten auch die Griechen gern. Und so mancher bankrotte Amerikaner. Mehr

20.07.2015, 07:27 Uhr | Wirtschaft

Veröffentlicht: 08.11.2012, 13:11 Uhr

Glosse

Das ist Köttelbecke

Von Andreas Rossmann

Von der Kloake zum Lebensraum: Deutschlands schmutzigster Fluss, die Emscher, soll bis 2020 renaturiert werden. Eine Köttelbecke allerdings soll als olfaktorisches Mahnmal bleiben. Mehr 4 8